Logbuch

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER.

Politik kommt von Polis, der Stadt, genauer, dem Stadtstaat. Das ist bei den Alten natürlich vor allem Athen. Vielleicht noch, als Kontrast, Sparta. Ich sitze zum Frühstück auf der Dachterrasse des Grand Bretagne am Syntagma-Platz und schaue auf die Akropolis, deren Tempel man passenderweise genau gegenüber gebaut hat. Frühe Städte entstehen auf der Grundlage einer günstigen Geographie. Was die Natur vorgerichtet, ist den Städtebauern ersparte Arbeit.

Auch bei Rom, der später vorbildlichen Polis, soll es sieben Hügel gegeben haben, die zur Besiedlung einluden. Hier war das Pendant die Hafenstadt in Nordafrika namens Carthago. Das Mittelmeer bot an den endlosen Küsten des Stiefels viele Landungsgelegenheiten für Schiffe, entsprechend besiedelt war es; auf der afrikanischen Seite waren die Dinge schroffer, nur Carthago bot hier natürlichen Schutz.

Von Venedig nicht zu sprechen, wo der Schutz der Lagune eine Weltmacht erblühen ließ. Überhaupt sind es Seefahrt und Schiffbau, die die historischen Metropolen schaffen. Also Logistik. Daran erblühte ehrlicher Handel und frecher Raub, oft beides in einem. Die Wikinger waren noch Vagabunden, die Hanse machte daraus einen bürgerlichen Beruf.

So bewerkstelligten der Wind und Geschick, was heute die Diesel leisten. Solches hörte ich gern von meinem Vers.

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WENN ICH KAISER VON EUROPA WÄR.

Die Nato ist von ihrer Schutzmacht, den Vereinigten Staaten von Amerika, verlassen, da diese den Zustand der völligen Unberechenbarkeit für einen taktischen Vorzug bei der Geschäftemacherei halten. Und das irre Taktieren mit Strategie verwechseln. Derartige Autodelegitimation mag Dealern gefallen, die das Dealmaking, die Geschaftelhuberei, für Hegemonie halten, schafft aber keine Weltreiche, da der Kitt fehlt, der Herrschaft zusammenhält. Läge darauf Segen, wäre Rom nicht zerfallen.

Europa ist in der Pflicht, sich ohne die unsäglichen amerikanischen Kolonien als Weltmacht zu konstituieren. Dabei sind jene Staaten im Vorzug, die neben der faktischen Regierung, also der Folge vom Wählervotum, noch eine symbolische haben, sprich Königshäuser. Das befriedigt das symbolische Verlangen nach Repräsentation der Macht auf unvergleichliche Art. Ich lobe England wie Spanien wie Belgien wie alle konstitutionellen Monarchien. Die Franzosen und die Deutschen sind in der Frage einfach zu weit gegangen. Da hilft dann auch nicht, wenn man seine Lehrerin ehelicht. Oder einen stumpfsinnigen Hausmeier Rekorde als schlechtester Redner aller Zeiten brechen lässt.

Ich habe zwei konkrete Vorschläge zur Stärkung der europäischen Idee. Erstens: Wir wählen als Europäer einen gemeinsamen Kaiser direkt, der das Oberhaupt der Könige oder Präsidenten, und bauen dem einen Palast in Brüssel. In dem dazu notwendigen Wahlkampf werden sich die Völker Europas streiten dürfen, was ihrer gemeinsamen Idee am erhabensten Ausdruck verleiht. Entscheiden darf der Kaiser oder die Kaiserin dann später zwar nix, aber authentisch repräsentieren.

Zweitens: Jeder Europäer, auch wenn nicht Migrant, weil sesshafter Dorfdepp, muss sich eine zweite Staatsbürgerschaft auswählen, die seinem kulturellen Empfinden am meisten entspricht und erhält Pflichten wie Freuden des Doppelpass. So kann er sein faktisches Wahlrecht in dem einen Land ausüben und das symbolische in dem anderen. Ich nähme dann Italien hinzu und könnte als Kartoffel zusätzlich wie ein Spaghetti wählen. Da fällt mir auf, den Italienern ist der König auch irgendwie abhanden gekommen. Wie uns der Kaiser Wilhelm, der aber nix getaugt haben soll.

Solchermaßen im europäischen Denken gestärkt, hätte ich noch eine dritte Idee nachzureichen. Wir geben dem Europäischen Parlament das Initiativrecht und machen aus der Quasselbude eine richtige Volksvertretung als Pendant zum
Europarat. Den bürokratischen Moloch begrenzen wir insgesamt durch die einfache Regel, dass für jedes neue Gesetz zwei alte abgeschafft werden müssen. Doppelte Staatsbürgerschaft für jedermann , ein mächtiges Europaparlament und einen prächtigen Kaiser als Krönung aller Könige. Respektive Kaiserin. Das könnte echt was werden!

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TARNFARBE.

Der gemeine Gebrauchtwagenhändler wusste schon immer, was eine Verkaufslackierung ist, ein Täuschungsversuch. Man verlieh der rostigen Karre einen oberflächlichen Glanz, der den naiven Trottel der dritten oder vierten Hand glauben ließ, dass das Gefährt proper. Ich besaß mal einen Simca, der nach kurzer Zeit auf der planen Fläche des Kotflügels in Beulen aufblühendem Rost zeigte, was gespachtelt und geschliffen wurde und mit Lack überzogen; nach kurzer Zeit zeitigte das eine regelrechte Durchrostung. Man konnte von oben das Reifenprofil prüfen. Verschlimmbesserung.

Jetzt sehe ich Verkaufslackierungen auf Berlins Immobilienmarkt. Es werden Mietskasernen der Gründerzeit durch Tünche aufgehübscht. Alles beginnt mit einem stattlichen Gerüst und einer Verhüllung. Dann werden unter der Plane mittels Dämmung gewaltige Steinfassaden in Parterre angedeutet, bis schließlich die Fensterrahmen farbig lackiert und der tumbe Koloss blütenweiß. Auf eine vorausgehende Reinigung der Flächen weiß man zu verzichten. Nicht mal der Vogelkot oder alte Leitungen werden entfernt. Am Ende kommt es ja nur auf die Optik an.

Das ist neu. Früher galt bei Immobilien der Grundsatz „Zustand egal“. Notare berichten mir von Verkäufen ohne jede Objektbesichtigung. Einschließlich des Versuchs, den Deal per Cash zu regulieren. Dieser Markt scheint verschwunden. Die jetzigen Käufer müssen mittels Tünche getäuscht werden. Ist das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Wie immer setzt eine Antwort darauf die Klärung voraus: FÜR WEN? Cui bono?

Wenn nur ein solcher verdeckter Verfall die Preise dämpft, wiederholt sich am Ende die DDR-Erfahrung: Öffentlicher Wohnungsbau als ruinöse Gettoisierung, während alle Liebe in die privaten Datschen fließt. Gesondert nur der Palast der Republik, Erichs Lampenladen. Aber selbst die Waldsiedlung in Wandlitz war piefig. Berlin ist kein Vorbild. Auf dem Land, wo wir sorgfältig restaurieren und renovieren, was Generationen vor uns gebaut, hat eine Verwahrlosung der Substanz keinen guten Ruf. Allerdings fehlt es hier auch an Studenten-WGs und Airbnb, die die Preise treiben. Habe ich was übersehen?

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SOZIOLOGIE WIE NIE.

Der kalifornische Oligarch Elon Musk hat soeben angekündigt, eine politische Partei zu gründen. Das weckt den Soziologen in mir, weil hier ein gesellschaftliches Abenteuer beginnt. Und ein politisches, am Ende vielleicht sogar ein historisches. Früher hätte man für ein solches Vorhaben zunächst das Hinterzimmer einer Kneipe gebraucht, dann Flugblätter und eine Putztruppe, schließlich eine Zeitung. Der geborene Bure Musk hat sich eine Internetplattform gekauft, früher Twitter, jetzt X. Er hat dort 221.749.366 Follower, so heißen die Abonnenten oder Jünger. Das sind über zweihundert Millionen. Wahlberechtigt sind in den USA lediglich 170 Millionen. Read my lips.

Was ein Gemeinwesen ausmacht, das fragt sich der Soziologe. Dabei kann er einen tragischen Dreier meinen, einen bunten Kiez oder katholischen Kegelclub, eine politische Partei, am Ende eine Nation oder Gottes ganzen Zoo. Der Tesla-Eigner Musk wird erfahren, wie schwer es ist, aus einer Stimmung im Netz eine Bewegung zu formen und dann eine Partei zu führen. Die erste interessante Erfahrung wird sein, wie die etablierten Parteien auf seinen WILLEN ZUR MACHT reagieren. Die Demokratie in Amerika, sie wankt.

Gänzlich anderes Thema, aber wieder soziologisch. Der bei VW ausgeschiedene Arbeitsdirektor, man sagt wohl neuerdings HR-Kopf (für Human Relations), hat auf LinkedIn eine Abschiedsnote geschrieben. Wie schon gestern hier notiert, ein kluges Stück. Der „Ex-Konzernvorstand“ (Selbstbeschreibung) hat hier 58.695 Follower; das ist mehr als man in Wolfsburg in eine Werkshalle kriegt. Davon haben 2.683 auf seine Dankesnote reagiert und 214 sogar eine kleine Erwiderung verfasst. Jetzt ist der Soziologe hellwach. Er liest sie alle und vermag sogar ihm nicht geläufigen Biografien leichterdings nachzugehen.

Früher hat man nie genau gewusst, wie eine Stimmungslage so war, jetzt ist die Quellenlage dokumentiert. So flüchtig das Internet scheint, so gnadenlos ist sein Gedächtnis. Sehr aufschlussreich. Die Konsensdichte bei dem Medium LinkedIn ist zudem so groß, dass möglicherweise auch die Quote der Reaktionsverweigerung signifikant ist. Kann ich mal die Daten der „impressions“ haben? Mit den wirklichen Entscheidungsträgern hat das alles übrigens nichts zu tun; die twittern nicht. Aus Altersgründen, weil andere Generation, oder politischer Klugheit, die ich mal bei dem neuen niedersächsischen Ministerpräsidenten und damit Anteilseigner von VW unterstelle. Da ist Olaf deutlich klüger als noch Christian W., der vor Präsidiumssitzungen dem NDR erzählte, wie er dort abzustimmen gedenke. Ich meldete es meinem Boss in die Sitzung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

„Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber)