Logbuch
REICHSPOGROMNACHT.
Der FASCHISMUS ist nicht in fernen Zeiten vom Himmel gefallen oder aus einer fernen Hölle über uns gekommen. Und: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ (Brecht)
Vor gut achtzig Jahren also haben Deutsche in einem politischen Auftakt ihre Nachbarn, die sie für Juden hielten, deshalb bedroht, geschändet, enteignet, in die Vernichtung geschickt. Man wollte das Land ARISIEREN, zum Modell einer Volksgemeinschaft machen, die sich als HERRENRASSE verstand. An diesem deutschen Wesen sollte die Welt genesen.
Man verging sich an seinen Nachbarn, nicht alle, aber viele. Und alle schauten zu. Es konnte jeder wissen; es wusste jeder. Die PROPAGANDA war nicht heimlich; sie war unüberhörbar. Und wurde, wenn nicht bejubelt, so doch hingenommen. Zumindest das ist eine historische Schande. Die „Braunen“ waren unsere Nachbarn, die unsere Nachbarn zu vernichten anstanden. Ich sehe heute, immer noch oder wieder, Teile des Landes mit dieser Vorstellungswelt kokettieren. Scham und Zorn.
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KAFKA & LEGAL TECH.
Gespräch mit einem Experten namens Vir Romanus. Danach Nachdenklichkeit über UNGLEICHZEITIGKEIT. Ein Begriff von Ernst Bloch.
Szene Nummer Eins: Ein Aktenwagen, der schon bessere Tage gesehen hat, wird einen langen Gang herunter geschoben, prall gefüllte Aktendeckel verschwinden in Büros und andere tauchen von dort auf, ganz am Ende des Korridors ein einzelner Raum, in dem ein Faxgerät steht: es blinkt, Papier fehlt.
Szene Nummer Zwei: Ein Rundfunkwerbespot aus England sucht Besitzer eines bestimmten Autotyps, genauer eines Dieselmotors, und verspricht, wenn die Kanzlei beauftragt, eine kostenlose Klage bei Gewährung von 30 Prozent der dabei erwirkten Summe. Kein Risiko. Das Verfahren führt der Computer der Kanzlei automatisch. Er hat das schon tausendfach geübt.
Beide Szenen sind simultan. Die eine Welt trifft auf die andere.
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KEIN THEMA.
Wenn der Hausmeister ein Problem leichterdings zu lösen weiß, dann sagt er mit fröhlichem Ton: „Kein Thema!“ Eine praktische Begabung. Weil es auf irgendeine Lösung ankommt. Fünf darf dann gerade sein. Krause ist übrigens geimpft.
Lazarett kommt von Lazarus und der hatte Lepra. Das ist aber nicht der Aussätzige, der sich von Jesus reinigen, sprich heilen lässt. Gereinigt, so nannte man in biblischen Zeiten die Genesenen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zurück zum Thema. Wenn die tintenklecksenden Schriftgelehrten etwas suchen, an dem sie sich geraume Zeit versuchen können, dann machen sie es zum Thema. Das Querdenkertum, zum Beispiel. Weil es auf die perfekte Problematisierung ankommt. Nur keine Notlösungen.
Wenn die Herrschenden früher ein Problem nicht lösen konnten, untersagten sie es. Ihr Gebot lautet dann ANATHEMA („kein Thema“). Eine Sequestierung. Sie meinten es allerdings anders als Hausmeister Krause, der übrigens geimpft ist.
Das Untersagen des Aberglaubens funktionierte nur in mittelalterlichen Diktaturen. Wer keinen Scheiterhaufen mehr hat, auf dem er die Hexen auch verbrennen kann, sollte das Gemaule mit ihnen über den bösen Blick erst gar nicht beginnen.
Da man in finsteren Zeiten die Pandemie namens Lepra zunächst nur durch Aussatz der Aussätzigen zu lösen wusste, erklärte man die Infizierten für „bürgerlich tot“. Und wenn sie dann doch noch umherliefen, mussten sie mit einem Lazaruskleid und der Lepraklappe vor sich warnen. Keine Pointe.
Hausmeister Krause ist übrigens, ach ja, das hatten wir schon: kein Thema.
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DIE HANDBIBLIOTHEK DES WELTWEISEN.
Marbach oder Müllverbrennung? Es gibt immer ein Zögern, wenn Gedrucktes zu entsorgen ist. Als Mumpitz schon eine Weile beerdigt war, konnten die Erben auf Drängen des Immobilienmaklers irgendwann, es war zu Pfingsten, der Frage nicht mehr aus dem Wege gehen, was mit seinem Nachlass zu geschehen habe, insbesondere dem ungeheuren Konvolut an Büchern, deren Zahl auf gut tausend geschätzt wurde.
Man könne es nicht Bibliothek nennen, befand Cousin Heribert, der feststellte, dass die Anordnung in den zahlreichen Regalen keinerlei Prinzip folgte. Ein wildes Sammelsurium, das schon deshalb ruhig der Müllverbrennung anheim fallen könne; ein Antiquar würde daran verzweifeln. Mumpitz war, so wurde es irgendwann spruchreif, ein Messi, jedenfalls was Bücher anging. Die Müllverbrennung sei der richtige Ort.
Verstörend nur der Bericht der Putzfrau der letzten Jahre, die von dem Ärger zu berichten wusste, als Mumpitz bemerkte, dass sie einige Bände zum Staubwischen an die Seite genommen hatte, sie wollte eine Steckdose erreichen, und dann zurückgestellt, Mumpitz aber bemerkte, dass sie dabei die Reihenfolge ruiniert habe, wie er zornig kritisierte. Sie habe sich gewundert, wie er das habe bemerken können, in dem Chaos.
Man beschließt das vernichtende Urteil des örtlichen Buchhändlers noch einmal überprüfen zu lassen. Ein pensionierter Studiendirektor vergräbt sich in einen leichter zugänglichen Teil der Buchsammlung. Nach Wochen äußert er eine Hypothese und bittet bescheiden um neues Honorar. Er will insgesamt prüfen, ob es wirklich sein kann, dass Mumpitz die Bücher alphabetisch geordnet habe, nach dem jeweils ersten Buchstaben des Fließtextes. 1289 Bände. Bei Lexika gelten Ausnahmen.
Welch ein Kleingeist. Man wird Mumpitz, den Weltweisen, als Pedanten erinnern müssen. Die Bücher seiner Handbibliothek können weg.