Logbuch

ENTEN.

Der von mir geschätzte NEW YORKER hat ein längeres Stück über „fact checking“; das, was beim SPIEGEL etwas irreführend Dokumentation heißt. Es geht um ein obligatorisches Lektorat in Redaktionen, das die faktischen Angaben der Autoren auf Richtigkeit prüft, bevor der Text in Druck geht. Das hat mit Fälschung noch nicht viel zu tun und mit Wahrheit gar nichts. Aber langsam mitti die jungen Pferde; respektive die Enten.

Wie immer im amerikanischen Journalismus ist der Bericht im NEW YORKER eine Plauderei, die nicht wirklich auf den Punkt kommt; nennen wir es ein „Feature“, was da zwischen ernster Problemstellung und Anekdoten pendelt. Wie man zum Beispiel die Autorenzuschreibung an ein gleichaltriges Geschwisterpaar als identische Zwillinge geprüft habe und widersprüchliche Angaben der vermeintlich Eineiigen erhalten, es also offen war, ob die Mutter dies Wunder der Natur überhaupt habe prüfen lassen.

Tjo, denkt man sich. Und? Viel interessanter wäre doch die Geschichte, wenn die Zwillinge unterschiedliche Väter hätten. Daraus mache ich eine Story! Vielleicht gar der eine schwarz, der andere weiß. So macht man Auflage. Sex and the City. Neu bei Netflix. In der Hauptrolle eine hochrangige Politikerin der UN in High Heels. Wäre Herr Relotius noch beim SPIEGEL, würde das Ding fliegen.

Allerdings könnte es sein, dass dann ein aufmerksamer Lektor „n. t.“ an den Rand schreibt. Das meint „non testatum“, zu deutsch „unbestätigt“. Von diesem „n. t.“ kommt die Zeitungsente; heute „fake news“ genannt. Aber Fälschungen sind nicht das Problem. Viel mehr stören mich Geschichten, die einfach zu sehr stimmen. Eine Geschichte kann zu rund sein. Man entwickelt als alter Fahrensmann da im Laufe der Zeit ein Störgefühl. Unabhängig davon, was der Tatsachen-TÜV sagt.

Das ist das Wesen der Propagandalügen, dass sie zu plausibel sind. Das Leben ist voller offener Fragen und der Mensch aus krummem Holz. Man misstraue der glatten Rede, dem hundertprozentigen Beweis. Dies ist ein seichtes Gewässer voller Enten.

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PARTY IN DER REICHSHAUPTSTADT.

Ferienende. Was für Schüler bitter, ist für Parlamentarier erleichternd. Endlich kann man Ehefrau und Wahlkreis zurücklassen und wieder in der Berliner Blase flanieren. Die Stimmungswende begehen die Sozialdemokraten stets mit dem Gartenfest des Seeheimer Kreises (das ist der schwarze Teil der Roten) in der Parlamentarischen Gesellschaft hinter‘m Reichstag. Ein wichtiger Termin, wenn man die innere Stimmung des politischen Berlin testen will. Ich komme früh wg. guter Sitzplatz mitten drin; alter Lobbyistentrick.

So sitze ich regensicher unter’m Schirm auf Gartenstuhl. Es gibt immer viel Security und Kontrolle, weil man keine Unbefugten hier eindringen lassen will. Das passierte aber gestern. Ich sehe von meinem Gartenstuhl aus plötzlich ein vier-, dann sechsköpfiges Kommando; das hieße, der Kanzler kommt. Wir sind aber bei den Sozen. Friedrich Merz schreitet durch die Menge, schüttelt Hände, hier ein freundliches Wort, dort ein Schulterklopfen. Ein Schwätzchen mit Rudolf Scharping. Der Mann gehört hier hin wie ein Schwein auf‘s Sofa. Merz meine ich. Alle Achtung.

Die gastgebende SPD ist sprachlos. Es fehlt gänzlich Herr Klingbeil, der ungeliebte Bonapartist; es stottert Belangloses Bärbel Bas, die Parteiobere mit betont linker Ambition. Merz kommentiert gutgelaunt von der Bühne zur Partei zwischen Basta und Bullshit. Der Mann kann Kanzler. Ich bin wirklich überrascht. Nach exakt dreißig Minuten sehe ich das sechsköpfige Kommando durch den Hinterausgang abrücken, in der Mitte der Lange aus Brilon. Anders als der unglückselige Olaf Scholz pflegt er seine Koalition. Auch kein leichter Job. Wenn er jetzt noch die Union für sich gewinnt, könnte die Koalition halten.

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TITELEI.

Man sagt ja der österreichischen Kaffeehauskultur nach, dass sie titelsüchtig sei. Nix gegen Ösis. Das wirkliche Übel liegt nämlich in der Inflation der Titel selbst. Inflation ist Entwertung. Sagen wir Papiergeld gegen Gold. Schlimmer: Krypto-Titelei.

Adelstitel sind nur noch Namensbestandteil und tragen einen Hauch Halbwelt. Also beginnt der Run auf die Epauletten des Akademischen. Da ist aber nicht jede Hochschule auch eine wirkliche Universität. Wir schließen die internationale Inflation als erstes aus unserer Betrachtung aus. In einem Schauprozess in Hamburg wirkt laut Boulevard ein Anwalt mit Professorentitel aus Peru; geschenkt.

Eine regelrechte Universität ist qualitativ etwas anderes als eine „University of Applied Science“, auch Fachhochschule genannt. Hier tätige Professoren sind promovierte Fachleute mit erfolgreicher Berufspraxis, die aus diesem doppelten Fundus schöpfen. Der Theorie nach. Inzwischen ist eine geschickte Umgehung beider Voraussetzungen nicht mehr die Ausnahme. Die Fachhochschulen werden zu besseren Berufsschulen; aber zu Berufsschule plus ist am Schluss noch was anzumerken.

Vielen Professoren sind nicht habilitiert und haben den Titel durch einen Lehrauftrag ergattert. Sie hießen korrekt eigentlich Honorarprofessor; was der Berliner Prommi-Anwalt geschickter umschifft als sein Kollege aus Peru in den Anden. Das ist immer der Lackmustest: Hat der Herr Professor eine Venia Legendi, ist etwa Privatdozent (PD), und ist in einem Verfahren berufen? Das muss nicht immer so sein und hat auch dann seine akademische Ordnung; aber ich sage ja nur, die nennen sich zurecht Univ.-Prof.

So selten echte Habilitationen geworden sind, so häufig wurden Promotionen. Der Onkel Doktor ist in der Medizin Legion. Den Scheffarzt immer ein Prof. Aber bei den Geisteswissenschaften hält sie noch, die Promotionsordnung. Natürlich gibt es auch hier Ehrendoktoren (humoris causa) und die Peru-Variante. Ich selbst habe mir mal einen Professoren- wie Doktortitel in Metaphysik (sic) bei einer amerikanischen Kirchen-Uni gekauft; hängt im Büro in der Küche zum allgemeinen Amüsemang.

Jetzt zu den Berufsschulen plus, zu denen die FHs verkommen; das ist ungerecht. Der Studienrat hat eine ordentliche Assessorenausbildung und ein Zweites Staatsexamen. Ich selbst habe meinen Assessorentitel früher trotz allgemeinem Amüsemang geführt. Nichts gegen Studienräte! Zwei Staatsexamen, das haben die frisch promovierten Praktikantinnen auf ihren mit Fortune ergatterten Leerstühlen an den einschlägigen Flachhochschulen nicht vorzuweisen. Also wären, mit den Augen des Teufels betrachtet, solche FH eigentlich Berufsschule minus. Ich kenne aber viele, sehr gute FHs und profunde Wissenschaftler dort, von denen ich einiges gelernt habe. Honi soit…

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HAUS ODER HÜTTE?

Gerne sehe ich Menschen zu, die sich ihr Haus als künftiges Heim bauen. In aller Regel wird das die größte Investition ihres Lebens sein; sie werden es erst abbezahlt haben, wenn sie es nicht mehr brauchen und sich danach irgendwann die Kinder, längst aus dem Elternhaus und im gleichen Fehler verfangen, fragen, wie sie das alte Gelump wieder los werden.

Aber so geht der Generationenvertrag, wenn bessergestellt. Es geht mir aber nicht um‘s Erbe, sondern die Architektur. Als Laie. Was meine Meinung über Häuser gebildet hat, sind zwei, drei Fachwerkbauten, die ich naiv und staunend sanieren durfte. Man sieht, dass vor dreihundert Jahren die Eichenbalken des Fachwerks mit römischen Ziffern nummeriert wurden, um sie bei einem Wiederaufbau leichter in die richtige Ordnung zu bringen. Fachwerk war auf Wiederverwendbarkeit ausgelegt. Kreislaufwirtschaft.

Und die Bauten hatten Keller wie sie Dächer hatten. Das mag jetzt nicht verwundern, wer naiv dachte, dass Spitzdach mit Speicher und Tiefkeller mit Drainage Selbstverständlichkeiten sind. Nun, ich sehe bei frischen Neubauten in meinem Dorf Flachdächer; was man wohl mal Bungalow nannte. Und ich höre eine sonore Stimme sagen: „Es gibt keine dichten Flachdächer. Das ist ein Leben unter einer riesigen Badewanne.“ Der Mann ist Dachdecker.

Spitzdächer sind nicht dicht, weil sie nicht dicht sein müssen; hier legt die Schwerkraft trocken. Jetzt zu den Holzbauten, die auf eine Bodenplatte gestellt werden. Das heißt bei mir auf dem Dorf abwertend: „direkt in den Dreck gebaut“. Ich sehe zudem bei diesen Kellerlosen eine Dämmverschalung bis zum Boden und weiß um den Kapillareffekt, mit dem nun die Feuchtigkeit zwischen Außenhaut und Innenwand kriecht. Das fault, von oben wie von unten. Aber wie gesagt, ich bin nicht vom Fach.

Tief in meiner Seele ruht allerdings der Glaube an die Klugheit der Vorfahren. Niemand hat gebaut ohne Keller und Dach. Seit tausend Jahren. Das waren Häuser; das andere Hütten. Man schaue im TV die Folgen von „Homes&Garden“ und lerne, dass die Amis immer nur Hütten bauen. Getackerte Pressspanbuden. Modell Onkel Tom. Wer so baut, wechselt sein Haus so oft wie die Kleidung. Wohnmode, nicht mehr.