Logbuch
DOING THE BOXES.
Englisches Ritual: Die Eingangspost für Regierungsmitglieder kommt in Westminster in besonderen Lederkoffern in auffälligstem Rot. Es sind, unterschiedlich je nach Amt, recht viele Postkoffer, die da zur Bearbeitung anstehen. Im feinen Humor der britischen Oberklasse spricht man bei dieser Sisyphos-Arbeit von „doing the boxes“, die Kisten abarbeiten.
Ich erinnere mich noch an den Schreibtisch des Kanzleramtsministers, als die Regierung Schröder (SPD) gerade die Regierung Kohl (CDU) abgelöst hatte und der Bonner Beamtenmoloch den neuen Herren zeigen wollte, was eine Harke ist. Der neue Leiter BK hatte einen Raummeter Post auf seinem Schreibtisch. Ich besuchte ihn auf einen Sonntag im Amt und sah, er war, hinter dem monströsen Postberg, schlicht verloren. Ich hörte ein böses Wort über das „ancien regime“ in den Amtsstuben: „Die verarschen Euch!“
Was mich an meine Sonntage erinnert, als ich noch im Vorstand eines sehr großen Unternehmens saß. Die Woche war mit Terminen verplant. Freitags am frühen Abend brachte meine Büroleiterin mir die Postkoffer in die Garage des Wohnhauses; nie mehr werde ich diese schwarzen Pilotenkoffer vergessen. Es waren immer vier an der Zahl, auch schon mal sechs. Wenn ich am Tag des Herrn um sechs begann, war ich mittags gegen zwei durch und konnte den restlichen Sonntag dem Familienleben widmen. Vorher alle zwei Stunden ein neuer Koffer aus der Garage. Koffersklave.
Die Mühe war natürlich den analogen Zeiten geschuldet; digital geht das heute ohne „boxes“ und wahrscheinlich auch automatisch mit KI… Paaah. Doing the boxes. Was man lernt, ist Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Dinge noch nicht entscheidungsreif. Wer da zögert, erzeugt einen Vorgang, der zurückkommt. Bumerang-Effekt. Wiedergänger. Da geht in der Folgewoche auch noch der Sonntagnachmittag drauf. Es gilt daher bei Entscheidungen an der Spitze immer das Motto des Wyatt Earp: „Shoot first, argue later!“
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DER PRIVATGELEHRTE.
Es gibt sie noch, die sehr klugen Menschen, die von ihrem Wissen kein Aufhebens machen. Und es gibt sie bei ganz und gar nebensächlichen Themen, die ihnen, den Privatgelehrten, wichtig sind. So einen treffe ich vor einem nach Amerika geratenen Bild eines französischen Malers des vorigen Jahrhunderts. Hängt in Washington. Er redet auf Befragen eine gute Stunde und ich sehe nicht nur das Bild mit anderen Augen. Mein Blick ist verändert. Für immer. Wie geht das?
Da es schwierig ist, über Bilder nur zu reden, ohne sie zeigen zu können, zunächst die Frage: Worum geht es? Es geht um Edouard Manets „Der Weg aus Eisen“ von 1873. Dies ist ein Kalauer; das französische Wort meint die Eisenbahn und hier einen bestimmten Bahnhof, nach dem Heiligen Lazarus benannt, ein Pariser Kopfbahnhof nur regionaler Bedeutung. Und wir sehen auf dem Ölschinken weder Lokomotiven noch Reisende. Das Thema steckt nicht im Titel. Zu sehen sind zunächst nur Mutter und Tochter.
Die junge Mutter, eine anmutige Dame, für die des Malers langjährige Geliebte Modell stand, sitzt dort und blickt uns unverhohlen an. In ihrem Schoß ein Hündchen, ein Fächer und ein Buch, aus dem sie vorgelesen hatte. Die Tochter in hellem Kleid und feiner Schürze ist von uns gänzlich abgewandt und blickt durch ein Eisengitter hinaus auf eine in Dampf gehüllte Stadt. Man meint zu spüren, wie sie entfliehen will; nicht so sehr an ihr wie am melancholischen Blick der mit dem Spielzeug zurückgelassenen Mutter. Welch eine Szene.
Und dann entdeckt man im wohlgeordneten Haar des Mädchens einen Ohrring. Aus dem Kind wird eine junge Frau, die, noch eingeschlossen, bald ins Leben entfliehen wird, sie blickt sehnsüchtig in die Schwaden der großen Stadt. Pubertät, das Ausbrechen aus der Ruhe der Kindheit in den Lärm des Lebens, das ist hier Thema, sorgsam verhüllt, aber doch offenbart. Der Maler Manet ist kunstgeschichtlich dem Impressionismus zugeordnet worden, blanker Unsinn. Er begründete die Moderne, ohne dass es seine Zeitgenossen ahnten. Arm, aber vergnügt, so verstarb er unerkannt.
Ich habe mir bei Amazon einen Druck von dem Ding bestellt und werde ein Handyfoto davon nun an diese asiatischen Kunstfälscher geben, die für 200 US-Dollar Ölgemälde produzieren. Ich hab da eine Adresse in Kowloon, Hongkong. Dann planen wir damit Sabotage-Hängungen in randständigen Ausstellungen; es braucht nur Hammer und Nagel und einen unbeobachteten Moment. Schon hängt in der Villa eines verstorbenen Potentaten der Eiserne Weg.
Vielleicht noch eine Legende, dass es sich um russische Raubkunst handelt. Oder um einen verkannten Norweger wie bei dem Ding mit den Ohrenschmerzen. Als die Kunstsammlung der Ruhrgas AG in Essen aufgelöst wurde, entdeckte man darunter zwei veritable Fälschungen. Man sage mir also nicht, das ginge nicht. In dem dann folgenden Skandal werden die Feuilletons wieder über den großen Manet reden, den die Syphilis geholt hat.
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GLÜCKSSPIEL.
Man muss, wenn melancholisch, die fehlende Leichtigkeit des Seins beklagen. Politisches Fallbeispiel: Die christliche Konservative schlägt zur Rekrutierung von frischen Soldaten eine Lotterie vor und die Linke reagiert humorlos. Man hatte vor, die Bundeswehr mit Freiwilligen zu bestücken und, falls dies wegen mangelndem Wehrwillen in der Menge nicht reicht, die noch fehlenden Soldaten auszulosen. Das ist als Verfahren an mangelndem Humor gescheitert.
Nun hat es immer skurrile Geschichten darum gegeben, wie gezogen wird; so nennt man das wohl, wenn ein Land seine Söhne gibt. Berufsarmeen und Söldnerheere haben stets von der Armut gelebt. Des Kaiser Rock trug, wem kein eigener gehörte. Inzwischen macht man keinen großen rhetorischen Aufwand mehr darum; das Verteidigungsressort heißt wieder Kriegsministerium.
In meiner Jugend hörte man noch aus der neuen Welt, dass Gezogene ihre Stellungsbefehle öffentlich verbrannten. Ziviler Ungehorsam. Solcher Widerstand ist aus der Zeit gefallen. Überhaupt hat Aufrüstung eine große Selbstverständlichkeit gewonnen. Warum, wird man gedacht haben, dann nicht auch Rekrutierung durch einen „lucky draw“ aus der Lostrommel? Nun, noch schien die Stimmung dafür nicht bei allen bereit.
Mir ist aus meiner Jugend ein böses Lied im Kopf, nach dem der Krieg ein gutes Geschäft sei, in das man ruhig seine Kinder investieren könne. „And your boy comes home in a box.“ Ein Lied aus vergangenen Zeiten. Ich bin ein melancholischer Sack. Man bemerkt die fehlende Leichtigkeit des Seins.
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WEGSCHAUEN WOLLEN.
Was sich so vornehm „selektive Wahrnehmung“ nennt, ist keine Unart unserer Sinne selbst, sondern ein Schaltfehler im Hirn. Man kennt es von unnötigen Staus auf der Autobahn, wo der Verkehr auch auf der Gegenfahrbahn stockt, weil es „Gaffer“ gibt, die unbedingt ein Bild vom Horror des Unfalls mitkriegen wollen und so den nächsten Stau erzeugen. Weiterer Auffahrunfall programmiert. Warum wollen wir gaffen?
Seit wir mit dem iPhone in die Welt blicken, konzentriert sich das Gaffen auf das kleine Scheißding in unserer Hand; die jüngere Generation hat mindestens zwei Online-Instrumente simultan an. Softpornos und schale Gags, Terror des Episodischen. Die Belohnungsstruktur der endlosen Folge von Filmchen mit Pointe macht uns zu Schoßhündchen des Internets, die auf Leckerli lauern und dabei anregt mit dem Schwanz wedeln. Und Elon wirft wieder eines, wenn unsere Aufmerksamkeit abzuschweifen droht. Wir sind zu Appetenz-Sklaven des Episodischen geworden.
Mir fällt auf, wieviel ich von der amtierenden amerikanischen Klasse weiß, was ich nie zu wissen hätte hoffen wollen. Ich werde an den Stellschrauben in meinem Hirn drehen und den gelben Clown künftig vorsätzlich ignorieren. Die nächsten tausend Strafzölle darf er ohne mich verhängen, zurücknehmen oder was auch immer „Social Truth“ verkünden will. Ich schaue künftig weg. Ich sage fürderhin mit Karl Valentin: „Nicht mal ignorieren!“
Darf ich einen Gedanken des fabelhaften Immanuel Kant vortragen? Er handelt „von der Macht des Gemüts durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Wir können, weil wir wollen. Auch das Wegschauen.