Logbuch
WAS BIN ICH.
Die Frage nach der Identität. Und die vielen falsche Antworten. Das Böse der Propaganda ist ja, dass man ihr glaubt. Vor allem seiner eigenen. AUTOSUGGESTION.
Ein osteuropäischer Jude, ein Jan Hoch aus Solotvino in der Karpaten, bettelarm in einer Hütte aufgewachsen, hat sich in den Nachkriegszeiten nach vielen Zwischenschritten zu einem schottischen Edelmann uminszeniert und alle Welt getäuscht. Auch sich selbst. Zeitzeugen sagen, er sei über seine gefälschte Identität gleichwohl zu Tränen gerührt gewesen. Aber bei der FINANCIAL TIMES ist er damit nicht durchgekommen; sie bringt ihn 1990 zur Strecke. Sage ich ja, die FT will man nicht zum Feind.
Ich lese eine englische Rezension zur neuen Biografie über ROBERT MAXWELL, dem großen Medienmogul Englands, dessen Tod noch immer Rätsel aufgibt. Das Buch nennt ihn „Britain’s most notorious media baron“; der Rezensent ernennt ihn gar zum MOGUL OF MYSTERY. Maxwell hat sogar für LABOUR im Parlament gesessen. Ihm gehörte die Stimme der Arbeiterklasse, der DAILY MIRROR. Der Name einer seiner Töchter spielt obendrein noch immer eine Rolle in einem amerikanischen Kriminalfall um „under-age-sex“, in dem auch ein Mitglied des englischen Königshauses eine unrühmliche Rolle einnahm. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Maxwell, wie er sich schließlich nannte, wird von Hitlers Angriffskriegen und Völkermorden durch die Welt getrieben. Seine Versuche, den Irrsinn seiner Zeit zu überleben, kann man nur Respekt zollen. Als Geheimdienstmann im Nachkriegsberlin erwirbt er schließlich Lizenzen des (wissenschaftlichen) Springer-Verlages. Ein Verleger war geboren, der dann unter dem Kasino-Kapitalismus der Lady Thatcher einen Megakonzern baut, der schließlich mit einem Verlust von 655 Millionen Pfund endet. Das war damals (vor dreißig Jahren) viel Geld. Insbesondere für den Pensionsfonds seiner Mitarbeiter, die mit 429 Millionen dabei waren. Soviel zu LABOUR als Arbeitgeber. Aber das ist…
Also der Baron war mit seinem schottischen Herausgeber Ian Watson einen trinken und ist vom Bild des angeleuchteten Schlosses in Edinburgh so gerührt, dass er unter Tränen auf die schottische Identität beider trinkt und einen traditionellen Song um alte Freunde anstimmt.
Der wirkliche Schotte wundert sich: der eingebildete Schotte war nicht nur „completely serious“, sondern zutiefst gerührt. AULD LANG SYNE. Man singe mir nach …
Logbuch
NATIONALFEIERTAG.
Gestern, am Sonntag, den 3. Oktober, morgens um acht Uhr auf der AVUS, Berlin verlassend, überholt mich ein grauer Daimler mit dem Kennzeichen 1-1. Und ich wundere mich.
Dahinter ein typgleiches Fahrzeug mit Blaulicht auf dem Dach. Ein Konvoi; jetzt vermute ich: DAS ist das STAATSOBERHAUPT. Lese heute, es rauschte gestern wohl nach Halle an der Saale zum Staatsakt. Wo die Friedliche Revolution der Angela Merkel gefeiert wurde. Wir hatten „Tag der Deutschen Einheit“, war mir gestern Morgen nicht klar. Die AVUS grau und hässlich wie immer. Das wäre unter ihren historischen Gründern an einem solchen Feiertag anders gewesen. Tschingderassabum.
Für die großen Nummern des vorherigen Deutschland, die FASCHISTEN, hatte diese „Automobile Versuchs Strecke“, daher AVUS, symbolisches Gewicht. Es ging im Rennsport um das Abfeiern des deutschen (!) Anspruchs „auf Geltung“ (so Hitler). Selbst in den abstrakten Geschwindigkeitsrekorden sollte sich der Irrsinn von der Deutschen Überlegenheit feiern. Bernd Rosemeyer brachte es im Wettkampf mit Daimler auf AutoUnion (Vorgänger von AUDI) zu 419 km/h, bevor er im Graben der AUTOBAHN zerschellte. Die Herren Rennfahrer trugen SS-Zeichen an ihren Monturen. Rosemeyer war Hauptmann der SS. Seine Frau Elli Beinhorn eine legendäre Pilotin.
Der Rennsport wie die Fliegerei-Rekorde waren repräsentative Symbole für die einsetzende Rüstung. Der zerschellende Rennfahrer ein Held soldatischer Tugend. Die Propaganda beschwor arischen Rassismus und schürte Kriegsbereitschaft. Wo jetzt Frank-Walter Steinmeier an mir vorbeirauscht, da hätte früher Goebbels auf der Tribüne gestanden. Für mich der größte Verbrecher all dieser Verbrecher.
Ich überlege eine Sekunde, mich per Tempomat an den Daimler mit dem Kennzeichen 1-1 dran zu hängen und somit deutlich überhöhtem Tempo aus der Stadt ziehen zu lassen. Motorisch mithalten könnte ich mit meinem AUDI allemal. Mein Punktekonto in Flensburg hält mich davon ab. So bleibe ich brav am NATIONALFEIERTAG, den ich vergessen hatte, weil ich ihn ohnehin nicht feiern mag. Ein deutsches Trauma.
Die Nation habe sich selbst gestern stiefmütterlich behandelt, sagt ein Vielmeinender auf Twitter, zu der Veranstaltung, wo sich Mutti, das Verdienst der Einheit reklamierend, in persönlichen Tönen verabschiedete. Also das wiederum finde ich sympathisch. KEIN TSCHINGDER RASSA BUMM. Mutti scheidet stiefmütterlich. Das ist die besondere Eitelkeit der Uneitelen.
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ZEIT BEHERRSCHT ALLES.
Was so auf alten Uhren steht: „Tempus Rerum Imperator“. Das stimmt ja nicht, dass die Zeit alles beherrsche. Mit ihr. Mittels ihrer. Wir sind nicht als Sklaven geboren.
Als die Alten Römer am Capitol die erste SONNENUHR anbrachten, eine Kriegsbeute, lästerte Plautus, das sei Unsinn. Er trage einen verlässlichen Zeitmesser in sich, seinen knurrenden Magen. BROT & SPIELE.
Die Sozialgesetze ENGLANDS, die Kinderarbeit auf zehn Stunden pro Tag beschränkten, legten Wert darauf, dass die Zeit mit öffentlich zugänglichen Uhren gemessen wurde. Nicht mehr durch die Willkür der Fabrikglocke. Daher später BIG BEN.
Kirchenglocken strukturieren nicht nur den Tag, sie mahnen den Gläubigen zum Glauben. Bei den Muslimen ruft sogar jemand vom Turm zum Gebet. Öffentliche Gebäude hatten früher immer eine Uhr. Kurzum: ZEIT ist MACHT. Genauer gesagt, die Zeit ansagen zu dürfen, heißt MACHT HABEN.
Die Glocke an der Wall Street ist ein altes Symbol für die HERRSCHAFT dessen, was heute in Millisekunden gemessen wird. Aber auch das ja nur ein FETISCH für den Handel mit FETISCHEN, Aktien, die für Geld stehen, ein weiterer FETISCH. Sklaven unterwirft man mit FETISCHEN.
Ich beginne diesen Sonntag mit Kaffee und dem Vorsatz, dass dem GLÜCKLICHEN keine Stunde schlägt. Jedenfalls am Tag des Herrn. Jedenfalls noch eine Viertelstunde, dann beginnt die Kirchenglocke zu plärren. Kurzes Glück.
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LATTENZAUN.
Der Kongress tanzt. Beim Bundespresseball fällt mir auf, dass neuerdings viel Geld ausgegeben wird für einen weißen Lattenzaun im Maul. Erstaunlich, was es für schreckliche Gebisse gibt. Vollgebiss, nagelneu, ebenmäßig und neonweiß. Zumal bei dem auf jugendlicher Liebhaber umgearbeitetem Greis. Und der Haifisch, der hat Zähne. Ich komme, verkatert wie ich bin, ins Sinnieren über diese Stadt der Wilmersdorfer Witwen.
Man stelle sich vor, Mona Lisa lächelt zwar noch, aber sie hat einen Schneidezahn verloren. Furchtbar, alle Anmut dahin. So ist es mir in der großen Stadt ergangen, wo man aus seiner Häuserreihe am Boulevard auf die gegenüberliegende Zeile von Gebäuden schaut. Vor einem einzelnen waren an einem Sonnabend grobe Gesellen des Gerüstbaus aufgetaucht und in einem Tag lauten Getues war das Haus komplett verkleidet, unter einer Folie verborgen.
Dann passiert zwei Jahre gar nichts; im Kiez kursierte das Gerücht, die Wohnung würden freigezogen. Dazu nimmt man den Bewohnern zunächst das Tageslicht, dann mal das Wasser, mal den Strom und gewährt Obdachlosen Quartier in den ersten geräumten Wohnungen. Das Trottoir ist vollgeräumt mit Utensilien und Schutt. Man gewöhnt sich als Nachbar an die Getto-Romantik. Im Internet stehen auch noch vermietete Wohnungen für Traumpreise zum Verkauf.
Jetzt plötzlich ist die Folie verschwunden und das Gerüst und das Gebäude. Ich hab den Bagger gar nicht bemerkt. Die Häuserzeile des Boulevards lächelt wieder, mit fehlendem Schneidezahn. Wenn es geht, wie andernorts wird ein Neubau die Lücke füllen, der optisch entfernt an die Gründerzeitarchitektur anschließt, aber teuerste Eigentumswohnungen bietet. Sie werden dann die meiste Zeit unbeleuchtet sein, weil zwar teuer gekauft, aber meistens unbewohnt.
Wenn ganze Zeilen saniert werden, sticht nicht nur ein einzelner neuer Stiftzahn hervor, sondern eine ganze Klavierleiste, wie jene Gebisse, die Stefan Raab und Jürgen Klopp zieren. Weiße Lattenzäune. So grausame Dentalästhetik kommt neuerdings von medizinischen Ausflügen zurück, nicht mehr aus Ungarn, sondern der Türkei, wo man sich bei gleicher Gelegenheit Schamhaar auf’s Haupt verpflanzen lässt.
Wie komme ich im Kater des Presseballs darauf? Städtebau und Dentalästhetik gehören nun wirklich nicht in eine Glosse. Ich muss mich zur Ordnung rufen. Kaffee bitte.