Logbuch

LEIDIGES SYLT.

Auf der Insel der Reichen und der Schönen werden Privatjets und Hotelbars besudelt, weil sie für die Dürre verantwortlich sind. Es sind in Wirklichkeit wohl eher Putzfrauenpensionen und Ambulanzflieger. Egal.

„Wir müssen als Gesellschaft dem zerstörerischen Luxus der Superreichen endlich eine Grenze setzen.“ Das sagt die junge Frau von der „Letzten Generation“, die die Bar des Hotels Miramar in Westerland auf Sylt mit Farbe verunstaltet. Ein abgebrocktes Familienhotel in dem abgerockten Westerland, wo, so sagt sie, Champagner und Caviar serviert werde; was ein Mythos ist, den der dortige Tourismus pflegt. Gosch ist ein Polier, der Fischbrötchen verscheuert.

Wäre ich deren Berater, ich hätte andere Locations auf der Insel gewusst. Öffentliche wie private. Aber eben dieses ist ja bereits ein Kalkül des TERRORISMUS. Wer kann das wollen, Anschläge auf die Anwesen hinter den Friesenwällen, auf diese Strandbar oder jenes Sternerestaurant? Ich gehöre zu jener Generation, die zusehen musste, wie ein Studentenprotest über symbolische Gewalt in den Terrorismus abglitt. Bitter. Ich sehe die Kleba mit Sorge.

Vor allem aber: In wessen Namen? Ich lerne von den farbsudelnden Kleinbürgertöchtern, dass sie „die Gesellschaft“ sind, die „den Superreichen“ Grenzen zu setzen habe. Was legitimiert diese Radikalen sich als das (!) Kollektiv zu sehen und das Gewaltmonopol des Staates aufzuheben? Das Klima. Im Namen des Volkes kommt es zu Pogromen gegen jene, deren Luxus die Dürre bewirkt habe. Volkszorn. Straßenkampf. Ich bin in Sorge.

Die Grünen werden sich darum kümmern müssen, was das in ihren Vorfeldmilieus entsteht. Das sage ohne jede Häme. Bitte kümmert Euch, wenn Ihr die noch erreicht. So wie die Schwarzen sich um die Blauen und Braunen kümmern müssen. Und die Sozen um die Kommunisten. Aber das ist ja auch ein falsches Schema. Die SPD gibt an die AfD ebenso ab wie die CDU. Alle werden sich kümmern müssen. Dieser Furor ist ein Nährboden für weitergehenden Fanatismus.

Nur die FDP hat da gerade frei. Das war auch schon anders. Wo ist eigentlich deren nationalistischer Flügel geblieben? Mal abgesehen von der Rheinmetall-Dame. Ich erinnere noch den klaren Antisemitismus des Herrn Möllemann, dem Fallschirmspringer. Tempi passati. Jetzt herrscht die Lindnersche Syltfraktion. Schon wieder Sylt. Symbol wofür?

Logbuch

GERTRUDE THE GROUPIE.

Es gibt sie noch, die weißen Ritter, die die Ehre retten. Und das soll dann auch jeder wissen. Insbesondere Günther, der Reporter. Dabei hilft der Original Themen Service, kurz ots. Wieder was gelernt.

In früher Jugend hörte ich amerikanischen Underground, eine Pop Music der Subkultur; insbesondere die „Mothers of Invention“ des Frank Zappa sind mir in Erinnerung. Ich konnte die Texte auswendig. Sie hatten einen besonderen Exotismus. Und dort gab es eine offensichtlich deutschstämmige Begleiterin der Rockbands namens Gertrude the Groupie. Das fand wir damals komisch.

Die Band namens Rammstein kenne ich nicht, obwohl mir in Berlin ein Handwerker erzählt, er habe für deren Sänger mal gearbeitet. Alles, was ich von Rammstein höre und über die Herrschaften, langweilt mich. Selbst jene Provokationen, die den Osten der Stadt scheinbar anmachen, sind mir zu banal, um darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Handwerker, von dem ich sprach, ist ein anständiger Kerl und macht gute Arbeit. So was ist wichtig. Nicht die Peniskanone von Herrn Lindemann.

Die degoutante Band soll After-Show-Parties veranstaltet haben, auf denen junge Frauen gegen ihren Willen unter Droge gesetzt worden sein sollen und in der Folge angeblich bedrängt oder gar vergewaltigt. Das ist die schwerwiegende Verleumdung, gegen die sich der entsprechende Vortragskünstler nun mittels des berühmten Rechtsanwalts Christian Schertz vom Kuhdamm wehrt. Doktor der Rechte und Honorarprofessor in Dresden, wenn ich das richtig weiß. Promi-Anwalt. Ich war mal sein Gast.

Ich unterstütze seinen Kampf gegen den Missbrauch der sogenannten Verdachtsberichterstattung, das ist die öffentliche Vorverurteilung von Medienopfern und Objekten des Volkszorns. Ich verwahre mich auch gegen die Viktimisierung von Frauen, zumal wenn den Opfern von Gewalt auch noch eine Mitschuld unterstellt wird, was eine wirkliche Ungeheuerlichkeit ist. Ich kenne aber auch Fälle, in denen ich Zweifel an der Geschichte von Gertrud hatte. Was also ist mein Punkt?

Die Kanzlei Schertz verschickt ihre Pressemitteilung zur Mandatsübernahme im Fall Rammstein mittels „ots“. Warum das riecht, wissen nur Insider der PR. Das ist ein kommerzieller Verbreiter von Presse-Infos, der zur dpa gehört, und es bis in jedes Postfach der Republik schafft. Ein guter Laden; wir sind da auch Kunde. Der Zweck der Übung? Nicht nur Eigen-PR der Kanzlei. Gertrud soll vorsichtig sein, mit dem, was sie der Presse sagt. Und Günther, wenn er über Gertruds Geschichte schreibt.

Logbuch

A LA CORDON BLUE.

Wahrer Luxus liegt in der Veredlung einfacher Dinge. Austern kann jeder Koch-Pinsel oder ein Rinderfilet. Mach mir mal ein gefülltes Schnitzel zu Gemüse!

Ludwig der Fünfzehnte von Frankreich, genannt der VIELGELIEBTE, ist der Nachwelt, wie so viele große Männer, durch seine Mätressen erinnerlich, einige gar namentlich wie etwa die POMPADOUR. Und wegen seiner Gelage, die das höchste Niveau der französischen und österreichischen Kochkunst bemühten. Und wegen seiner Geheimbündelei, insbesondere im „Orden des Heiligen Geistes“, dem Wunder Pfingstens verpflichtet; ein unter strenger Observanz stehender Orden von genau hundert Mitgliedern. Hundert, nicht 101.

Aber er machte eine solche Ausnahme, der VIELGELIEBTE, nämlich für seine Mätresse Marie-Jeanne Becu, genannt Madame du Barry, eine Lothringische Lebedame des ganz raffinierten Typs. Achtung, jetzt kommt es: Deren Köchin machte er zur Comptesse im Orden, kein Scheiss. Als 101. Sie trug daher ein blaues Schulerband, das Erkennungszeichen des Ordens. Seitdem gilt das CORDON BLUE unter Gourmets als Ausweis der Spitzengastronomie. Die Köchin seiner Geliebten, nicht schlecht, oder?

In der TRAUBE (Vallendar) hatten sie gestern das „Schnitzel Cordon Bleu“ auf der Karte, sehr zu empfehlen. Kalbsrücken im Flügelschnitt, Schweizer Käse, Kochschinken, paniert, scharf gebraten. Dazu ein knackiges Möhrengemüse und die feine Salzkartoffel, auf die man sich hier besonders versteht. Einfache Gerichte der Hausmannskost hochwertig nachgekocht, ein echtes Vergnügen.

Kindheitserinnerungen. Meine Frau Mutter konnte nicht kochen, was meinen Herrn Vater in Lokalen zum allgemeinen Entsetzen so Ungeheuerlichkeiten wie „Putenschnitzel Tropicana“ bestellen lies; Pute mit Früchten. Er mochte das, auch als sie schon von ihm gegangen war, worunter er sehr litt.

Ein blaues Band für die Köchin der Geliebten. Mir leuchtet das Kalkül der Madame Dubarry und Ihres VIELGELIEBTEN ein: Liebe geht durch den Magen. Sich zu füttern, das ist der Archetyp des Vertrauens.

Logbuch

FRECH WIE DRECK.

Ich habe geträumt, ich sei ein Franzmann, der über die Demokratie in Amerika eine vergleichende Studie zu schreiben habe. Das ist kein reiner Blödsinn. Es ist die Rolle von Alexis de Tocqueville, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts damit berühmt wurde und damit die Vergleichende Politikwissenschaft begründete. Ich setze also die französische Brille auf und schaue auf Amerika. Was fiele mir neuerdings vor allem auf?

Es gibt dort eine neue Form der Volkstümlichkeit, in der vermeintliches Fehlverhalten der Unterschicht salonfähig wird. Politik ist vor allem und in allem Propaganda. Das ist nicht nur der lutherische Impuls, dem Volk auf‘s Maul zu schauen, sondern auch dessen Mut zur Deftigkeit. Unter Volk wird dabei verstanden, was die gebildete Oberschicht hierzulande Gosse nennen würde; in Amerika spricht man offen von „poor white trash“, was mir nur schwer über die Lippen kommt, da Menschen nie Müll sind. Aber man gibt dem Müll eine Stimme, was ihm gefällt.

Wenn die Neue Rechte pöbelt, begeistert dieser Bruch der Etikette ihre Anhänger geradezu; die neuen Herren vergreifen sich vorsätzlich im Ton, weil das die eigene Wählerschaft amüsiert. Man ist als Betrachter gut beraten, etwaige peinliche Pannen daraufhin zu befragen, ob sie nicht eine bewusste Operation sind, um die eigene Massenbasis zu aktivieren: kulturelle Attacken. Der Propagandist der Neuen Rechten scheut es nicht, in den Augen seiner Gegner peinlich zu wirken; ihm geht es um den johlenden Applaus der Stammtische. Dort liegt sein Genie.

Es zählt nicht, was die woke-gestimmte Professor:in ungewissen Geschlechts in den efeubewachsenen Unis der Ostküste denkt. Es zählt Joe Six-Pack mit dem roten Nacken in seinem gewehrbewaffneten Pick Up an der Tanke. Das zum kulturellen Bruch in der Bestimmung der Zielgruppe. Das Milieu ist paradigmatisch: Es geht mit symbolischem Willen um diese elementare Soziokultur. Man ist dort national gestimmt, glaubt an rassische Überlegenheit und folgt einem Männlichkeitskult, vor allem aber ist man nostalgisch. Früher war besser. Die Zuwanderung, sprich Überfremdung, hat Unglück gebracht. Arme weiße Veränderungsverlierer vermissen eine Idylle, die sie in Wahrheit nie hatten. Ihre Führer sind so bodenständig wie sie selbst und beweisen das, indem sie regelmäßig ordinär werden. Die Rhetorik ist nach unten offen.

Wie weit das bürgerliche Europa von dieser reaktionären Sentimentalität entfernt ist, sieht man daran, dass es hier die Hoffnung gab, gegen diese Hegemonie könne eine schwarze Frau vom Format der Demokratin Kamala Harris helfen. Oder jetzt der Feminismus von Frau Baerbock, zumal nun Chefin der UNO, also weltbeherrschend. Man lausche Signora Meloni; einen besseren Rat habe ich nicht. Oder Madame Le Pen. Oder welcher Frau aus diesem Block auch immer. Und lerne fürchten.

Wir gehen in einen Kulturkampf, glauben Tocqueville und ich. Das deutsche Gegenmittel, entnehme ich der Presse zu den Koalitionsverhandlungen, in denen die SPD gerade die CDU vorführt, ist die Kombi von Staats-PR und Staatsanwalt. Joe Six-Pack dagegen ist für „free speech“. Wie mag das ausgehen?