Logbuch
DIE FREUNDE DES DIESEL.
Nur damit das klar ist: ich fahre gleich los und habe 600km vor der Brust. Da die Bahn nicht mehr verlässlich fährt, fahre ich einen Selbstzünder (Geheimsprache). Reichweite 880km. Das wollen sie mir nehmen. Wg. Klima.
Gestern legten Heerscharen von protzigen Traktoren die Hauptstadt lahm, weil die Regierung plane, die Subventionen für den Diesel in der Landwirtschaft zu streichen. Bauern blockieren und hupen wild. Man droht massiv und gibt rechten Parolen Raum.
Der grüne Cem Özdemir spricht und gibt den Aufständischen Recht, wenn ich das richtig verstehe. Das wolle er verhindern. Er ist amtierendes Mitglied eben dieser Regierung. Der Opportunismus der Grünen, Partei des Bundeslandwirtschaftsministers, kennt keine Grenzen. Jetzt also Freunde des Diesel. Wie in Sachsen die AfD. Flexibler Normalismus.
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GEBROCHENE IDYLLE.
Weihnachtsmärkte sind Symbol einer verkitschten Idylle westlichen Brauchtums, das historisch auf die Geburt des Religionsstifters zurückgeht, aber eigentlich Gemütlichkeit meint.
Jetzt allerorten unter paramilitärischem Schutz. Panzersperren und Maschinengewehre. Weil kulturelle Gegner die Symbolik annehmen und sie durch Terrorakte kommentieren wollen; Märtyrerwille.
Die Welt, in die der Messias kommt, ist nicht in Frieden; war sie nie. Auch für ihn nicht, schon gar nicht für ihn. Gebrochene Idylle.
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TAUSEND STUTZ.
Der Mensch sei frei geboren, hat der legendäre Rousseau festgestellt, lebe aber überall in Ketten. Er war ein armer Schlucker. Heute ist frei, dachte ich, wer die Taschen voller Stutz hat (am liebsten ein Bündel der violetten Noten zu CHF 1000) und einen westlichen Pass. Falsch.
Abseits eines Weihnachtsmarktes, vor dem warmen Wein fliehend und der „Rostbratwurst vom Grill“, kaufe ich mir eine Schokolade. Der kleine Laden firmiert als „Chocolaterie“ und lobt Jordan Gasco aus, der bei Olivier Nasti die Nachtische macht. Das Schächtelchen kostet bei 160 Gramm Inhalt 18€; stolzer Preis.
Das aber beschäftigt mich nicht. Wenn die Wurst 8€ kostet, dürfen Pralinen 18€ nehmen. Was mir zu denken gibt, ist der Zahlungsvorgang. Man weist meinen 50€-Schein sehr höflich und freundlich zurück und sagt den Jahrhundertsatz: „Wir bedauern sehr, aber wir akzeptieren kein Bargeld.“ Jede Karte wäre recht.
Solang ich denken kann, galt das an die Dollarnote angelehnte Motto „In God we trust, the rest pays cash.“ Im englischen Pub galt gar Vorkasse; erst die Knete, dann das Pint. Im Milieu wurden nie Deckel gemacht, sprich angeschrieben. Schecks mochte niemand. Nur Bares war Wahres. In Moskau wie Kiew wollen die steilen Damen nach wie vor ungeknickte 1000-Dollar-Noten.
Jetzt das. Bargeld unerwünscht, geradezu verweigert. Was Karl Marx so klar als „allgemeines Äquivalent“ der Warengesellschaft charakterisiert hat, verliert die Universalität. Die Noten gehen den Weg der Münzen, ins soziale Aus, nur noch Proleten legen Cash auf den Counter. Die Perfektion ist mit Apple Pay erreicht. Ich grinse in mein Smartphone, Doppelklick und die Sache ist erledigt.
Was verloren ist, wiegt schwer. Wir sind nun die Sklaven unserer Datenspur. Man rät mir auch noch zu PayPal vom iPhone; das sei noch bequemer. Danach ist man, ich bin sicher, vollständig in Ketten.
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DAS SECHSTE BUCH MOSE.
Zufällig geriet Mumpitz in New York, wie er mir fast atemlos am Telefon berichtet, in ein Antiquariat (47 East 60th Street, zwischen Park und Madison Ave) und entdeckte eine Mörderfälschung. Dort stand der zweite Band der Poetik des Aristoteles im Regal, die das Wesen der Komödie abhandelt. Ich verstehe seine Aufregung nicht. Er erinnert mich an Ecos „Im Namen der Rose“, aber auch da hapert es mit meinen grauen Zellen. Der Band gilt doch als verschollen.
Mumpitz will Hemingways ersten Roman in Händen gehalten haben, von dem ich allerdings sicher weiß, dass er verloren gegangen ist, weil seine dösige Frau ihn einschließlich der Durchschläge in einen Koffer gepackt hatte, der ihr auf dem Bahnhof in Lausanne geklaut worden ist. Hemingway hat später notiert, dass sein Erstlingswerk nun von Lehman vollendet werde; so nennt der Schweizer allerdings den Genfer See. In den Wässern versunken.
Desweiteren hätte er eine Komödie in Händen gehalten, die dem Bonner Jurastudenten Karl Marx aus Trier zu verdanken sei. Noch so ein Unsinn, wie ich aber erst später herausfand; es gibt in einem Brief an Engels eine Erwähnung, aber eben nur, dass er den Andruck der Trierer Jugend in London verbrannt habe. So was findet KI heutzutage ja schnell. Als ich immer mehr zweifle, erzürnt Mumpitz und schickt mir ein Handyfoto von dem Laden, „Grolier“ genannt, mit dem alten Buchhändler in der Tür. Auch eine Visitenkarte hat er von diesem Reid Byers, der als Berufsbezeichnung angibt, „Imaginary Books“ zu vertreiben.
Ich will die beiden, den eitlen Mumpitz und seinen fabelhaften Antiquar, auf den Arm nehmen und nenne sie mit homerischem Humor „Margites“. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Homers Margites hätten sie im Regal, würde 120 Dollar kosten. Eigentlich habe ich aber genug alte Bücher. Da brauche ich nicht noch welche, die es gar nicht geben kann.
Ich glaube tatsächlich, Mumpitz ist an eine Sammlung mit Büchern geraten, die es gar nicht mehr gibt. Oder noch nie gab. Von denen nur Gerüchte existierten, aber kein Druck. Jedenfalls nicht in stattlicher Auflage. Wie Professor Bolz zu Berlin neulich schon sagte: Die Geisteswissenschaften in den USA sind vollkommen verblasen. Fehlt nur noch das sechste Buch Mose.