Logbuch
Das Allgemeine Wahlrecht war bereits ein Fehler. Diese schlanke Auffassung liest man gerade aus dem Interview mit einem Gewerkschafts-Führer der Bahn, der auf eine autoritäre Sozialisation im Osten zurückblickt. Er beklagt sich, die Bahn habe leider 80 Millionen Experten. Meint: Jeder Arsch wolle mitreden, obwohl er gar keine Ahnung hat, jedenfalls keine Bahnuniform an. Der Mann bemängelt, dass seine Kunden nicht seine Untergebenen sind. SERVICE ALS STRAFVOLLZUG. Im Grunde verlangt er von seinen Kunden schlicht Gehorsam gegenüber den Bahnbediensteten, die er für Amtsträger hält. Das ist jener preußische Kadavergehorsam, der in der DDR die 68er-Jahre überleben konnte, und jetzt als „deutsch“ neu aufblüht. Eine Stimmungslage, die ich in Sachsen oft antreffe. Dem steht bei der Bahn eine zweite Kultur zur Seite, die aus dem Informalismus der Internetfreaks kommt und, weil so schrecklich modern, ihre Kunden partout duzen möchte. DER KUNDE ALS KIND. Objekt von freundlicher Erziehung. Beides nebeneinander passt nicht, beides falsch. Reaktanz. Ein Staatskonzern auf der Suche nach dem richtigen Ton. Vielleicht sogar ein ganzes Land.
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Die Mutter von Google hat sich 10.000 Millionen US-Dollar durch Schuldverschreibungen reingeholt. Die Liquidität lag zuvor bei nur 120.000 Millionen $. Mit 130 Milliarden $ sollten sie jetzt fürs erste zurechtkommen. Home-Office für Mitarbeiter übrigens bis Juni nächsten Jahres verlängert.
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AUSLASTUNG.
Ein Airline-Vorstand hat mir mal erzählt, dass er seine Controller gefragt habe, was er Schlimmes anstellen müsste, damit der Laden pleiteginge. „Jeden dritten Sitz leer!“ war die Antwort. Der berühmte Mittelsitz! Gerade Spitzen-Restaurants rechnen ihre Rentabilität danach, wie oft sie am Abend einen Tisch verkaufen. Gar nicht wegen „no show“ ist ganz schlecht. Und die Austern in die Tonne. Jetzt lese ich von einer fabelhaften Hotelkette, die eine gute Qualität zu günstigen Preisen bot, dass sie 80 Prozent Auslastung brauchte, aber eben nicht mehr hat. Da wird die Umsatzsteuersenkung helfen, wenn der Umsatz fehlt. Der Wumms der Bundesregierung wird wohl, traurig, aber wahr, als Plopp in die Wirtschaftsgeschichte eingehen.
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GOVERNMENT ISSUE.
Die Kavallerie hat, hoch zu Ross aufgewachsen, ihre Pferde nicht freiwillig abgegeben. Wer will sich schon in diese rollenden Konservendosen namens Panzer zwingen lassen. Die stolzen Seelords der Armada haben nicht nach Dampfschiffen aus Stahl gerufen. Und man erzählt mir aus der Luftwaffe, dass die neuen unbemannten Drohnen nicht sehr beliebt sind. Der Baron von Richthofen will noch immer in sein Cockpit.
Mein Verdacht als Zivilist ist, dass man die Aufrüstung nicht den Militärs überlassen kann. Sie sind nicht die bösen Buben, die wir bräuchten, sondern brave Beamte. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz sei ein bürokratischer Orkus. Das lese ich auch aus den USA, wo bisher der Takt vorgegeben wird, was zur Waffe taugt. Die G.I. selbst seien zu doof für Cyber War; da müsse die Industrie selbst ran. Ich bin in der Frage schon als Student verdorben worden. Ich habe in Bochum Friedrich Kittler gehört, den großen Apodiktiker. Dem war vieles eine Waffe, was naiv als Instrument erscheint. Radio, UKW, Radar, Rock: alles Kinder des Krieges.
Das gilt für das Internet dann allemal. Selbstfahrende Autos und Raketen zum Mars riechen allerdings auch danach, wenn man den Geruch einmal in der Nase hat. Das amerikanische Militär war immer schon ein sehr beliebter Auftraggeber der kalifornischen Wunderknaben. Oder umgekehrt. Die heutige zivile Vergnügungsnutzung der Halbleiter jedenfalls ist nur ein Abfallprodukt.
Die Bundeswehr soll mittlerweile kein Liquiditätsproblem mehr haben; geblieben ist die geistige Armut. Es riecht in den Kasernen nach Pulverdampf wie aus Opas Karabiner. Was sind die Waffen der Zukunft und wie führe ich die mit den Trotteln der Vergangenheit? Wie kann es sein, dass schon jetzt Italien drei Flugzeugträger hat und wir keinen? Werden wir künftige U-Boote statt mit Diesel auf Batterie betreiben? Kriegt das Generalkommando neue Dienst-Nokias? Legt die Telekom Glasfaser sogar bis in Kasernen?
Ich fand schon immer, dass der Krieg eine zu ernste Sache sei, um ihn den Militärs zu überlassen. Das gilt allerdings wohl schon für die Aufrüstung selbst. Mein Vorschlag: Wir nehmen das abgelegte amerikanische Equipment der letzten Generation komplett. Das hat das alte Rom mit seinen Vasallen auch so gehalten. Es gab römische Sandalen auch für germanische Treter. Deren Nägel findet man in Gräbern bis heute.