Logbuch
VERLOGENE VERLUSTANZEIGE.
„Ich bin der Welt abhandengekommen.“ Ein berühmtes Wort. Warum nur? Welch ein schwülstiger Quatsch, diese Weltflucht. Ob sie ihn jetzt wohl vermisst, die Welt?
Erstens eine Zufallszeile eines elenden Vielschreibers. Zweitens aus einem Buhlschreiben; er wollte eine Angebetete rumkriegen, der Herr Skribent. Drittens die notorische leere Drohung mit dem eigenen Tod. Viertens böhmisch vertont.
Es gibt ja große Stücke von Gustav Mahler. Aber seine LIEDER? Elend. Das ist vielleicht das Schlimmste, wie ein Tenor oder Bariton die Mahlersche Vertonung vorträgt: Iiiich binnn derrr Wäält abhandengekommen… Überhaupt sollte man Tenöre verbieten. Und Baritone. Liederabende, das ist so was von 19. Jahrhundert. Furchtbar.
Weltflucht also. Der Welt Gewimmel sei er entflohen. Und wohin? In sein Lied und seine Lieb. Man glaubt es nicht, der brünftige Troubadour. Was so ein Hormonstau alles anrichtet. Sentimentales Zeug. Also, der Beethoven war klasse gestern, der Schubert großartig. Und der Wein, ein Sauvignon Blanc, kalt genug und damit trinkbar. Dazu kleiner Schnittchenteller für 9,50€, kann man nicht meckern.
Wenn nur dieses „Ich bin der Welt abhandengekommen“ nicht gewesen wäre. Der Welt Gewimmel entflohen. Paaah. Ach so, und alles ohne Maske. Das lobe ich sehr. Endlich wieder ohne Maske in die Philharmonie. Also doch: Der Welt entflohen.
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BASAR.
Über die Angemessenheit eines Preises soll, so will es der Basar, wortreich verhandelt werden. Ein Ritual. Sonst kommt der Verkäufer nicht in den Schlaf; er könnte zu wenig verlangt haben.
Als Student habe ich meine Autos im Essener Norden in einem Autokino vertickt. Da konnte man was lernen. „Alta, was letzte Preis?“ So die Ansage der Profis unter den Privaten. Mir fiel auf, dass die des morgens mit Frühstücksbeuteln der Lufthansa Business aufschlugen, einem Düsseldorfer Taxi entsteigend.
Die Herren kauften und verkauften an einem Vormittag mehrere Schüsseln und fuhren, um einiges reicher, mit der Droschke schließlich wieder zum Flughafen zurück. Das ist das, was Jahre später die Plattform MOBILE.DE digital ermöglicht: Man ermittelt Unter-Niveau-Preise. Das Wunder des Delta (der Differenz vom Einkaufs- und Verkaufspreis). Und das Ritual des Verhandelns mit einem ständigen Hin und Her. Man droht zu gehen, bleibt dann doch. Große Gestik. Ein Ehrenritual.
Ich verhandle heutzutage nicht mehr, wenn ich mir einen Spaß machen will. Ich zahle den angeschriebenen Preis. Das verstört den Basarverkäufer tief. Warum nur? Es geht ihm gegen seine Ehre, dass man nicht mit ihm ringt. Nun gut. Vor allem aber fürchtet er, dass er, angesichts der spontanen Zustimmung, noch mehr hätte nehmen können. Dieser vermeintlich entgangene Gewinn, der wird seine Seele sehr lange quälen.
Solchen Schabernack hörte ich fern von meiner Geschichte.
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STOLZ.
Der Mensch ist vielleicht kein Herdentier, aber ein Gruppenwesen. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ebenbürtigkeit. Im Englischen spricht man deshalb von peer groups.
Worauf Menschen stolz sind. Zum Beispiel ihren Beruf. Ich wurde vor vierzig Jahren in einem Bewerbungsgespräch ernsthaft vom einem Vorstand des einstellenden Unternehmens gefragt, auf welchem Pütt mein Großvater war. „Neue Hoffnung!“ „Ah“, sagte er, „GHH!“ und ich war drin. GHH stand für Gute Hoffnungs Hütte in Sterkrade. Guter Laden, fand er.
Es soll sowas bei Landsmannschaften geben, bei Religionszugehörigkeit, bei Parteibuch oder studentischer Verbindung. Erstaunlich wie vordergründig. Ich war frisch promoviert; er hätte mich nach meiner Dissertation fragen können. War ihm egal. Der Pütt (von engl. pit; Bergwerk) musste stimmen. Gemeinsamer Stallgeruch verbindet. Aus dem gleichen Stall, das riecht man also.
Heute versucht Personalpolitik solche Milieus durch den Vorsatz der DIVERSITÄT zu verhindern. Solche Vielfalt kann man nur vorsätzlich, sprich durch gezielte Auswahl erreichen. Überlässt man das dem naturwüchsigen Prozess greift die Selbsterhaltung des alten Systems. Bei Luhmann: Autopoesis. In den Bergbau zogen niemals Frauen ein, jedenfalls nicht untertage. „Frauen im Pütt bringen Unglück!“ Das war strikte Regel. Ausnahmen nur in der Kohlewäsche, aber dann auch nur eher ungern.
Die vorsätzlich erzwungene Vielfalt mischt die Stallgerüche nicht, es erzeugt einen neuen, zwar synthetischen, aber eben im Sinne der DIVERSITÄT. Da dann alle Milieus präsent sein sollen, also jede Diskriminierung erkennbar vermieden, entsteht eine neue Kultur nach einem symbolischen INKLUSIONS-GEBOT. Und der STOLZ müsste sich dann an etwas anderem entwickeln als der alten Gleichförmigkeit.
Mir fällt auf, dass in diesen neuen diversen Gruppen alle die gleichen weißen Turnschuhe (sagt man das noch zu sneakers?) anhaben, alle genau die gleichen. Darauf ist man wohl stolz.
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AUFBAU WEST.
Meine Alma Mater, Mutter der Wissenschaft, die architektonisch monströse RUB, klagt über Kindermangel. Der Ruhr Universität Bochum fehlen 5000 Studenten. Das ist für mich als Alumnus eine Sensation gänzlich unerwarteter Art. Als ich hier Anfang der siebziger Jahre aufschlug, standen alle Signale auf Wachstum. Ganze Hochhauskomplexe normaler Mietwohnungen waren im Handstreich auf Studentenbuden umgestellt. Man lebte toll in den spontanen Kommunen in der Hustadt. Und billig. Erstklassiges Lehrangebot. Fabelhafte Bibliotheken. Halbleere Seminare wirklich kluger Köpfe.
Wenn ich ergänzend zu den Genies in den Hörsälen die Studis aus dem Pott beschreiben soll, also den Geist der frühen Jahre, dann genügt der Hinweis, dass vor der riesigen Mensa eine sogenannte Bierklause eingerichtet war, in der es allerdings nur Krüge gab: „halbe-Liter-machen“ nennt das der Italiener. Abends ging man in den RUB PUB, den das Studentenwerk betrieb; einschließlich Rollgriff in der Kasse. Hier hatte noch der AStA das Sagen. Linker Sauladen, gefiel mir damals.
Aber das ist natürlich irreführend. Gut 40.000 Studenten büffelten brav und bravourös in Bochum; immerhin 10 % schloss mit Promotion ab. Man schenkte mir eine Urkunde, die meine Diss als beste des Jahrgangs qualifizierte; keine Ahnung, wieviel beste es gab, aber man freute sich natürlich über das „summa cum laude“. Der monströse Komplex in Bochum-Querenburg steht inzwischen unter Denkmalschutz. Jetzt also negatives Wachstum? Kann das?
Der Pott ist pleite. Mona Neubaur, die stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW, fordert als Grüne einen AUFBAU WEST. Das Ruhrgebiet verfällt und bildet Gettos aus, in denen Vagabunden das Sagen haben. Der Essener Norden etwa war nie chic und lange Zeit industriell geprägt. Heute ist er nicht mehr zu betreten. Bei der Verfassungsvorgabe der gleichwertigen Lebensverhältnisse sind jetzt mal die Wessis dran. Unausgesprochen: Und nicht die undankbaren Ossis. Obwohl der Vizekanzler dem Osten gerade wieder blühende Landschaften versprochen hat. Da meldet sich der Pott: „gezz ma wir!“
Wir erleben Strukturwandel. Kohle und Stahl sind gegangen (worden) und mit ihnen ein Wirtschaftswachstum in der sozialen Breite, das Arbeitskräfte aus Italien, Ostpreußen und der Türkei anzog, ernährte und bildete. Jetzt erleben wir Zuwanderung in die Sozialsysteme mit dem Effekt ihres vorsätzlichen Missbrauchs. Gettos einerseits und zum anderen Habitat der AfD.
Krupp wird es nicht richten. Und eine neue Konjunktur der Dicken Berta wohl auch nicht. Rheinmetall soll gut laufen, höre ich. Ob mir das gefällt, das weiß ich nicht so recht.