Logbuch

DER TIEFE TELLER.

Wenn es eine Suppe auszulöffeln gilt, dann nehmen wir den tiefen Teller. Die Suppenschüssel ist natürlich nur ein Code für etwas anderes, das anzudeuten schon des übermenschlichen Mutes bedarf. Wenn nämlich jene, die heimlich die Macht im Staate haben, bemerken, dass sie verraten werden könnten, verabreichen sie Gift. So gibt man dann den Löffel ab. Deshalb sagen wir tiefer Teller, wenn wir das „imperium in imperio“ meinen. Muss aber unter uns, sprich geheim, bleiben.

Was soll der Quatsch? Nun, ich raune vom TIEFEN STAAT, möchte dabei aber nicht von ihm erwischt werden; also tarne ich mich vor der Weltverschwörung, indem ich über Porzellan rede, aber die Weltherrschaft meine. Grandioser Trick. Wer das jetzt krude findet, der ist noch nicht in die Welt der Verschwörungstheoretiker eingetaucht; er ist halt nur ein flacher Teller, eine Untertasse.

Ob ich was geraucht habe? Nicht am frühen Morgen. Anlass der Albernheit des tiefen Tellers ist eine Leserreaktion auf meine Bemerkung, dass ich ein gelernter Linker sei, der sich im zunehmenden Erkenntnisekel befinde. Man sagt mir noch weitere Desillusionierungen mit dem tiefen Staat voraus. Da ist er wieder der Topos der okkulten Verschwörung. Man wird gewarnt, wie einst die Katholische Kirche ihre Delinquenten vor dem Teufel.

Neu ist der Zauber nicht. Man sah die Illuminaten herrschen, sprich Freimaurer. Die sollen ihre Enttarner vergiftet haben. Oder Opus Dei. Das Judentum allzumal. Oder den militärisch-industriellen Komplex. Oder die Päderasten. Oder die Jungtürken. You name it. Die Angst vor dem tiefen Teller (zwinker, zwinker) ist eine Riesendummheit, die auf eine veritable Erkenntnis folgt. Beginnen wir mit dieser.

Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Eine bittere, aber sehr wesentliche Erkenntnis. Die Menschen sind zu ganz kolossalem Irrglauben in der Lage. Die Dinge können komplexer sein, als der Alltagsverstand vermutet, aber eben auch schlicht zufälliger Natur; kontingent. Deshalb ist die Fragestellung Kants so lehrreich, der fragt: „Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen?“

Wer mit der Kontingenz nicht leben kann oder will, weil er was vorhat, der lege den Propagandaklassiker der Verschwörung auf und male die Verschwörer so, dass man sie am liebsten gleich lynchen möchte. Um das Irre dieses gewollten Irrsinns vor Zweifel zu schützen, gebe man Realitätsmarker hinzu. Oder Histörchen, Kunde aus den guten alten Zeiten.

So ich gehe jetzt frühstücken. Porridge, sprich Haferschleim und zwar aus tiefen Tellern (zwinker, zwinker).

Logbuch

THURINGIA PERDITA.

Man rät mir, heute einen männlichen Politiker zu beleidigen, nachdem dies gestern mit einer Frau passiert ist. Das würde aber das falsche Prinzip feiern, indem es einen hohlen Proporz wahrt. Deshalb ohne Pejoration: Was haben wir falsch gemacht bei dieser Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands?

Lassen wir die unregierbaren Sachsen und Sorben mal außen vor. Oder die USA (unser Sachsen-Anhalt). Aber das Land Schillers und Goethes, Kerngebiet des besseren Deutschen? Da scheitert die altehrwürdige SPD an einer Drei-Prozent-Hürde? Die CDU abgeschlagen auf ein Fünftel? Der westliche Mainstream hat sich insgesamt marginalisiert. Eine neue Weimarer Republik erhebt ihr Haupt.

In Thüringen kommen die „Altparteien“ Westdeutschen Zuschnitts noch auf ein Drittel der Wählerstimmen. CDU, SPD, FDP, Grüne, alle zusammen. Die AfD wird stärkste Kraft werden, mit satten 30 Prozent. Und das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ bringt es aus dem Stand auf 20 Prozent. Zusammen die Hälfte aller Stimmen.

Im Klartext: Der fabelhafte Herr Höcke und die fabelhafte Frau Wagenknecht, eine gelernte Kommunistin und ein gelernter Faschist, könnten miteinander dieses Land regieren. Ein neuer Mainstream thüringischer Art. Alter Schwede. Hegels Jena und Goethes Weimar in den Händen dieser Gestalten. Da wird der Kandidat Bodo R. von der LINKS-Partei zur staatsbürgerlichen Hoffnung, voraussichtlich einer vergeblichen.

Ich habe den Wähler nicht zu schelten, aber Thüringen ist im Westen nicht angekommen. Unregierbar nach westlichen Standards. Man hat da was vergessen. Das müssen wir bei der nächsten Annexion eines Territoriums berücksichtigen.

Logbuch

ZENSUR.

Das Grundgesetz ist unsere Verfassung, regelt also, was der Staat gegenüber den Bürgern darf und was nicht. Ein Grundsatz lautet: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Der Staat hat die Meinungsfreiheit nicht einzuschränken.

„Moooment!“ rufen da die Verfassungsschützer, „außer wenn…“ Neuerdings gehören zu den staatlich sanktionierten Meinungen rechte Hassreden. Der dahinterstehende Lehrsatz lautet, dass Faschismus keine Meinung sei, sondern ein Verbrechen. Als gelernter Linker fühle ich mich bei dieser Debatte immer auf der Sonnenseite; aber so einfach sind die Dinge, wenn redlich betrachtet, nicht.

Ich halte die Strafvorschriften für bestimmte Bücher, Gesten und Parolen für historisch verständlich, aber nicht für politisch klug. Das positive Stigma befördert deren fatale Attraktivität in der Propaganda demokratiefeindlicher Kreise. Die Redefreiheit beschützt nicht weniger, sondern nur mehr öffentliche Rede. Dass die Bundesinnenministerin jetzt die Schlapphüte heimlich in die Wohnungen von Verdächtigen schicken will, beruhigt mich nicht. Die Frau ist ein politischer Trottel, eine Trulla.

Darf ich das sagen, über die Nancy? Ich darf, denn es geht mir nicht um die Schmähung einer Person, sondern um Regierungshandeln, das versucht hat, die Verfassung mittels Vereinsrecht auszuhebeln und damit vor Gericht krachend gescheitert ist; dabei den rechten Mythos von einer angeblichen Meinungsdiktatur unnötig nährend. Wie schon anderes: verfassungswidrig und damit politisch nicht klug. Eine Trulla.

Der englische Meinungsjournalist Konstantin Kisin trägt folgendes vor, als Bürger gegen seinen Staat: „Once they're done outlawing hate speech, i.e. speech they hate, they'll move on to outlawing hate facts, i.e. facts they hate.“ Das ist ein schweres Geschütz gegen eine linksliberale Regierung, die rechte Pogrome zu verhindern hat, die durch Hassreden im Netz aufgestachelt werden. Aber es ist keine grundlose Befürchtung. Eine solche Kritik des Staates muss dieser auch dann aushalten, wenn die Regierung sie für unerwünscht hält.

Mein Unwohlsein wird zudem durch diese Kameraderie von Schlapphüten und Journalisten genährt, die sogar Spitzenbeamte zu entlassen hilft und andere Pyrrhussiege gegen Rechts. Ich kenne einen Investigativen, der da tief drin steckt und mir sagt: „Die Investigativen bedienen sich der Dienste, während die Dienste sich in Wahrheit ihrer bedienen.“ Dieses gemischte Milieu missfällt mir. Weil ich weiß, dass das Einzige, was die Lüge fürchtet, ist, dass morgen irgendwo die Wahrheit steht. In dieser Furcht sollte jedermann leben müssen, der Macht hat. Deshalb findet sie nicht statt, die Zensur.

Logbuch

WEGSCHAUEN WOLLEN.

Was sich so vornehm „selektive Wahrnehmung“ nennt, ist keine Unart unserer Sinne selbst, sondern ein Schaltfehler im Hirn. Man kennt es von unnötigen Staus auf der Autobahn, wo der Verkehr auch auf der Gegenfahrbahn stockt, weil es „Gaffer“ gibt, die unbedingt ein Bild vom Horror des Unfalls mitkriegen wollen und so den nächsten Stau erzeugen. Weiterer Auffahrunfall programmiert. Warum wollen wir gaffen?

Seit wir mit dem iPhone in die Welt blicken, konzentriert sich das Gaffen auf das kleine Scheißding in unserer Hand; die jüngere Generation hat mindestens zwei Online-Instrumente simultan an. Softpornos und schale Gags, Terror des Episodischen. Die Belohnungsstruktur der endlosen Folge von Filmchen mit Pointe macht uns zu Schoßhündchen des Internets, die auf Leckerli lauern und dabei anregt mit dem Schwanz wedeln. Und Elon wirft wieder eines, wenn unsere Aufmerksamkeit abzuschweifen droht. Wir sind zu Appetenz-Sklaven des Episodischen geworden.

Mir fällt auf, wieviel ich von der amtierenden amerikanischen Klasse weiß, was ich nie zu wissen hätte hoffen wollen. Ich werde an den Stellschrauben in meinem Hirn drehen und den gelben Clown künftig vorsätzlich ignorieren. Die nächsten tausend Strafzölle darf er ohne mich verhängen, zurücknehmen oder was auch immer „Social Truth“ verkünden will. Ich schaue künftig weg. Ich sage fürderhin mit Karl Valentin: „Nicht mal ignorieren!“

Darf ich einen Gedanken des fabelhaften Immanuel Kant vortragen? Er handelt „von der Macht des Gemüts durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Wir können, weil wir wollen. Auch das Wegschauen.