Logbuch
FLEISCHERSATZ.
Man kann gegen die intensive Tierhaltung eine Menge einwenden. Gilt für den norwegischen Lachs aus einem Netzkäfig im Fjord wie das dänische Schwein und die irische Kuh, beide aus engen Ställen. Und Grünzeug kann natürlich sehr gut schmecken. Warum aber , wenn ich kein Fleisch will oder mag, muss das Surrogat genau so aussehen wie das verpönte Original? Im Werbefernsehen sehe ich „veganes“ Gehacktes, das es auch der Form nach als „Griller“-Würstchen gibt, ausdrücklich aus Fleischersatz. Man könnte damit fleischlose Frikadellen fertigen, Buletten, neudeutsch Pättis, Gehacktes für den Hamburger, sagt man mir. Es muss, stelle ich mir vor, eigenartig schmecken, das Surrogat, aber das ist nicht mein Punkt. Ich hatte gestern Salat, der aussah wie Salat, und Gemüse, das aussah wie Gemüse. War lecker. Die surrogativen Fleischprodukte der Lügenwalder Mühle erscheinen mir typisch für eine bestimmte zeitgenössische Doppelmoral: Hamburger mit Rinderpätti wollen, aber keine toten Kühe. Warum dann nicht Käsebrötchen oder mit Marmelade? Fleischersatzfleisch ist von einer typischen Inkonsequenz. Eigentlich Halbmoral, nicht Doppel. Es gab in dem Restaurant meiner Wahl gestern übrigens zum Salat französischen Schafskäse und zum Gemüse ein australisches Rinderfilet, englisch gebraten, medium rare.
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Der MERKEL-NACHFOLGER Friedrich März ist wieder in eine Tabu-Falle gelaufen. Er schaut verdutzt drein und wirkt minderbegabt. Er hat, findet eine empörte Twittergemeinde, schwule Politiker in die Nähe von Kindesschänder gerückt; das gilt als nicht mehr zeitgemäß. To say the least. Bemerkenswert ist das eigentliche Zugeständnis von März: es gebe halt diverse Lebensentwürfe in einer liberalen Gesellschaft. Das hat den Ton der Sonderpädagogik, genauer des Lobes in der Sonderpädagogik. Das ist jener Diskurs, der schwere Beeinträchtigung scheinheilig als alternative Begabung euphemisiert. Homosexualität sei aber keine Krankheit, wird zurecht angemerkt. Auch sei es, sagen andere, kein willentlich gewählter Lebensstil, weshalb die ach so liberale Toleranz als Beleidigung empfunden werde. Und die vermeintliche Nähe zu Verbrechen wie Kindesmissbrauch diskreditiere jenen, der sie assoziiert. Dergestalt bewegt sich Friedrich März wie eine Flipperkugel zwischen den Reaktanzen seiner Feinde. In mir steigt eine Erinnerung auf an den selbsternannten Moped-Rocker aus Brilon, der nach der Erinnerung seiner Zeitgenossen eher ein unscheinbarer Messdiener war. März kann Merkel nicht.
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HERRENWITZ.
Welch ein spießiger Euphemismus für eine sexistische Zote. Aber das war nicht der Punkt. Überhaupt eine enge Sicht der Dinge in der Debatte um die Schmähung eines politischen Opfers durch den Täter. Es geht im Fall Lindner um politische Kultur, nicht um „gender“, wie einige, insbesondere weibliche Stimmen auf Twitter meinen. Das ist etwas kurz gesprungen. Allgemein gesagt: eine Diskriminierung ist nicht nur für den Diskriminierten falsch, sondern auch für den Diskriminierenden. Mangelnder Respekt spricht gegen den Respektlosen. Das ist das Argument. Das Tadeln des Opfers ehrt den Täter nicht, im Gegenteil: Die Schmähung ächtet den Schmähenden. Machtmissbrauch.
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GRÜNE SPALTPRODUKTE.
Man kann nicht nur Uran spalten; da geht auch Grünes. Aus der Eifel wird aber leider ein Flop gemeldet; darüber schütteln wir den Kopf. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um. Hunderte von Wasserstoffbussen stehen mit leerem Tank rum; lese ich in der gleichen Zeitung. Freunde, dies ist das Land von Linde! Nein, nicht der Baum, der Chemiker.
Die wahre Wunderwissenschaft ist die Chemie. Der wirkliche Weise trägt einen weißen Kittel. Drei Beispiele fallen mir ein. Man kann Wasser mittels Strom in seine Bestandteile zerlegen und durch Atomspaltung ein supersauberes Gas erhalten, den Wasserstoff; macht man das dann noch mit grünem Strom, ist die schadstofffreie Zukunft gewonnen. Der Physiker scheitert am Perpetuum Mobile, aber der Chemiker nicht; er schafft Genuss ohne Reue.
Mein Herr Vater kam 1923 als Bergmannssohn zur Welt und bewarb sich 1937 bei der Ruhrchemie in Oberhausen-Holten als Laufjunge; daraus wurde ein Weißkittel, der Wunder zu vollbringen hatte. Man spaltete Luft und wandelte den so gewonnenen Stickstoff zu Kunstdünger. Klappt bis heute. Die Erträge der Bauern sprießen. Brot aus Luft. Das kann man bis heute.
Überhaupt gingen hier im Emscherbruch tolle Dinge. Die Arbeitskameraden Fischer und Tropsch arbeiteten Ende der dreißiger Jahre an der Verflüssigung und Vergasung von Steinkohle. So war man zur Gewinnung von Gas nicht mehr auf die elenden Kokereien angewiesen. Als der Sohn meines Vaters in den achtziger Jahren bei der Ruhrkohle AG war, knüpfte man daran wieder an, versuchsweise. Eine neue Generation von Weißkitteln. Heimisches Gas aus dem Pütt, nicht fremdes von Putin. So geht Vision!
Nicht Kohlenwasserstoffe oder Luft wollte man in der Eifel spalten, sondern Wasser (ein Sauerstoffatom, zwei Wasserstoffatome, H2O). Wasserstoff wird Erdgas ersetzen, das einst Stadtgas ersetzte. Grüner Strom wird speicherbar. Paradise now! Man braucht dazu nur eine Elektrolyse. Sie ahnen es schon, werte Zeitgenossen. Dem Elektrolysör ist das zu schwör. Das Ding lief nicht. E.ON mal wieder als E.OFF. Versuchsbetrieb eingestellt. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um.