Logbuch

BIG SPENDER.

In der amerikanischen Politik ist die Finanzierung von Politikern dann legitim, wenn man ihre Wahlkämpfe unterstützt. Das habe ich nie verstanden. Zumal ich die Einlassung, dass damit keine Vereinbarung von Gegenleistungen verbunden sei, für scheinheilig halte; zu deutsch, für gelogen.

Parteispenden hierzulande scheinen mir in Ordnung, da die Spender und ihre milden Gaben öffentlich benannt werden müssen. So ist allen gedient, denen, die die Knete kriegen, wie jenen, die wissen wollen, wer hier das eigentliche Sagen hat. Die Ungeheuerlichkeit des Systems Kohl bestand ja darin, dass anonymes Bargeld in Einkaufstüten über die Grenze ging und dann jüdische Vermächtnisse als verdeckte Spender bemüht wurden.

Was Privatpersonen angeht, bin ich beinahe grenzenlos permissiv. Aus versteuertem Einkommen resultiert keine Folgelast; der Millionär mag es auf dem Balkon verbrennen. Oder spenden. Kritischer ist es bei Unternehmen, die schon sagen können müssen, was an einer Betriebsausgabe betrieblich ist. Aktiengesellschaften sind ohnehin eine Veranstaltung mit dem Geld anderer Leute. Hier schwebt das Damoklesschwert der Untreue immer über den Häuptern des Vorstandes.

Skeptisch stimmt mich die neue Mode des „crowd funding“. Kleinvieh macht auch Mist. Denn das Argument der Kleckerbeträge zählt ja nicht. Die Jungfrau wird nicht wegen der Höhe des Freierlohnes zur Hure, sondern weil sie es für Geld tut; gilt auch bei kleinen Summen, siehe Jargondelikt der „Hartgeldhure“. Wäre es nicht sauberer, wenn auch bei Spenden die Geldgeber zu nennen wären? Transparenz ist doch das Goldene Kalb der Spendensammler, Transparenz bei anderen.

Beispielsweise fragt mich ein Club von investigativen Journalisten immer wieder nach einer Spende, ein Laden, von dem ich weiß, dass er auch staatsfinanziert ist. Vom deutschen Staat. Direkt aus dem Kanzleramt. Es soll auch welche geben, die Rubel konvertieren müssen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zurück zum Konstrukt Korrektiv der rotgrünen Administration. Ich bin versucht, da etwas zu spenden, weil ich denen dann später sagen könnte, dass sie mein Geld genommen hätten.

Dann käme das Argument, dass Spenden aber Zuwendungen ohne Gegenleistung seien. Siehe oben. Unsinn: Selbst bei einer Schutzgelderpressung („pizzo“) gibt es eine Gegenleistung. Und Pizzo ist das richtige Stichwort.

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ONKEL HO & ONKEL HERBERT.

Im Übergang vom Gymnasiasten zum Studenten spielten studentische Proteste in den USA eine gewisse Rolle für unsere Lektüregewohnheiten. Man las MARCUSE. Der im Geiste der Zeit „Onkel Herbert“ genannte Soziologe deutscher Herkunft wirkte aus den USA mit einer leichtfüßigen Lesart von Marx & Freud und bot in feinen Suhrkamp-Bändchen etwas, das den linksliberalen Zeitgeist beflügelte. Bei Demos pries man dann zusätzlich ONKEL HO, einen Diktator in Nordvietnam.

Warum beschreibe ich das so distanziert? Nun, als mir das im Übergang vom Studenten zum Promovenden noch mal ansah, vermisste ich meine ursprüngliche Begeisterung. Der Mann philosophierte, wenn er nicht plauderte, aber er war kein Soziologe. Ich stimmte dem Spott zu, den HABERMAS über ihn ergoss, der ihn einen „Heidegger-Marxisten“ nannte, ein Homunculus. Im Übergang vom Post-Doc zum Lehrenden hatte ich ihn gänzlich verloren, den eindimensionalen Menschen aus dem Kalifornischen. Man wird halt klüger.

Daran denke ich, während ich mit meinem Befremden über die heutigen Studentenproteste in Amerika kämpfe. Ich sehe das Palästinensertuch zusammen mit der bunten Flagge der Schwulen, bei Frauen mit offenem Haar, höre dramatisch Antisemitisches und den Wunsch, den Staat Israel auszulöschen, indem die Juden vom Jordan ins Meer getrieben werden. Steinzeit-Theokratie. Die Sache der Mullahs wird betrieben, wie kann das, denke ich, an den besten Unis der Welt?

Die da in der Efeu-Liga Palästina befreien wollen, sie sind todessüchtig. So verblendet waren wir nicht, da wir uns über den Vietnamkrieg empörten. Hoffe ich. Sicher bin ich aber nicht. Doch, ich bin sicher. So verblendet waren wir nicht. Jedenfalls wurden wir klüger.

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HERAUS ZUM ERSTEN MAI.

Man hört hier in Moabit, so man ein feines Gehör hat, am Maifeiertag ganz früh morgens noch die Stimme von Ernst Busch, der im benachbarten Stadtteil sang: „Roter Wedding - grüßt Euch, Genossen!“ Gestern erzählt mir der örtliche Dominikaner, man habe sie, die Mönche des Prediger Ordens, hier angesiedelt, damit sich jemand um die katholischen Seelen der polnischen Zuwanderer kümmern sollte. Bevor es die Kommunisten tun.

Heute ist die letzte hier gelandete Generation der Zuwanderer muslimischen Glaubens. Noch sehe ich nicht, wer sich um deren Seelen kümmert; jedenfalls nicht in einem erhabenen Sinne wie die Dominikaner um die christlichen. Da lauert ein faschistisches Potential der Theokratie. Der Erste Mai erinnert eigentlich an die Entstehung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Wir sind in Chicago des ausgehenden 19. Jahrhunderts und einer mörderischen Ausbeutung der Zuwanderer in den Fabriken des frühen Kapitalismus. Man ließ die amerikanisierten Fremden zwölf Stunden schuften, um sie am 1. Mai durch eine neue Generation anderer Migranten zu ersetzen.

Gewerkschaftsfragen waren immer Fragen der Migration, schon in der englischen Industrialisierung, die von irischer Zuwanderung lebte. Besonders krass im Zuwanderungsland USA. Aber das ist heute ja vergessen. Wer weiß noch, was der Aufstand am Heumarkt in Chicago war? Haymarket Riot? Nie gehört. Dem verdanken wir aber den Achtstundentag, dem Beginn gewerkschaftlicher Solidarität.

Man erinnert allenfalls noch das Marx-Wort, dass der Arbeiter kein Vaterland habe. Jedenfalls keines, für das in den Kriegen seiner Herren zu fallen sich lohne. Das ist vor allem für jene verschüttet, die die Inthronisierung des Maifeiertags in der DDR nach sowjetischem Vorbild miterlebt haben. Die eigentliche historische Dialektik zeigt sich aber im Feiertag zum Tag der nationalen Arbeit, den die Nazis eingeführt haben.

Ja, der Erste Mai als Feiertag ist in Deutschland eine faschistische Institution, damals, um im gleichen Atemzug die Gewerkschaften gleichzuschalten und ihre Führer ins KZ zu schicken. Man vergisst ebenso, dass die Nazis eine populistische Bewegung waren, soziologisch dem Kleinbürgertum entstammend, eine Volksgemeinschaft bildend, einem irren Rassismus verbunden. Alles noch wach. Aber zurück zu den Kommunisten.

Mein Großvater mütterlicherseits, von dem hier seltener die Rede ist, hatte eine Vorliebe für die Kommunisten. Wenn er ein Gedeck (Bier mit Korn) zu viel hatte, sang er die Lieder des Ernst Busch. „Der Rosa Luxemburg haben wir es geschworen…“ Auch während der braunen Zeit. Worauf seine Gattin ihn mit dem Hinweis zum Schweigen brachte: „Du singst, bis sie Dich holen!“ Gemeint waren die Männer in den langen Ledermänteln.

Tag der Arbeit also. In der warmen Morgensonne sitzend sinniere ich: Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, nur nicht aus freien Stücken.

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GOVERNMENT ISSUE.

Die Kavallerie hat, hoch zu Ross aufgewachsen, ihre Pferde nicht freiwillig abgegeben. Wer will sich schon in diese rollenden Konservendosen namens Panzer zwingen lassen. Die stolzen Seelords der Armada haben nicht nach Dampfschiffen aus Stahl gerufen. Und man erzählt mir aus der Luftwaffe, dass die neuen unbemannten Drohnen nicht sehr beliebt sind. Der Baron von Richthofen will noch immer in sein Cockpit.

Mein Verdacht als Zivilist ist, dass man die Aufrüstung nicht den Militärs überlassen kann. Sie sind nicht die bösen Buben, die wir bräuchten, sondern brave Beamte. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz sei ein bürokratischer Orkus. Das lese ich auch aus den USA, wo bisher der Takt vorgegeben wird, was zur Waffe taugt. Die G.I. selbst seien zu doof für Cyber War; da müsse die Industrie selbst ran. Ich bin in der Frage schon als Student verdorben worden. Ich habe in Bochum Friedrich Kittler gehört, den großen Apodiktiker. Dem war vieles eine Waffe, was naiv als Instrument erscheint. Radio, UKW, Radar, Rock: alles Kinder des Krieges.

Das gilt für das Internet dann allemal. Selbstfahrende Autos und Raketen zum Mars riechen allerdings auch danach, wenn man den Geruch einmal in der Nase hat. Das amerikanische Militär war immer schon ein sehr beliebter Auftraggeber der kalifornischen Wunderknaben. Oder umgekehrt. Die heutige zivile Vergnügungsnutzung der Halbleiter jedenfalls ist nur ein Abfallprodukt.

Die Bundeswehr soll mittlerweile kein Liquiditätsproblem mehr haben; geblieben ist die geistige Armut. Es riecht in den Kasernen nach Pulverdampf wie aus Opas Karabiner. Was sind die Waffen der Zukunft und wie führe ich die mit den Trotteln der Vergangenheit? Wie kann es sein, dass schon jetzt Italien drei Flugzeugträger hat und wir keinen? Werden wir künftige U-Boote statt mit Diesel auf Batterie betreiben? Kriegt das Generalkommando neue Dienst-Nokias? Legt die Telekom Glasfaser sogar bis in Kasernen?

Ich fand schon immer, dass der Krieg eine zu ernste Sache sei, um ihn den Militärs zu überlassen. Das gilt allerdings wohl schon für die Aufrüstung selbst. Mein Vorschlag: Wir nehmen das abgelegte amerikanische Equipment der letzten Generation komplett. Das hat das alte Rom mit seinen Vasallen auch so gehalten. Es gab römische Sandalen auch für germanische Treter. Deren Nägel findet man in Gräbern bis heute.