Logbuch
Höhere Töchter und Söhne aus besserem Haus erkennen sich gegenseitig an einem stillen Stigma. Das sind die unsichtbaren Spuren der Internatsjahre. Bessere Bildung einerseits; man rezitiert schon mal die Ilias in Altgriechisch. Oder den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Aber dann sind da andererseits auch okkulte Narben, Spuren des Hospitalismus und frühpubertärer Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht. Spuren der Jahre im Heim. Die stillen Stigmata der Oberklasse. Der diskrete Charme der Bourgeoise. Es hat mich immer wieder fasziniert, sie erkennen sich untereinander aus dem Augenwinkel. Das ist Etikette. Der Unterschied von Manieren und Etikette. Manieren machen den Umgang angenehm. Etikette grenzt die aus, die nicht dazu gehören. Man erkennt, wenn man Etikette hat, den Outcast schon daran, wie er das Besteck hält.
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Erziehung in der Kleinfamilie konnte, wenn sie gelang, ein Idyll sein, in dem ausgewogene Persönlichkeiten heranwuchsen. Internaterziehung konnte, wenn es misslich lief, ununterbrochenes Mobbing sein, Bettnässer produzierend, die vom Quälen und Gequältwerden ein Leben lang nicht mehr lassen konnten. Warum sage ich das? Das Kommunikationsmilieu auf TWITTER ist von Heimzöglingen geprägt. Überall der Furor von jakobinischen Bettnässern. Mich fröstelt.
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Provinz vs Metropole. Wie entlegen ist der Westerwald? Nun, die Lahn zur einen Seite, Mittelrhein und Mosel zur anderen. Von den vier Flughäfen in der Nähe schließt jetzt allerdings einer, so dass nur Frankfurt, Köln/Bonn und Düsseldorf bleiben. Alle drei in Betrieb und mit Zuganbindung. Bahnstrecken zwei: ICE ex Montabaur oder Koblenz. 15 oder 30 Minuten entfernt. Autobahnen zuhauf. So, und jetzt Du, liebes Berlin, einsamer Sehnsuchtsort mitten in Brandenburg. Brandenburg!
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ROMANE REDEN.
Meine Frau Mutter mochte es nicht, wenn eine Erzählerin nicht auf Punkt kam; ihr waren die Umschweife der Nachbarin zuwider. Dann fiel anschließend die Redewendung, dass jemand „vom Hölzken auf‘s Stöcksken“ käme. Gemeint war ein zielloses Extemporieren, das Reden, um des Redens Willen, sprich Gerede. Sie hatte ihre Jugend in der „schweren Zeit“ als OP-Schwester im Feldlazarett verbracht und gelernt, dass man bei Amputationen nicht schwätzt.
Ein guter Erzählfluss ist auch einer. Er beginnt an einer Quelle und als frischer Bach. Daraus wird zielstrebig ein kräftiger Fluss, dann ein Strom, der schließlich ins Meer mündet. Der schlechte Erzähler bewegt sich umgekehrt, jeden Mäander nutzend erreicht er die Quelle nie, jedenfalls nicht frisch und munter. Seine Geschichte ist trübes Brackwasser, kein labender Quell, von dem der Psalmist uns spricht.
Das geht mir durch den Kopf, da ich seit langem mal wieder einen Roman lese, der mich nicht langweilt. Eigentlich sind Novellen mein Ding, Kurzgeschichten. Vor mir liegt die Schwarte von Feridun Zaimoglu SOHN OHNE VATER. Der Lümmel kann schreiben. Abgesehen vom Fluss, der homerisches Format hat, ist es die Formulierkunst im Detail, die gerade jener haben kann, der klug seine zweite Sprache erkundet. Das Staunen über das Fremde schafft viel verbale Kraft. Aber ich verfalle ins Schwätzen und höre die mahnende Stimme meiner Mutter, die schon einige Zeit beim Gerechten weilt.
Jetzt aber zur Sache. Was ist der beste Romananfang aller Zeiten? Der hier:
„Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“ (Kafka, Der Verschollene) Rupp, zupp, auf den Punkt.
Nachtrag aus aktuellem Anlass: Da hat sich das Klima gewandelt; inzwischen ist es ein unangenehm schwüler Smog, eher schlechte Luft, recht stickige Atmosphäre, die die Dame gänzlich verhüllt. Das mit dem Schwert stimmt freilich. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.