Logbuch
WENDEHAMMER.
Brandenburg ist zweisprachig; zum Deutschen kommt das Wendische oder Sorbische, eine Kultur westslawischen Ursprungs; sie unterliegt allerdings dem Aussterben. Das ist zu bedauern, wird aber wohl durch die neue Zweisprachigkeit abgelöst. Man spricht künftig Deutsch und Teslatisch.
Gespräch mit dem Wirtschaftsminister Brandenburgs über die Mentalität im Land. Der ehemalige TU-Präsident zitiert einen Bürger, seines Zeichens mittelständischer Unternehmer, sprich Inhaber eines Handwerksbetriebes guter Tradition, mit dem Satz: „Digitalisierung ist reine Zeitverschwendung.“ So also die Mentalität in dem Bundesland, in dem Tesla seine Wundervehikel produziert. Zu der Fertigung von Batterie-Autos später.
Braucht der Dachdecker, der mit großem Geschick Schieferschindeln zu tollen Dächern zu fügen weiß, diesen digitalen Scheiß? Das fragt der Meister luftiger Höhen ja nicht ohne Hintersinn. Er stellt ja zugleich in Frage, dass nur noch Wärmepumpen heizen dürfen oder es vierundsiebzig Geschlechter gibt, zwischen denen man frei wählen kann. Er sagt trotzig: Elektrisch fahren wir auf der Kirmes. Noch so ein Spruch.
Und der Wirtschaftsminister versteht ihn; der Mann hat eine Venia Legendi für Technische Chemie; das ist, wie alle Chemie, im wesentlichen Rohrleitungsbau, also old school. Er war früher bei Schering, der westberliner Variante von Big Pharma, wo sie, glaube ich, die Pille erfunden haben, die die sexuelle Freizügigkeit begründete. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der digitale Paradigmenwechsel erklärt sich am einfachsten am Karosseriebau. Für ein Automobil bedurfte es historisch der Kenntnisse des Fuhrwerkens, dicker Rennmotoren und des Dengelns, das ist Blechbiegen. So entstand der Käfer und dann der Golf. Was sich Elon Musk, der Oligarch aus dem Silicon Valley, dann zusammengekauft und Tesla genannt hat, das ist etwas anderes, nämlich Kybernetik. Das sind Halbleiter in kolossaler Verdichtung, sprich Rechner, die Rechner steuern, die zusammen dann das Auto fahren, tendenziell automatisch, also eigentlich ohne Mann am Volant oder Frau am Steuer. Leute, die so was machen, geben auch Milliarden für Twitter aus; digital nerds. Keine Rennfahrer oder Blechbieger.
Das versteht der Dachdecker nicht. Und ich wiederum verstehe den Dachdecker. Ich fahre einen Selbstzünder, verbrenne Diesel wie Holz und Heizöl, was ohnehin dasselbe ist, und habe eine ganz klare Vorstellung von der Anzahl der Geschlechter in Gottes Garten, ohne dass ich mich in all diesen Fragen in Gespräche drängen lasse, die ich nicht führen will. Weil ich weiß, wo unser beider Weisheit aufgebraucht ist; die des Dachdeckers und meine. Das Ende der Sackgasse ist schon zu erahnen und es könnte sein, dass sie keinen Wendehammer hat.
Nun, wir gehen über die Brücke, wenn wir sie erreicht haben. Die Elektromobilität ist als Aufgabe nicht dadurch bewältigt, dass man eine klapprige Schüssel in der Optik einer Musikbox mit dicker Batterie versieht. Wir werden Kybernetik lernen müssen. Auch auf den Dächern im Sorbischen.
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ABERWITZ.
Zum zentralen Mythos des großen Mao Tse Tung gehört der LANGE MARSCH aus dem Bürgerkrieg in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die noch junge Rote Armee entzog sich der Einkesselung durch die kaiserlichen Truppen durch einen 13.000 km langen Rückzug. Er gilt als Heldentat des dann legendären Vorsitzenden der KPCh. Die westdeutsche Linke hat die Metapher aufgegriffen und von einem „langen Marsch durch die Institutionen“ gesprochen, womit sie als revolutionär erscheinen lassen wollte, dass sie bräsig Staatsämter anstrebte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zu meinen Trivialmythen als politisierender Pennäler gehörte eine gewisse Faszination durch die Sprüche des Großen Vorsitzenden, die das berühmte kleine rote Buch verzeichnete. Man las sogar die in Deutsch erscheinende Peking Rundschau. Alles in allem ein pubertanter Exotismus, der aus der Irritation lebte, den er bei braven Paukern auslöste, die dumpf CDU wählten. Erst heute fällt mir bei alten Dokumentarfilmen auf, die frisch koloriert über den Sender laufen, wie schlecht die Zäune Maos waren. Nicht, dass dies etwas zur Sache beitrüge.
Aber ich erfahre auch etwas, das beiträgt. Den LANGEN MARSCH traten 90.000 Mann an und es beendeten ihn 8.000. Weniger als zehn Prozent überlebten das Abenteuer. Kann man angesichts solch aberwitziger Relation von Heldentum reden? Man kann, wenn man dieses Opfer für unvermeidlich hält, aber mir stockt der Atem. Dieser Aberwitz ist wohl allen Kriegen zu eigen, zu deren Basislogik es gehört, dass angesichts der großen Sache auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden könne. Ich höre es HURRA rufen.
Es braucht dort dann den Mut zum Heldentum. Wehe den Vaterländern, die ihren Völkern solch einen Mut abverlangen.
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LOB DER GLOSSE.
Die Schriftstellerei wird, wenn vom Kulturbetrieb als Kunst anerkannt, allgemein für ein Phänomen der Begabung gehalten, gar der Ausdruck einer inneren Stimme. Man hält den Dichter für in besonderer Weise beseelt. Wenn das Publikum verzückt, wird vom Genie gefaselt. Das ist nett, aber irreführend.
Die Schriftstellerei ist ein Handwerk. Wie das Komponieren, das ja auch keine neuen Noten findet, sondern älteren Melodien eine ungewohnte Wendung abringt, jedenfalls dem, was an Melodischem schon in den Köpfen ist. Aber ich habe von Musik keine Ahnung. Spiele nicht mal ein Instrument, was als wirkliche Voraussetzung gilt, meist das Piano.
Was ist das Instrument des Wortkünstlers? Brecht hat seine Tätigkeit des dramatischen Dichters verschlichtet zu der Bezeichnung des Stückeschreibers; darin liegt die Bescheidenheit der ganz Großen. Von einem Schreiner hörte ich mal ein Lob über seinen Vater und Lehrmeister, das mich beeindruckt hat. „Er nahm ein Stück Holz in die Hand und drehte es kritisch beäugend zwei-, dreimal, dann war klar, dass das Stuhlbein später passte.“ Tischler der Worte? Sprachzimmerer? Ein Schnitzer an krummem Holz?
Damit sind wir bei Kant, dem wir verdanken: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Ein lobenswertes Menschenbild. Überhaupt strebt der Dichter nicht nach einem ähnlichen Abbild. Das ist die Grundstimmung des Malers, dem Leben authentische Einblicke abzuringen. Daraus wurde der Fotograf, dann der Handyknipser.
Glosse verlangt mehr als Schnappschüsse. Scherz, Satire und Ironie, die Meisterdisziplinen. Der satirische Dichter will das Leben erziehen; ihm schwebt bei allem etwas besseres vor. Er ist zur Kritik verdammt. Das war einst auch mal das Selbstverständnis des Kabarettisten, bevor daraus Witzchenerzähler wurden. Über die der Amerikaner nur lobend zu sagen weiß, dass sie, die „stand-up-comedians“, dabei aufrecht stehen.
In den USA gibt es gar Uni-Kurse in „creative writing“, Schönschreiben für höhere Töchter mittlerer Intelligenz. Im guten alten Europa gilt in einer Redaktion als geehrt, wer eine Glosse schreiben kann, etwa ein „Streiflicht“ in der Süddeutschen. Gibt es die noch? Oder ist die Redaktion an der eigenen Langeweile verstorben? Frage für einen Freund.
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VOR-HERRSCHAFTEN.
Habe ich das schon erzählt? Gelegentlich wiederhole ich mich. Das passiert insbesondere bei Geschichten, die ich wirklich erlebt habe. Und solchen, die Luther Gleichnisse genannt hätte. In Berlin ist die grüne Partei aus der Regierung, aber ihre Anhänger noch im Amt; Beamte wird man nicht so schnell wieder los. Mein Doktorvater hat das residuale Normalität genannt, wenn der Zeitgeist von gestern auch heute noch prägt. Ein Gleichnis über Hegemonie von gestern.
Streit an der Tanke. Ich hatte mir einen Kaffee geholt; der Karre wartete vor der Waschstraße. Ein Opelfahrer setzt sich dreist in mein Auto, weil er den Schlüssel sucht, um den Motor abzustellen, der noch laufe, was ein Skandal sei und verboten. Ich werde frech: „Raus aus meiner Karre!“
Der Schlüssel ist in meiner Jackentasche und der A8 läuft gar nicht. Der militante Öko hatte das nachlaufende Gebläse des Kühlers gehört. Er droht: „Jetzt rufe ich meine Kollegen in Uniform!“ Er fordert mich auf, nicht wegzufahren. Es erscheint tatsächlich eine Streife. Es stellt sich dabei aber heraus, dass der Herr gar nicht Polizist ist, sondern nur irgendein Senatsbediensteter. „Ich bin Beamter“, sagt er. Ich beharre: Er möge seine Hoheit nachweisen.
Jetzt steht also eine vermeintliche Ordnungswidrigkeit gegen eine veritable Amtsanmaßung, letzteres eine Straftat. Sagt der uniformierte Bulle zu mir: „Na ja, ein ‚A8 lang’ ist ja schon ein großes Auto.“ Keine Straftat. Aber politisch nicht gewünscht. Zudem mit WOB-Kennzeichen, also vermutlich ein Dienstwagen. Politisch nicht gewünscht. Und das mit dem elektronischen Schlüssel neumodischer Luxus; da kann der Kadett mit dem Kadett schon mal irren. Für einen Moment überlege ich, ob ich gegen den Öko Strafantrag stelle. Aber bin ich Habeck?
Hoheitsfunktion (Polizei) ist Herrschaft. An die Herrschaft kommt eine Vor-Herrschaft, in dem sie sich selbst zur Normalität erklärt und dann tatsächlich vorherrscht. Meine Generation der 68er hat einst gescherzt mit: „Legal, illegal: Scheißegal!“ Die Ökos verkürzten auf: „Legal, scheißegal!“ So wollten sie die Wohnheizungen wandeln, was sie politisch erledigt hat. Ich lasse den Opel-Öko einen guten Mann sein und fahre meines Wegs. Helden von gestern. Vormals Herrschaften.