Logbuch

NEOZONE.

Nichts ist doofer als Hannover. Dieser Satz stammt von Kurt Schwitters, der aus Hannover stammt. Und weil da echt nix los ist, gehen die Söhne und Töchter der Stadt mit dem gewissen GARNIX alle in die Politik. Man liest das jetzt allenthalben. Überall Leute von der Leine. Das ist wie mit den Quagga.

Nein, nicht das Zebra, das auch für Fußgängerüberwege zuständig ist; gemeint ist die ebenso gestreifte Muschel. Die Quagga-Muschel stammt ursprünglich aus Süßgewässern im Schwarzmeerraum, wird aber bei uns zur Plage, weil sie sich dramatisch ausbreitet, ein feindliches Neozon. Vom Bodensee hört man schon Klagen über die Trinkwassergefährdung. Jetzt taucht sie auch im Brandenburgischen auf; der Scharmützelsee ist befallen, berichten mir Freunde, die Brecht in Buckow besucht haben.

Warum macht der Russe das? Gute Frage. Entgegen der Beschreibung durch Frau Wagenknecht liegt das Expansive wohl in seiner Natur. Und so kommt dann auf unsere Teller, was der Italiener zurecht Cozze nennt. Aber lassen wir alberne Wortwitze.

Das Quagga-Weibchen ist nach einem Jahr geschlechtsreif und scheidet pro Jahr eine Million Eier aus, die auf hundert Millionen Samenfädchen des Quagga-Männchens treffen. Sein natürlicher Feind ist das Rotauge, was ja zu Wagenknecht passt, das aber durch den Kormoran dezimiert wurde. Er ist also schuld.

Und BP. Denn die Biester kommen aus dem Aral-See. Soviel zum Vorsatz, Wortwitze zu vermeiden.

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NATÜRLICHE INTELLIGENZ.

Das Staunen darüber, was Apparate so alles können, hat zu der Erfindung der „Künstlichen Intelligenz“ geführt, kurz KI genannt oder AI, nach der „artificial intelligence“; wie alle Moden eine Prahlerei mit Halbwahrheiten. Auf der Straße gegenüber steht ein Batterieauto mit KI, das ständig seine Umgebung filmt und die Daten nach Kalifornien sendet. Ich weiß nicht, was daran intelligent sein soll. Im Gegenteil, ich hätte Lust, den Stecker zu ziehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich interessiere mich neuerdings, wenn auf dem Land, für „plant intelligence“, das ist die Welt der „planta sapiens“, in der man den „light eaters“ eine eigene Form von Verstand abringt. Nein, ich meine nicht jenes Gras, das man seit Neuerem legal rauchen darf. Es geht ernsthaft darum, dass sich der suchende Blick nach einer anderen Intelligenz nicht in den Himmel richten sollte, sondern auf den Boden. Wer jemals einem Baum beim Wachsen zugesehen hat, der ist weit entfernt davon, die Natur für doof zu halten.

Biologen der „new science of plant intelligence“ finden planvolles Verhalten und Kommunikation unter Pflanzen; sie stellen die klassische Hierarchie infrage. Bisher war das Gras blöd, die Kuh, die es frisst, bei Verstand und der Bauer ein vernunftbegabtes Wesen. Darüber gab es noch den Lebensmittelkaufmann von Lidl und ganz oben den Banker und dann allenfalls noch den lieben Gott. Wir denken Intelligenz hierarchisch entlang der Nahrungskette. Welch eine Arroganz.

Man beobachtet nämlich nun, wenn der Blick verändert, Wurzeln, die vorausdenken, Blüten mit Zeitgedächtnis und kooperative Parasitenbekämpfung unterschiedlicher Arten. Gibt es unter Pflanzen gar ein gesellschaftliches Leben? Die Freunde der PI (Wortbildung von mir) glauben gar an ein neues Verständnis des „life on earth“, was mir eigentlich zu anthroposophisch klingt. Aber in mir sitzt seit Jahren ein Stachel, den ein Ornithologe gepflanzt hat, mit dem ich mal über ein Sponsoring der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft sprach.

Es ging um irgendwelche Orchideen und die Vögel mit den langen Schnäbeln, die sie  bestäuben. Alte Sicht der Dinge: Die Schwirrflügler wollen an den Nektar und sorgen dabei beiläufig für die Fortpflanzung der Blumen, zu der sie durch die Farbe der Blüten angelockt werden. Neue Sicht der Dinge: Die Blumen ändern die Farbe, wenn sie bestäubt werden wollen und locken so die Piepmätze an, die zur Belohnung für die Kopulationshilfe den Honig kriegen. Wer steuert wen?

Herr des Dschungels sind die Pflanzen; was die Nahrungskette rauf dann da noch so kreucht und fleucht, von der Grille bis zum Gorilla, das leistet Hilfsdienste. Gilt dann wohl auch für den Homo Sapiens. Das wär echt ein Ding!

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FRISCHE BRÖTCHEN.

Ein Tag beginnt mit frisch gebrühtem Kaffee. Den Inglesen billige ich eine gute Tasse Tee zu. Aber eigentlich ist es der Kaffee: the lifeblood of all tired man. Neuerdings allerorten auch aus diesen fabelhaften italienischen Maschinen, die die Bistros schon lange zu Orten der Kultur machen.

Dann aber: frische Brötchen. Wer in elenden Vertreterhotels oder miesen Raststätten deren vermeintliche Geschwister hat runterschlingen müssen, diese halb aufgebackenen fahlen Tiefkühlmonster, weiß, was ich leide. Ein frisch gebackenes Brötchen ist durch nichts, rein gar nichts zu ersetzen. Das macht uns zur Hochkultur, nicht Goethe & Schiller.

Auf dem Lande ist eine völlig neue Form des Einzelhandels entstanden, Bäckereien als Cafés, wenn nicht Restaurants, mit stattlichen Parkplätzen. Öffnungszeiten: immer. Elektronisch zahlen: ja gerne. Und das Brötchen frisch im Laden gebacken. Oder doch nur aufgebacken? Das will ich nicht hoffen. Nehmt mir nicht die Illusion.

Dass Frankreich auch eine Kulturnation ist, das zeigt nicht die Haute Cuisine (Bressehuhn in der Kalbsblase), sondern das Baguette, jenes Stangenweißbrot, das gerade so an frische Brötchen heranreicht. Wer hier zweifelt, unternehme das Experiment amerikanischer Herkunft in der Kette, die U-Boote anbietet. Man kann zweiundzwanzig Zutaten wählen, alle werden aber in einen klebrigen Teigschlauch gefüllt, ein Elend eigener Art. Das gleiche gilt für die Teigmantel der Hamburger aller Art. Junk food.

So wie mein Großvater glaubte, dass uns die Leutnants niemand nachmacht, so glaube ich daran, dass das frische Brötchen uns zu einer Kulturnation macht. Dass deren Wesen in Gefahr ist, zeigt allerdings die Aufstrichfrage. Nein, keine Romulazze, keine Margarine, es darf schon GUTE BUTTER sein, im Handel fast nicht mehr erhältlich. Es wird der Tag kommen, da es Butter nur noch vom Koks-Taxi gibt.

In Berlin, wo ich gelegentlich weile, gibt es kein gescheites Brot, weil es keine gescheiten Bäcker gibt, von frischen Brötchen ganz zu schweigen. Zu Zeiten, wo ich die frühmorgens auf dem Land hole, machen hier die Kneipen und Clubs zu. In Metropolen wie der Stadt an der Seine erfüllt im Erwachen der Stadt der Duft frischen Baguettes die Luft, wenn im Moloch an der Spree noch Döner geht. Statt Butter: „Soße Knobbellauch scharf, Bro!“ Alta Schwede, zum Frühstück. Wir sind verloren.

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ALPTRAUM.

Ich notiere hier ungern Banalitäten aus dem gänzlich Privaten; ich heiße ja nicht Thomas Mann, dessen Tagebücher in den Kamin gehörten, wollte man eine Achtung vor dem Literaten erhalten. Noch schändlicher der ebenfalls notorisch überschätzte Max Frisch, der sein Privatleben schlicht verraten hat. Auch bei Feridun Zaimoglu gab es so einen Moment; eine Ex fand ihr Tagebuch in einem seiner Romane. Wenn ich ein Vorbild für das Logbuch nennen müsste, so wäre es das stets diskrete Arbeitsjournal von Brecht.

Aber ich habe schlecht geträumt. Jetzt ist es raus. Wieder habe ich einen Termin nicht halten können. Es passiert mir ehrlicherweise dauernd, dass ich mich verlaufen habe, den Flieger nicht mehr kriege oder den Raum nicht finde. Und neuerdings versagt dann auch immer das vermaledeite Handy. Im Traum, versteht sich. Warum erwähne ich es? Weil ich ein Loblied auf die Segnungen des Top Managements halten will. Du hast nämlich ein Büro, das alle Unbill des Lebens von Dir abhält.

Die Lebenslüge der Arrivierten ist, dass die Verantwortung schwer auf ihnen laste. It‘s lonely at the top. Unsinn, man ist nie allein; buchstäblich nie. Man hat einen Stab. Von der Wiege bis zum Grab. Mein Respekt für den Führenden (sic) liegt nicht darin, dass sie gelegentlich führen, sondern darin, dass sie das immer müssen; stets, ohne Unterbrechung. Die Elite fährt immer Doppelschicht. Ansonsten ist das Leben aber kommod.

Da ist die Chefsekretärin oder Büroleiterin, die immer alles weiß. Da sind Assistentinnen, die deren schlechte Laune auszuhalten haben und sich vor Ort die Hacken abrennen. Früher war da auch einer Deiner beiden Fahrer und Deine Lieblingskutsche. Die Piloten in der Werksfliege wussten, wer Du warst und welchen Wein Du willst. Vor allem ist da immer irgendwo im Hintergrund Dein Mann für‘s Grobe, der sich die Hände schmutzig macht, während Du den Sonny gibst. Ich kriegte abends stets einen Tageszettel für den nächsten Tag, den ich dann brav ablief. Und den Herrgott einen guten Mann sein ließ. Easy go.

Ich habe damals besser geschlafen. Jedenfalls hatte ich andere Angstträume. Ach so, das mit der schlechten Laune der Büroleiterin, das möchte ich bitte zurücknehmen dürfen. Mein Luca Brasi sagt, das wäre klüger. Die sei nie launenhaft, habe sie ihm versichert. Ich merke, er hat Angst vor ihr. Nein, sagt er, nur einen Mörderrespekt. Und wenn Luca Mörder sagt, meint er Mörder. In den Vorzimmern haben selbst die Götter zu kuschen. So ist das auf dem Olymp.