Logbuch
WO DER SAUMAGEN HERKOMMT.
Dass Berlin eine dem Wasser abgerungene Stadt wie Venedig sei, ist eine unhaltbare Übertreibung. Hier haust der Proll! Zumal die großartige Lagunenstadt längst zum touristischen Theme Park verkommen ist. Petra Reski passt auf sie noch auf, aber stimmt mir in der Trauer um den Niedergang von Harrys Bar zu. Nun, ich hause in Berlin auf der Insel Moabit, einst Industriemoloch von Borsig, und darf den Spreebogen genießen.
Die Spree band das preußische Kaff im Brandenburgischen Sand ans tschechische Hinterland und brachte Kohle, Viehfutter wie Milch („Bimmel-Bolle“). Nun entdecke ich gestern, dass das Ufer im Spreebogen fast durchgängig befestigt ist und somit zu erwandern. Freizeitidylle. Berlintypisch mit einem Hauch von Slum, aber Bote einer neuen Zeit. Man wird einsehen müssen, dass Gentrifizierung eine kulturelle Leistung ist (und die Romantik der ewigen Ghettoisierung ein Zynismus linksradikaler Spinner). Niemand kann die Slumbehausungen der DDR noch wollen. Nicht mal die Berliner Linke.
Züge einer Gartenstadt entstehen im immer attraktiveren Berlin; ja, die Preise der Immobilien spiegeln das. Erst weiterer Zubau wird daran etwas ändern. Zur Zeit zahlt der Student für eine Bude, so er sie kaufen kann, eine Viertel Mille. Also Daddy. Die soziale Frage ist also nicht zu leugnen. Und ich sehe auf meinem Spaziergang, dass die Stahldeckel der Kanalisation punktverschweißt sind. Es gibt eine Sicherheitsfrage. Die Eingänge der Souterrain-Wohnungen haben massive Stahlarmierungen. Es gibt in Berlin eben auch Anarchismus und verzweifelte Gestalten osteuropäischer Alks; der U-Bahnhof ist für Frauen auch tagsüber nicht nutzbar; man darf damit rechnen, ohne Anlass bespuckt zu werden. Die Politik wie die Bahn ignorieren das.
Mein Ausflug in meinem Kiez führte mich in ein modernes Hotel einer vornehmen Porzellanmanufaktur in der Englischen Straße, das als vietnamesisch betrieben wird. Auch das Frühstück. Sie hatten (Abendkarte ab 15.00 Uhr) zu rohem Fisch einen Sauvignon Blanc aus Deidesheim. Das ist in der Pfalz, wo Kohl Saumagen verzehrte. Vielleicht ist die Assimilation der kulinarischen Kulturen eine maßgebliche Metapher für die Zukunft der Metropole.
Logbuch
PRO DOMO.
Der spätere Bundespräsident und frühere Ministerpräsident in NRW, den seine Freunde „Bruder Johannes“ nannten, galt als versöhnender Charakter. Ich habe seine evangelische Art gemocht. Er hatte ein gewisses christliches Charisma, das vielen seiner Nachfolger an der Spitze der SPD abging; zuletzt dem seelenlosen Scholzomaten. Der zur Zeit agierende Ober-Sozi frisst sich das Gemütvolle gerade an. Das könnte noch was werden. Jedenfalls galt für Johannes Rau das Motto „versöhnen statt spalten“. Eigentlich sollte das das Erbe Willy Brandts sein. Manieren der Mitte.
Heutzutage ist zweifelhaft, ob die unterschiedlichen Parteien noch koalitionsfähig sind. Die Lindnersche Gehässigkeit, der Habecksche Hass und der Kölner Kommunismus aus der Ampel-Zeit wirken nach. Das hängt damit zusammen, dass ein Politiker immer mit zwei Zungen spricht. Er will dem Wähler insgesamt als diplomatischer Souverän erscheinen und seinen eigenen Leuten als scharfer Hund. In Bayern nennt man das Bierzelt-Rhetorik. Keine Manieren als Mythos.
So kommt es, dass die Sozialministerin Bärbel Bäs aus Walsum trotz unzureichender Englischkenntnisse ein Kanzlerwort „bullshit“ nennt. Mit Kuhfladen bezeichnet der Amerikaner wirklichen Unsinn. Die Frau Ministerin wollte eigentlich sagen, dass ihre Basis anderer Auffassung als der CDU-Kanzler ist. Warum wird man so ausfallend? Wegen der Biersäufer in Walsum; das ist ein Vorort von Bottrop, wo man Bottropsky für sacht.
Johannes Rau machte das so: Bevor er an’s Rednerpult trat, wies er an, dass die obligatorische Wasserflasche links zu stehen hatte. Er ging dann in die Bütt und rügte als allererstes die Position des Getränks. „Weil die Flaschen immer rechts stehen!“ Brüllendes Gelächter im Saal. Ich habe die Nummer x-mal gesehen; sie hat immer geklappt.
Was die Freundschaft der liberal gesinnten Demokraten unterläuft, ist ihre gemeinsame Furcht vor den blau-lackierten Faschisten. Und damit haben die, die ganz rechts stehen, schon eine erste Runde gewonnen. Man lässt sich seine Manieren nicht vom politischen Pöbel nehmen.
Logbuch
ES IST NOCH SUPPE DA.
Wie geht man mit der Ehre um, dass ein veritabler Dichter auf bloße Stimmungen eines Logbuches antwortet? Die Blonde sagt: Auf keinen Fall durch Rechthabereien. Aber ernstnehmen möchte man die Ehre schon. Ich danke also Christoph Peters.
Wir reden von der Zeitstufe, die Prädikate in Sätzen wiedergeben; derer gibt es drei (und nicht sechs). Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft. Und dann gibt es noch eine weitere Aussagenebene des Prädikats, nämlich die VORGANGSART; derer kennt man zwei. Abgeschlossen oder andauernd. Da ebendies für jede Zeitstufe gilt, ergeben sich (drei mal zwei gleich sechs) 6 Prädikatsformen in der Tempusflexion.
Beispiel: Ich esse Graupensuppe. Ich habe Graupensuppe gegessen. Ich aß Graupensuppe. Ich hatte Graupensuppe gegessen. Ich werde die Suppe essen. Ich werde sie gegessen haben. Präsens. Perfekt. Präteritum. Plusquamperfekt. Futur I. Futur II.
Im Perfekt, dem Plusquamperfekt und dem Futur II ist der Teller leer. Vorgangsart „abgeschlossen“. Beim Präsens, Präteritum und Futur I weiß man das nicht so genau, ob noch Suppe da ist; das Subjekt löffelt wahrscheinlich noch. Vorgangsart „andauernd“. So weit, so gut.
Wenn nun, um diesen konkreten Satz geht es, ein Tag nicht gelungen war, dann mag man sagen, dass er um Mitternacht endete, also abgeschlossen war, aber das meint ja das Prädikat nicht, sondern das Subjekt. Deshalb war der Tag nicht blöd gewesen, sondern er war blöd. Wäre die eigentliche Aussage, dass der anschließende Morgen eine Sensation, so könnte man über‘s Plusquamperfekt reden. Die Aussage ist aber als Dauerzustand gemeint. Präteritum, kein Plusquamperfekt.
War das logisch gewesen? Wird der Leser das verstanden gehabt haben?
Man muss einräumen, dass das Präsens als temporal unmarkiert verwendet werden kann, also auch als Futur („Morgen esse ich Grütze.“ / „Morgen werde ich Grütze essen.“) Aber jetzt reicht es. Von mir aus dann halt auch sechs Tempora. Oder heißt es „Tempi“? Weiß ich nicht zu sagen, da unmusikalisch. Das Konzert war gut; das kann man sagen. Man sagt nicht: Das Konzert war gut gewesen. Nicht mal bei André Riö. Bitte nicht.
Logbuch
SOZIOLOGIE WIE NIE.
Der kalifornische Oligarch Elon Musk hat soeben angekündigt, eine politische Partei zu gründen. Das weckt den Soziologen in mir, weil hier ein gesellschaftliches Abenteuer beginnt. Und ein politisches, am Ende vielleicht sogar ein historisches. Früher hätte man für ein solches Vorhaben zunächst das Hinterzimmer einer Kneipe gebraucht, dann Flugblätter und eine Putztruppe, schließlich eine Zeitung. Der geborene Bure Musk hat sich eine Internetplattform gekauft, früher Twitter, jetzt X. Er hat dort 221.749.366 Follower, so heißen die Abonnenten oder Jünger. Das sind über zweihundert Millionen. Wahlberechtigt sind in den USA lediglich 170 Millionen. Read my lips.
Was ein Gemeinwesen ausmacht, das fragt sich der Soziologe. Dabei kann er einen tragischen Dreier meinen, einen bunten Kiez oder katholischen Kegelclub, eine politische Partei, am Ende eine Nation oder Gottes ganzen Zoo. Der Tesla-Eigner Musk wird erfahren, wie schwer es ist, aus einer Stimmung im Netz eine Bewegung zu formen und dann eine Partei zu führen. Die erste interessante Erfahrung wird sein, wie die etablierten Parteien auf seinen WILLEN ZUR MACHT reagieren. Die Demokratie in Amerika, sie wankt.
Gänzlich anderes Thema, aber wieder soziologisch. Der bei VW ausgeschiedene Arbeitsdirektor, man sagt wohl neuerdings HR-Kopf (für Human Relations), hat auf LinkedIn eine Abschiedsnote geschrieben. Wie schon gestern hier notiert, ein kluges Stück. Der „Ex-Konzernvorstand“ (Selbstbeschreibung) hat hier 58.695 Follower; das ist mehr als man in Wolfsburg in eine Werkshalle kriegt. Davon haben 2.683 auf seine Dankesnote reagiert und 214 sogar eine kleine Erwiderung verfasst. Jetzt ist der Soziologe hellwach. Er liest sie alle und vermag sogar ihm nicht geläufigen Biografien leichterdings nachzugehen.
Früher hat man nie genau gewusst, wie eine Stimmungslage so war, jetzt ist die Quellenlage dokumentiert. So flüchtig das Internet scheint, so gnadenlos ist sein Gedächtnis. Sehr aufschlussreich. Die Konsensdichte bei dem Medium LinkedIn ist zudem so groß, dass möglicherweise auch die Quote der Reaktionsverweigerung signifikant ist. Kann ich mal die Daten der „impressions“ haben? Mit den wirklichen Entscheidungsträgern hat das alles übrigens nichts zu tun; die twittern nicht. Aus Altersgründen, weil andere Generation, oder politischer Klugheit, die ich mal bei dem neuen niedersächsischen Ministerpräsidenten und damit Anteilseigner von VW unterstelle. Da ist Olaf deutlich klüger als noch Christian W., der vor Präsidiumssitzungen dem NDR erzählte, wie er dort abzustimmen gedenke. Ich meldete es meinem Boss in die Sitzung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
„Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber)