Logbuch

WELTMEISTER.

Wer NATIONEN will, will Kriege. Nicht im Prinzip, weil der Weltfrieden ja eingehalten werden könnte, aber in der Wirklichkeit. Und Sport ist Krieg mit friedlichen Mitteln.

Argentinien ist jetzt wieder Weltmeister; ich war gestern am Bildschirm Zeuge des Spiels, obwohl ich mich nicht für Fußball interessiere. Mit so euphorisch vorgetragenen Urteilen, wie dem, dass Messi eine Wiedergeburt Madonnas sei, fange ich nichts an. Wer zum Teufel ist Messi? Und wieso Madonna? Unsere Liebe Frau?

Aber ich lerne, dass der ominöse Veranstalter namens FIFA prinzipiell keine englischen Schiedsrichter bei Spielen mit Argentinien einsetze. Und keine argentinischen gegen England. Begründet wird das mit dem Falklandkrieg. Ich staune. Es geht also doch um NATIONALISMUS. Der Falklandkrieg, ich erinnere mich nur vage, fand vor über 40 Jahren statt. Der letzte Krieg des britischen KOLONIALISMUS. Lady Thatcher als WAR LADY. Angeblich ging es um das Selbstbestimmungsrecht von englischen Siedlern auf den winzigen Inseln vor Argentinien. Eine Handvoll Schafszüchter. Und eine reaktionäre Militärjunta in Argentinien, die auch Nachbarländer wie Chile bedrohte.

Dahinter seit dem 17. Jahrhundert völlig skrupellose Freibeuterei und koloniale Kriege in allen Facetten. Der Kampf der europäischen Eroberer um die Welt. Holländer, Engländer, Spanier und Portugiesen… Die hässliche Seite der Moderne. Hinter den Kriegen der Nationen stand die Konkurrenz der Geschäfte, die sich aus der Ausplünderung anderer Länder ergab und der Bewirtschaftung sogenannter Sklaven. Irgendwie fehlt mir der ideelle Zugang zum Konzept der Nation.

Wäre meine Begeisterung vielleicht größer, wenn beim Fußball meine Mannschaft (jene, die Referenz auf meinen Pass reklamiert) gegen die eines ehemaligen Kriegsgegners (meiner Urväter) gewönne? Da kämen ja eine ganze Menge in Frage, da sich meine Großväter zu Weltkriegen haben animieren lassen. Ich bin im Zweifel. Ich kriege dieses Virus des WELTENBÜRGERS nicht aus dem Leib.

Übrigens ist der WELTENBÜRGER mehr als der „Weltbürger“. Schon bei den Nationen nicht zu einem Singular in der Lage, schaffe ich selbst bei der „Welt“ nur einen Plural. Das taugt nicht zu Wettkämpfen darum, wer Weltmeister ist. Vagabund!

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IMMER GRÜN.

Bräuche verraten viel über das schlechte Gewissen. Das Ritual holt Versäumnisse nach. Vor allem im Advent. Über die verbreitete Anbetung kitschiger Bäume.

Häufige Beobachtung dieser Tage: Alte weiße Männer wählen den Weihnachtsbaum mit solchem Bedacht aus, als ginge es um was, um alles. Der üselige Tannenbaum wird aufrecht gehalten, gedreht, mit geneigtem Kopf betrachtet, verworfen, verglichen und dann doch erworben. Fünfzig Euro wird leicht gezahlt für die abgehackte oder handgesägte Baumleiche. Skurril.

Der Brauch vollendet sich in einem Exzess an Kitsch, bei dem der Immergrüne behängt wird mit billigem Schmuck wie eine gealterte Puffmutter im Vorderen Orient. Kugeln, Ketten, Strass en masse. Zum guten Ende mit Lichtlein aufgehübscht. Den Baum zu schmücken gilt als Sakrileg des wirklichen Familienoberhauptes, also der Mutter. Vater darf ihn kaufen, Mutti bringt Lametta an. Da steht er dann wie ein Totempfahl; und das ist er ja auch, ein Totem heidnischen Ursprungs.

Die Tanne kam zu solchen Ehren, weil immergrün, ein Triumph über die Jahreszeiten. Man muss das heute erklären, wo die Vier Jahreszeiten Salami, Schinken, Pilze und Oberschiene sind. Oder Artischocke. Der immergrüne Weihnachtsbaum bezieht sich als EWIG LEBENDER auf die HEILIGE FAMILIE, meint aber eigentlich eine HEILE FAMILIE.

Dabei wird jede zweite Ehe geschieden. Hätte Pappa so viel Sorgfalt und Bedacht auf die Auswahl wie jetzt beim Baum seinerzeit auf die Gattenwahl gelegt, wäre die Familie heiler. Oder eben die damalige Jungfrau, also Mamma. Also umgekehrt. Apropos Gattenwahl: Maria war nun wirklich wählerisch.

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NO DOXXING.

Die Gettoisierung des sozialen Lebens werde ich nicht als „Opfa“ hinnehmen. Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf. Aber Namen nenn ich trotzdem nicht.

Ich habe aus dem fließenden Verkehr einer vierspurigen Straße in eine Einfahrt abzubiegen, die ein haltender PKW blockiert. Ich hupe, nichts passiert; hinter mir hupt jemand, nichts passiert; auf der ebenfalls blockierten Überholspur wird gehupt. Der Delinquent, Namen nenn ich nicht, zieht zwei Meter vor. Alles gut.

Ich stehe in der angestrebten Einfahrt, steige aus und der junge Mann stürmt mir entgegen: „Du kleine Nutte, einmal Huppen reicht. Dreimal Huppen, schlage ich Dir Spasti Fresse ein...“ Ich antworte dem Herrn nicht und versuche den Duft, der ihn umschwebt, einzuordnen. Irgendwas erinnert mich an meine Jugend. Nein, nicht Lebkuchen. Ein Kiffer. Im Berliner Kiez vermutlich auf Tilidin; da ist dann Vorsicht geraten. Ich lasse mich ohnehin nicht zu Ritualen der streetfighting-gangs hinreissen. Ich übersehe ihn.

Die Blonde fotografiert das Kennzeichen des Elektro-Renault: EL- XXXX E. Aus Lingen an der Ems ist der Pöbler. Ich lasse einen Kumpel von der Sicherheit eines dortigen Betriebes mal eine Halterfeststellung machen. Schau an: Wir sind mit Klarnamen auf Instagram und ticktocken. Ach, guck mal an, Malergeselle in Rheine sind wir und seit zwei Jahren mit einem weiblichen Spross des Wedding verheiratet. Wohl die Schwiegermutter abgeladen, als man für Ärger sorgte. Es gibt Fotos von Familienfeiern im Netz. Aber: No DOXXING, Namen nenn ich nicht.

Also, lieber Pöbler, das mit der kleinen Nutte, das winken wir durch; aber Spasti nehmen wir nicht. Das geht hier nicht, eine Behinderung als Schimpfwort. Verstanden? Wir raten zur Einkehr. Nächste allgemeine Verkehrskontrolle im Emsland sucht sonst im Handschuhfach nach Tilidin. Dann ist die Fleppe weg. Denn Zwischentöne sind nur Krampf…

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YES CHEF!

Wenn einer das Sagen hat, dann ist er der Chef. Bei dem englischen Fernsehkoch Gordon Ramsay („fuck“) kann man sehen, dass in einer Küche die Brigade seine Ansagen mit einem lauten „Yes, Chef!“ beantwortet. Jede seiner Ansagen. Von jedermann. Die Küche als Modell der Welt.

Wie sieht das in einem Kabinett aus, der Mannschaft, die unser Land führt, jedenfalls die Politik? Von dem gescheiterten Kanzler Olaf Scholz wissen wir, dass die FDP-Köche in seinem Küchenkabinett nicht so besonders begeistert von seinen Führungsfähigkeiten waren und maulten. Darum hat er bei der Ampel das Licht ausgeschaltet und sich über die Renitenz seines Sous-Chefs Lindner öffentlich beklagt; ein klares Zeichen der Schwäche.

Der eigentliche Schwächling in der Ampel aber war der „Chef BK“, ein braver Hausmeier namens Wolfgang Schmidt aus Hamburg. Man sagt ihm nach, er habe sich stets bemüht. Eigentlich aber war er „lost in detail“. Der Chef des Bundeskanzleramtes ist der eigentliche „captain of the ship“, nicht nur in der Kombüse, auch auf der Brücke; auf ihn hört die Brigade. Übrigens ist er auch Geheimdienstkoordinator. Ich habe dort wahre Genies gesehen, ehrliche Buchhalter und veritable Trottel.

Meine Lieblingsmetapher für den „Leiter BK“ ist die, die sich den Engländer Sir Peter Mandelson unter Premier Tony Blair verdient hatte: „The Prince of Darkness“. Ich könnte jetzt einige der deutschen Tölpel mit Namen nennen, tue es aber nicht, weil ich bemerkt habe, dass alle ehemaligen BK-Chefs sich untereinander mit Respekt behandeln, egal welche Grütze sie gekocht haben, als noch im Amt.

Die wissen zu viel. Sie haben die dunkle Seite der Macht gesehen; das prägt, wenn Du jede Woche die Guillotine in den Hof ziehst, um einen Unschuldigen zu köpfen. Wer das nicht tut, weil er lieber Leckerlis verteilt, der sollte Bundespräsident werden, aber nicht Chef-BK. Alles klar? Did I make myself clear? Yes, Chef!