Logbuch

RADIKAL.

Etwas mit samt der Wurzel ausrotten, das ist radikal. Das härteste Mittel. Radix ist die Wurzel. Mit Stumpf und Stiel vernichten wollen. Eine Welt der Entgrenzung. Ein wenig Apokalypse wagen wollen.

Die Vorstellung kommt im Häuslichen aus der Unkrautbekämpfung; dass man etwas nicht nur abpflückt oder zurückschneidet, so dass die Zeit den Eingriff heilen kann, sondern es für alle Zeiten tilgt. Da ist dann gegen das lästige Unkraut Glyphosat noch zu sanft. Feuer und Eisen kommen zum Einsatz. Denn die Sense scheint noch zu zahm.

Kerrwoche. Zwischen Nachbarn entsteht ein irrer Wettbewerb, wer radikaler zu sein vermag. Es werden nicht nur Bordsteine frei geblasen oder entschieden mit Besen gekehrt. Das Trottoir wird bis zum letzten Halm von Gräsern gereinigt. Ein schmiedeeisernes Gartengerät namens Sauzahn kommt zum Einsatz. Feuerwerfer und Chemiewaffen.

Dieser Vernichtungswille spiegelt die Entgrenzung von Zorn. Er ist, wenn wir mal beim Unkraut bleiben, eigentlich ungärtnerisch. Wendet man diesen Darwinismus ins Politische wird er gänzlich böse. Ich will das nicht ausführen, aber man könnte es. Sportpalastlogik: den totalen Krieg wollen.

Der kluge Gärtner kennt Mitte und Maß, er wählt stets das mildeste Mittel. Diesen Hinweis hörte ich gerne von meiner Geschichte.

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FÜNFTE KOLONNE.

Den Feind heimlich zu unterstützen, das ist in Kriegszeiten LANDESVERRAT. Diesen Verdacht hat die SPD bezüglich Russland auszuräumen, auch wenn Deutschland sich nicht im Krieg befindet.

Der Vorwurf stammte in meiner Jugend von den reaktionären Kräften in der Union, dass die Sozen die Fünfte Kolonne Moskaus seien. Eine Propaganda des Kalten Krieges. Bitter falsch, aber wirksam. So sollten Willy Brandt und dann seine Ostpolitik diskreditiert werden. Mit einem Schlagwort aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

Das Schweigen des Gerhard Schröder und seines langjährigen Getreuen Frank Walter Steinmeier hilft der SPD gegenwärtig nicht. AUFARBEITUNG steht an. Sie wird sich argumentativ zu ihrer russlandbezogenen Energiepolitik und dieser Außenpolitik verhalten müssen. Sigmar Gabriel hat das jüngst versucht. An den Verhetzungen dessen nehme ich nicht teil. Wir befinden uns nicht im Krieg. Es kann um LANDESVERRAT gar nicht gehen. Ich erwarte aber eine ernsthafte Aufarbeitung im Sinne der Geschichtswissenschaft.

Für die deutsche Gaswirtschaft gilt schon jetzt als WISSENSCHAFTLICH GESETZT, dass die Politik der RUHRGAS AG niemals die der WINTERSHALL oder WINGAS war; das aber nur als Hinweis für die Insider. Genauer gesagt als Hinweis an jene, die den aktuellen Streit um Schröder/Steinmeier/Schwesig HISTORISCH verstanden wissen wollen.

Den unmittelbaren Markteintritt der GAZPROM hat die BASF AG über ihre Tochter WINTERSHALL mit der deutsch-russischen WINGAS ermöglicht, oder? Oder ist das auch schon eine Geschichtsklitterung? Wie in allen AUFARBEITUNGEN geht es jetzt um die Austragung des Streits mit den Mitteln der Vernunft. Zumindest des Verstandes.

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RELIGION IST PRIVAT.

Politik soll von Interessen handeln, nicht von Werten oder gar dem richtigen Glauben. Religion radikalisiert. Interessen aber lassen Kompromisse zu.

Er hat es gerade auf Twitter wieder gesagt: „We don‘t do god!“ Das will mindestens so viel heißen wie: „Wir kommentieren keine religiösen Fragen.“ Die Rede ist von ALAISTAIR CAMPBELL, dem legendären Spin Doctor des englischen Premierministers TONY BLAIR. Ein sehr bodenständiger NEW LABOUR Mann, nicht unkompliziert. Sie nannten ihn einen “Controll Freak“, aber das trifft es nicht. Er roch eine Sackgasse, bevor man in sie reinlaufen konnte. Ein Antizipierer, mit allem Wassern gewaschen.

Ich war noch heuriger Hase und auf Einladung von PETER MANDELSON in London, zufälliger Zeuge eines Interviews der BBC mit dem frisch gewählten Regierungschef, dem sein Pressechef CAMPBELL eher gelangweilt lauschte. Dann kam sie, verdächtig beiläufig, die böse Fangfrage. Irgendetwas mit dem üblichen nordirischen „Mein Jesus ist besser als Dein Jesus!“ Wie von der Terantel gestochen sprang der Spin Doctor auf und stellte sich zwischen Kamera und den Prime Minister.

Ein Eklat? Na ja. Begründet wurde die Intervention lakonisch mit: „We don‘t do god!“ Wie ruppig, aber klug. Haltet die Religion raus. Sie ist Privatsache.

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DEM EINSTEIN SEIN.

Ein Branchengremium der PR-Wirtschaft hat einen Preis für „Wissenschaftskommunikation“ ausgerufen, den nun eine Fachjury aus PR-Leuten vergeben will. Auf Nachfrage erfahre ich, dass Wissenschaftler dem Gremium nicht angehören, aber „ausgewiesene Kommunikationsexpert:innen“. Wie zu fast allen Dingen meines Berufsstandes habe ich dazu zwei Meinungen.

Das ist ein gutes und wirklich wichtiges Thema. Ich gratuliere zum Vorhaben. Uns steckt noch die Anti-Seuchen-Politik in den Gliedern, die zu Covid-Zeiten ein staatliches Zwangsregime ohne gleichen walten ließ; mit einer eher kärglichen Rolle der Wissenschaft selbst. In der plötzlich allmächtigen Behörde regierte ein Tierarzt (sic) ohne große Fortune. Ich hätte, eingesperrt und in Angst um die Familie, aber schon gern gewusst, was Sache war. Stattdessen wurde ich mit Märchen um chinesische Fledermäuse abgespeist. Keine gute Wissenschaftskommunikation.

Zweite Meinung: so angelegt ist der Preis ein typischer Fall von KOMPETENZSIMULATION. Das ist die Niederung einer Branche, die die Gebrauchsanleitung („how to do“) für die intellektuell höchste Textform hält und daraus ihre expansive Expertise zieht. Es wird notorisch nicht nach wissenschaftlichen Urgründen gefragt, sondern nach allfälligen Alltagstauglichkeiten. Einstein ist dann ein Kaffeehaus und Quanten ungewaschene Füße. Den Johann Wolfgang kennen wir von „Fuck you Göte“. The Proof of the Pudding is in the Eating, wie schon Friedrich Engels sagte, der aus Engelskirchen im Oberbergischen; dem Kalle sein Bro.

Spaß muss sein. Kann man weniger polemisch sagen, wo die Fehlorientierung der KOMPETENZSIMULATION liegt? Ja, es ist die Illusion einer Pädagogik ohne Didaktik. Der Ersatz des Didaktischen durch Pädagogisches. Dabei ist die Didaktik der Master und das Pädagogische Slave. Haben wir das auch etwas woker? Eher nicht.