Logbuch
KRAWATTE.
Früher trug der Herr Krawatte, einen bunten Binder, kurz Schlips genannt. Heute hat er den obersten Knopf am weißen Hemd offen, das Ziertuch fehlt. Man ist „business smart.“ Und dünn wie eine Bohnenstange.
Die Zeiten von Schlips und Kragen sind vorbei. Man trägt keine Dreiteiler mehr, Anzüge mit Weste, sondern „slim“: das Sakko lässt sich so grade schließen, der Knopf droht abzureißen, während er die Jacke wie einen Schmetterling zusammenzieht. Das gilt als sportlich. Es herrscht ein GEBOT DER INFORMALITÄT. Es gehen ansonsten erwachsene Männer in Klamotten zur Arbeit, die ich nicht mal auf dem Weg in die Sauna tragen würde. Ich sehe Greise in Kapuzenpullovern, grässlich. Und in Turnschuhen, „sneaker“ (engl.) genannt.
Dass Frauen Hosenanzüge auch dann tragen, wenn sie die leicht disproportionierte Figur offenbaren, daran haben wir uns gewöhnt. Jederfraus gutes Recht. Dass Männer sich des Rocks bemächtigen, das ist noch den Schotten vorbehalten. Übrigens, ja, es stimmt: der Schotte trägt nichts drunter. Aber warum fragen Sie? Wir müssten dann darüber reden, was Schotte wie Bayer vor der Hose tragen. Und warum. Charivari, oder? Kipling hat sich dazu nicht geäußert, aber ich bin sicher, dass dies eine andere Geschichte ist. Hier kein Thema.
Der neue „dress code“ signalisiert VITALISMUS und einen Duktus des Legeren (frz.), eine Kleiderordnung der besonders Erfolgreichen, die keinen Bierbauch entwickeln, weil sie durch die Nase konsumieren. Ich erinnere noch gut, wie vor zwanzig Jahren der Supermanager, aus USA, Kalifornien kommend, seinem Jet entstieg und am GAT des Flughafens sich seine dort wartenden Vorstandskollegen die Binder vom Hals rissen, weil die Beobachtung die Runde machte: „Sans cravate!“(frz.) Der Boss kam ohne Krawatte, also stopften erwachsene Männer das eilends heruntergerissene Tüchlein verlegen in die Hosentasche. Man öffnete den obersten Kragenknopf.
Die KLEIDERORDNUNG des Lockeren hat nichts lockeres. Was uns da aus Silicon Valley als HABIT beschert wurde, das ist eine Uniform. Ich habe nicht den Eindruck, dass der gerade verstorbene Prinz Philip davon beeindruckt war; ich bin es auch nicht. Und selbstverständlich gehört ans Revers eine Blume.
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PUBLISH OR PERISH.
Wer nicht mehr publiziert, der geht unter. Erzähl was, oder Du bist tot. Dieses erbarmungslose Gesetz galt schon immer für Wissenschaftler. Deren Geltung wird daran gemessen, wieviel und wie oft sie veröffentlichen. Es gilt heute für jedermann und -frau. Man sieht die im Lichte, aber die im Dunklen, die sieht man nicht.
Die Sozialen Medien sind ein Dschungelkrieg um Aufmerksamkeit. Wer da eine Woche still bleibt, riskiert als verstorben zu gelten. Bevor wir gleich zu den Sagen und Märchen des Orients kommen, ein Wort zum Publikationszwang in der Wissenschaft. Das führt zu sogenannten SELBSTPLAGIATEN. Weil man nicht jedes Quartal die Welt neu erfinden kann, schreibt man bei sich selbst ab. Es entsteht ein akademisches Schwätzertum. Man kopiert sich selbst bis an den Rand der Vergeblichkeit. Die Dreisten schreiben bei anderen ab, Plagiate sind aber kein Kavaliersdelikt, jedenfalls in Doktorarbeiten.
Man spürt viel von der Not der Doofen, schlau sein zu müssen in den Sozialen Medien. Oder der Drögen, lustig sein zu wollen. Und der Bösen, nicht verbergen zu können, dass ihre Herzen bitter sind. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Jetzt aber zu TAUSEND UND EINE NACHT. So zauberhaft die Situation zu sein scheint, sie ist eigentlich böse. Die Märchenerzählerin stirbt dort nämlich solange nicht, wie sie neue Geschichten aufzutischen weiß. Solange sie Mythen spinnt, muss der Henker warten. Eine Weisheit aus dem Orient, behauptet Goethe, auch für den Okzident. Eigentlich die bittere Wahrheit über all jene, die Twitter, Instagram und LinkedIn bevölkern. Publish or perish. Ein endloser Kampf gegen das Vergessen. Denn hier werden keine Denkmäler errichtet, die die Jahrhunderte überdauern: „Wanderer, kommst Du nach Sparta, so erzähle, Du habest uns hier liegen gesehen, wie das Vaterland es befahl.“ Ein Tweet, das ist eine Seifenblase. Im Idealfall eine Seifenblase, auf die weitere folgen; aber immer nur das Glück des Augenblicks.
Oder die Peinlichkeit des Tages. Man sollte nicht verschweigen, dass es auch größere Unglücke des kollektiven Zorns gibt, wenn sich eine Stimmung aufbaut. Aber das ist, wie Kipling, der den Dschungel kennt, sagt, eine andere Geschichte.
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SEINES GLÜCKES SCHMIED
Die USA sind, lerne ich, eine Meritokratie. Wenn da einer was geworden ist, dann verdankt er das sich selbst. Jeder ist dort seines Glückes Schmied. Will sagen: Wer nicht reich ist, der hat selbst Schuld.
Zum amerikanischen Traum gehört der Tellerwäscher-Mythos. Wir reden vom großen Glück des Niedriglohns aus ungelernter Hilfsarbeit im Gastro-Gewerbe. In diesem Land der Zuwanderer konnte es, davon träumten die Pauper aus aller Welt, jedermann zu etwas bringen. Aus Lumpen („from rags“ / “per aspera“) zum Millionär („to riches“ / “ad astra“). Es bedurfte nicht des besonderen Stammbaums oder der höheren Bildung oder eines bestimmten Standes, Fleiß und Geschick, die reichten. Wie gesagt, ein Mythos. Der jene verhöhnt, die die Klassengesellschaft erst gar nicht zu jenen guten Gelegenheiten kommen ließ, die dann das Lebensglück ermöglichten. Zynisch.
In der mittelalterlichen Ständegesellschaft erfreut sich die Witwen von Handwerksmeistern einer ganz besonderen Beleibtheit; sie hatten eine eigene erotische Ausstrahlung. Begehrt. Da es keine Gewerbefreiheit gab und das Regime der Zünfte und Gilden in den Städten streng war, konnte ein eifriger Geselle seinem Aufstiegswillen nur Ausdruck verleihen, sprich ein Handwerk ausüben, wenn er die Witwe eines Meisters ehelichte. Den lustigen Witwen soll das gar nicht so missfallen haben, liest man.
Meritokratie ist die Herrschaft des neuen Geldes über den frisch abgezockten Plebs; jener Gestus, den uns Elon Musk vorführt und für den er belohnt wird, mit grenzenloser Bewunderung und ebensolchem Verdienst aus den Taschen jener mit kleinem Verdienst. Das meint also die Herrschaft der Verdienstvollen über jene, die sich keine Verdienste erworben hatten. Verdienter Verdienst.
RAUM & ZEIT.
Büros, wie wir sie kannten, die wird es bald nicht mehr geben. Bürotürme in Innenstädten, zu denen Menschen jeden Tag wie Ameisen an- und abreisen, die weit draußen in Vorstädten leben, werden selten. Bürovölker, ganze Belegschaftsgruppen werden in die Heimarbeit geschickt und dort reduziert. Das spart, sagt der Herr im Fernsehen, Zeh-Oh-Zwei. Wir werden damit KLIMANEUTRAL. Er freut sich.
Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Es geht nicht wirklich um das Klima. Denn die ABSONDERUNG & VERNETZUNG spart Kosten und erlaubt eine enorme Arbeitsverdichtung. Die atomisierten Rädchen, das Heer der Ameisen kontrolliert zunehmend der Computer, strenger als es der Herr Bürovorsteher vermocht hätte. Die beiden Ritter der Corona und der Digitalisierung sind zwei Reiter, die, obwohl weiß und schwarz, gut miteinander können. Sie reiten gemeinsam gegen RAUM & ZEIT.
Selbstständige kennen den Scherz: man arbeitet selbst und ständig. Jederzeit und überall. Jede und jeder für sich. Die Ketten dieser Sklaven sind aus einem Stahl, der WLAN heißt. Das Versprechen einer „work-life-balance“ im „agilen Zeitalter“ war eine Falle. Es geht um nicht weniger als um die Aufhebung von RAUM & ZEIT. Ich sehe apokalyptische Reiter am Horizont.
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SAGEN WAS IST.
In Erfüllung des Augstein-Mottos SAGEN WAS IST (die Paratext-Regel) bringt der SPIEGEL auf dem Titel die „hundert besten Bücher“; in Leipzig ist gerade Messe. Tiefer kann das selbsternannte Sturmgeschütz der Demokratie nicht sinken. Focus. Lokus.
Gestern Abend, das Fernsehgerät als Einschlafhilfe nutzend, höre ich zufällig die berühmte Stimme von Stefan Aust, dem großen deutschen Journalisten. Er lässt sich von einem Nachrichtensender, der ihm mal gehört hat, zu großen zeitgeschichtlichen Themen befragen, an deren Aufklärung er persönlich beteiligt war. Wie immer weiß er seine Eitelkeit hinter feiner Ironie zu verbergen; eine Freude, ihm zu lauschen. Ich mag ihn.
Auch weil ich weiß, wovon er redet. Denn ich war bei vielen seiner Themen Zeitzeuge der allgemeinen Umstände, bei einigen unmittelbar dabei, bei anderen der Informant und bei ganz wenigen wohl auch der Agent Provocateur. Das animiert zu Kolophonie, einer Versuchung, der ich brav widerstehe. Es würde ohnehin niemanden interessieren. Oder die falschen, vor allem die falschen.
Der eigenartige Begriff stammt aus der Buchproduktion vor Erfindung des Buchdrucks. In Klöstern brachten Brüder und Schwestern die langen Tage damit zu, wichtige Manuskript zu kopieren. Im Idealfall geschah das mit peinlich genauer Akkuratesse; aber man kann sich schon vorstellen, dass auch Fehler passierten. Oder eine verdeckte Agenda wirkte. Deshalb wurde ganz am Ende in einer solchen Subskription erwähnt, wer der Kopierer war und zu welchen Zeiten er welche Quellen nutze.
Dem lateinischen Begriff der Unterschrift (subscriptio) entspricht der griechische des Abschlusses, der Kolophonie. Und es könnte sein, dass es auch dabei zu regelrechten Fälschungen gekommen ist. Die Geschichte muss immer und überall vor ihrer Klitterung geschützt werden. Stefan Aust versteht sich so. Er fügt den großen Ereignissen seiner Zeit eine Unterschrift hinzu; seine Unterschrift. Und macht sie so zu seiner Geschichte. Eine feine Ironie. Ich lausche, wie gesagt, mit Vergnügen.
Da ich Aust und Rudolf Augstein noch im Zusammenspiel erlebt habe, Augstein selten nüchtern, weiß ich, wovon Aust spricht. Nur Zeitzeugen können ermessen, wie treffend seine Charakterisierung von SPIEGEL-TV ist, die da lautet, dass es eine „Wohngemeinschaft mit eigenem Sender“ gewesen sei, die von der Redaktion des SPIEGEL als „Analphabetentruppe“ verachtet wurde. Das hat Gerhard Maus noch genau so zu mir über Aust gesagt. Aber ich gerate in Kolophonien.
Die Geschichte bedarf nicht meiner Unterschrift. Wir sind hier doch nicht beim Notar. Wir dürfen für den Paratext der Geschichte, den wir hier schreiben, allemal ein wenig dichterische Freiheit walten lassen. Sagen, was hätte sein sollen.