Logbuch
STAMMESÄLTESTE.
Putin nimmt Botox, fürchte ich. Nicht, dass allein das gegen ihn spräche. Aber, Genosse Generalsekretär, man sieht inzwischen unter der jugendlichen Strahlkraft das Alter. Menschlich, allzu menschlich, wenn man das auch bei einem absoluten Herrscher sagen darf.
Das Alter soll man eigentlich ehren. Ich gehöre ja mittlerweile zu den Nutznießern einer solchen Einstellung, die graues Haar (oder die schüttere Glatze) mit Respekt behandelt. Nun gut. Aber dass Greise das Sagen haben, darüber würde ich gerne noch mal reden wollen. Eine Betrachtung zur Tradition des Stammesältesten.
Viele Weisheiten zum Wesen des Lebens habe ich von einem Berliner Chirurgen, der wie alle Medizinmänner schnörkellos denkt. Mit vierzig Lenzen, sagt er, sei man biologisch aus der Pflicht. Man hat dann Kindern das Leben geschenkt, ist also generationstechnisch mit der Erhaltung der Art durch. Große Skeptiker warten vielleicht noch ab, ob es zu Enkeln kommt. Das war es dann aber auch, was das Leben angeht. Der Rest ist Hobby. Oder die Gnade und Gunst des HERRN.
Als Zeichen der Hochkultur gilt anschließend, dass die auf dem Altenteil noch einen Platz auf der Ofenbank kriegen, täglich einen Teller warmer Suppe und ab und an ein freundliches Wort. Aber das Sagen? Die Alten an die Macht? So hielten es wohl die Herrschaftshäuser des Adels und die primitiv genannten Stammeskulturen. Aber macht das kognitiv Sinn? Ich blicke auf Joe Biden, wie er in staksigem Schritt ans Mikro tippelt und dann nicht mehr weiß, was er sagen wollte. Dieser Großvater ist der Hegemon und rettet uns vor einem erneuten Präsidenten Trump? Ich habe Zweifel.
Ohnehin kann man hinterfragen, warum die Natur die Gebärfähigkeit zeitig beendet, während die Samenproduktion noch Jahrzehnte anhält. Das Privileg der Böcke ist doch, mal abgesehen vom Biologischen, ein Institut des Patriarchats! Durch Unsinnsdrogen wie Viagra wird diese biologische Überlänge noch illusorisch erweitert. Unselige Peinlichkeiten des ewigen Machos sind die Folge.
Trump soll gerade in einer Rede Biden mit Obama verwechselt haben. Der war schon nicht helle, als er noch in Saft und Kraft stand. Die Demenz kommt schleichend. Von Ronald Reagan erzählt man sich, dass er im Alter nicht mehr zwischen Erinnerungen an wirkliches Erleben und Filmszenen aus seiner Schauspielerkarriere unterscheiden konnte. Das gefällt mir beruflich als Konstruktivist, ist aber, wenn es um Krieg oder Frieden geht, kein Trost.
Ich mach es mal drastisch: Wir kommen in Windeln ins Leben und gehen, wenn wir Glück haben, auch so. Das Sagen sollte den Lebensaltern dazwischen vorbehalten sein.
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WÄHRSCHAFT.
Man sollte die Kronenhalle in Zürich nicht zu sehr loben, das erhöht nur den Anteil der Touristen in Shorts; auch wenn man sich hier wie andernorts redlich müht, durch enorme Preise das gemeine Volk rauszuhalten. Stammgast dort ist der Schriftsteller Martin Sutter, der im Lokalteilt der Neuen Zürcher Zeitung dazu doziert.
Die Gemälde an den holzvertäfelten Wänden sind, das weiß selbst der sandalenbewehrte Tourist aus dem Reiseführer, echt, der Chagall wie der Picasso. Sutter sitzt am Diogenestisch, nach dem wunderbaren Schweizer Verlag benannt, der auch ihn verlegt. Es herrscht eine gewisse Kleiderordnung, die Sutter überzuerfüllen weiß. Er nimmt seinen Kaffee, weiß ich aus eigener Anschauung, im Garten des Baur au Lac und schlendert dann herüber zur Tonhalle, deren Brasserie er am liebsten nachmittags beehre, deutlich nach dem Lunch der Banker, aber vor dem Apero (so die NZZ).
Es stellt sich bei Sutter wie der Tonhalle wie der NZZ die Frage: Ist das noch liberales Bürgertum oder walten hier peinliche Spießer? Gentlemen oder Pausenclowns? Ist der Erfolgsdichter wie seine Figur Allmen dekadent oder tugendtreu? Scheint uns die NZZ ein Blatt des Citoyen oder der intellektuelle Vorhof der AfD? Von Sutter wird man dazu nichts erfahren, da er unbegrenzt ironiefähig ist. Und die Tonhalle ist nicht das Borchardt oder der Kaefer.
Man hat mich gelegentlich mit Sutter respektive seiner Figur Allmen (sprechender Name: Jedermann) verglichen; danke für‘s Kompliment. Aber ich würde doch anmerken wollen, dass die gemeinsame Sprache nicht den Verdacht nähren darf, dass Schweizer Deutsche seien. Man lese Sutter‘s Roman „Melody“ und erkenne, dass verglichen mit den eidgenössischen Stutzern (pun intended) die letzte Generation der Buddenbrooks noch frisch war.
Zudem: Was heißt hier „gemeinsame Sprache“? Die Küche der Tonhalle nennt Sutter lobend „währschaft“. Mit betontem „ä“ und „sch“. Damit lasse ich Sie jetzt allein.
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TERROR.
In Berlin wurde eine Oma verhaftet, die der dritten Generation der Links-Terroristen meiner Jugend, der RAF, angehört und mit zwei noch unentdeckten Kameraden im UNTERGRUND zugebracht haben soll. Ich war Zeitzeuge der RAF, aber alles was ich weiß über diese Verirrten, das weiß ich eigentlich von Stefan Aust, dem wirklichen Dokumentar dieses Wahnsinns.
Man wollte damals durch Mord und Totschlag zeigen, dass der Staat ein Unrechtssystem ist, indem man ihn verleitet, in der Strafverfolgung des Terrors sein wahres Gesicht zu zeigen, was dann zum Volksaufstand führen sollte. Ein völlig verqueres Kalkül. Aber es gab Sympathisanten; welch ein Wort, darunter auch Grüne mit klammheimlicher Freude. An der Mensa meiner Uni hatte jemand der Unterstützer den Spruch gesprüht „Sieg im Volkskrieg!“
Als heimliche Unterstützer spielten wohl auch die DDR und Terrorgruppen des Nahen Ostens eine Rolle. Nun, zumindest die Stasi-Protektion gibt es nicht mehr. Und der Untergrund ist kleiner geworden. Heutzutage gibst Du das Fahndungsfoto der Terroristin der KI zur Gesichtserkennung, die durchstöbert das Internet und der dunkle Untergrund ist taghell. Da war die Terroristin vor Jahren bei einem Tanzevent und auf „facebook“ abgebildet, rupp zupp, enttarnt. Was Rückschlüsse über die individuelle Freiheit in so kontrollierten Staaten zulässt, die wir hier nicht wollen. Sonst entsteht am Ende noch ein falscher politischer Verdacht.
Die Blutspur des RAF-Terrors reicht bis in unsere Tage, da Mord zu Recht nicht verjährt; man mache ihr den Prozess. Der virulentere Skandal ist der des Rechts-Terrors NSU, dessen kriminelles Milieu anschlussfähig scheint zur rechtsextremen Szene, die eine reaktionäre bis faschistische Alimentation erfährt. Hier steht die AfD zu Recht unter politischem Beweiszwang, und zwar mit umgekehrter Beweislast. Das ist aber ein zu ernstes Thema, als dass man es episodisch abhandeln sollte.
An der Bochumer Mensa hatte damals jemand den Spruch übersprüht; er las sich dann korrigiert als „Sieg im Volkstanz!“ Die Geschichte wiederholt sich, erst als Tragödie, dann als Farce (Marx zu Hegel, wenn ich das recht erinnere).
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ORA & LABORA.
Beten und arbeiten, dazu sind wir, wenn gut aufgehoben, geschaffen. Stattdessen macht der Zweibeiner drei Wochen auf den Seychellen. Sinnlos, aber mit Syph. Und ab und zu Salmonellen.
Ein Freund schreibt mir aus seiner Haftanstalt. Das Novo-Virus ist ausgebrochen. Gut 15% der Insassen leiden an einer hochansteckenden Magen-Darm-Erkrankung. Es soll bereits Todesfälle geben, aber darüber schweigt die Anstaltsleitung; gestorben werde halt immer. Da der ganze Knast unter Quarantäne stehe, kämen die Leichensäcke ins Kühlhaus.
Früher hat man das anders gehandhabt: „Wir lagen vor Madagaskar
und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser,
und täglich ging einer über Bord.“
Gelegenheit, die Sache aufzuklären. Mein Freund sitzt zwar tatsächlich mit tausenden Menschen ein, sein Gefängnis ist aber ein sogenanntes Kreuzfahrtschiff, das mit einer manilischen Crew in tropischen Gewässern schippert, um die Touris zu mästen, und neuerdings ohne den lästigen Landgang.
Ein anderes Mitglied meines Bekanntenkreises unterhält eine fahrbare Einzelzelle mit Gattin, Gasherd und Chemieklo. Da die ersehnten Reiseziele für diese Wohnbüchsen geschlossen sind, haust man zu hunderten auf Abstellplätzen in Vororten. Ich weiß nicht mal, wie die motorisierten Wohnwagen korrekt heißen. Caravan, eine Kontraktionsform von Car und Van, eine Knastzelle auf einem Fiatchassis. Gibt es rauf bis zur Größe eines Reisebusses. Alle richten im Getto ihre Satellitenschüssel ins All, da außer TV-Gucken nix geht, im Vanverließ vor Verona.
Ich könnte weitere Absurditäten berichten. Den Jakobsweg in Cabrio etwa. Oder Überlebenstraining im Odenwald. Die Urlaubszeit zeigt, dass der Mensch mit dem Paradies nichts anzufangen weiß. Er schafft sich temporäre Höllen der Erholung. Bis er wieder ins Büro darf oder ans Band. Bald, Kinder, bald dürft Ihr wieder zurück!
Ich ahne, warum der Ruhestand für viele die Hölle ist. Ganzjährig Urlaub. Das sind dann Durchfall und Erbrechen wirklich mal eine willkommene Abwechslung.