Logbuch

WASSER DES LEBENS.

Der Dichter Heiner Müller, der sich der DDR zurechnete, pflegte Zigarren zu rauchen und Whisky zu trinken. Als notorisch Depressiver beides übermäßig. Darüber wurde er immer lakonischer.

Nun halte ich ein mäßig lektoriertes Buch in den Händen, in dem im Titel des ihm gewidmeten Kapitels von „Whiskey“ die Rede ist. Das wäre die irische Variante. Heiner Müller trank aber das Original, den schottischen Whisky. Der Namen stammt von den klösterlichen Marketingexperten die AQUA VITAE (Wasser des Levens) so ins Gälische übersetzten. Müller: Whisky, weil der nach seiner Jugend schmecke. Hat er mir mal so erzählt.

In Schottland wird die Keimung der Gerste durch ein Darren mittels Torffeuer unterbrochen; das nennt der Eingeborene „peaty“, was dabei an Raucharoma entsteht. Peat ist Torf. In Sachsen, wo Heiner Müller aufwuchs, wurde mit Briketts aus Braunkohle in Einzelöfen geheizt; die Luft zeugte davon. Beides der gleichen Stoff, mit unterschiedlichem Grad der Romantisierung.

Ob man das literarische Schaffen von „Max Messer“ (so sein Pseudonym) für wesentlich hält, ist eine Frage des Standpunkts. Ich stimmte mit ihm jedenfalls in der Beurteilung vom irischen Whiskey überein. Eignet sich hervorragend zum Abbeizen alter Möbel.

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ZEITZEUGEN, ZUFÄLLIGE.

Weil Bert Brecht bei den Theaterproben nicht von seinen Zigarren lassen konnte, hatte das Ministerium für Kultur eine Sondererlaubnis erteilt und einen Feuerwehrmann gestellt, der mit einem Wasssereimer bewaffnet stets hinter Brecht stand. Die Proben waren endlos.

Den hätte ich gerne interviewt, was er von dem Meister hielt.

Als der französische Philosoph Jean Paul Satre 1953 den frisch emitierten deutschen Denker Martin Heidegger besucht, waren beide an Grippe erkrankt. Die Übersetzerin, eine Gespielin der Muse Satres, berichtet, die Herren hätten sich ausschließlich über ihre Gebrechen unterhalten.

Die hätte ich gerne interviewt, was sie von den Granden hielt.

Plan zu einer Literaturgeschichte gemäß zufälliger Zeugen, nach Berichten der Randfiguren.

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VORSÄTZE, GUTE.

Silvester nimmt man sich was vor, für das Neue Jahr. Aber heimlich. Wer darüber plaudert, hat die Übung schon versaut. Allein das fällt schwer genug.

Sie kann alles, die Klasse der Plauderer; nur schweigen, das kann sie nicht. Nicht mal über Privates. Früher war Pornografie die Zurschaustellung von tertiären, sekundären und schließlich auch primären Geschlechtsmerkmalen; heute die Zwangsinformation über seelische Zustände.

Gemessen an dem Trivialen aus Privatem ist ein nackter Arsch geradezu vom philosophischem Gehalt. Die Einbeziehung vom Kindern erscheint mir besonders problematisch. Es mag Gründe geben; ich würde sie eher vermeiden wollen.

Woher kommt der Drang, im nächsten Jahr ein besserer Mensch sein zu wollen? Sigmund Freud hat es als Kampf von Trieb und Tabu gesehen; er glaubte an drei Mächte in uns: das Es, das Über-Ich und das Ich, als Persönlichkeit zwischen Sünde und Soll. Tjo, im nächsten Jahr also mehr SOLL und weniger SÜNDE? Ich weiß nicht so recht.

In dem faktischen Hausarrest der Seuchenpolitik ist ohnehin wenig geblieben, vom dem was Bacchus und Dionysos so trieben. Wo der Mediterrane Sünde hatte, da hat der Preuße ja eh die PFLICHT. Du musst Dein Leben ändern. Ein besserer Mensch werden. Machen wir also einen kleinen Katalog der neuen Pflichten. Keine Pointe.

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WENN VASALLEN WAS WOLLEN.

Während die Welt sich so sehr über die feudalen Freiheiten des amerikanischen Lehnsherren empört, studiere ich weitere Cicero in seinen Betrachtungen des gescheiterten Vasallen Ianus Frusta. Wir hatten gestern notiert, dass es wichtig für Ritter im Vasallentum ist, den Moment nicht zu verpassen, von dem an es dem Lehnsherren nicht mehr um Krieg, sondern um Geschäfte geht. Der böse Krieg im Kolonialen wird irgendwann zum guten Kaufmann, der das blutige Eisen zu Gold machen will.

In der Moderne, also nach Kopernikus, hat man nach dessen Weltbild den Begriff der Satellitenstaaten geprägt. Irreführend. Das unterstellt eine Naturgesetzlichkeit, die Gravitation, nach der eine natürliche Ordnung der sich umkreisenden Sterne gebaut ist, in der die kleinen Sterne die großen umlaufen; Satelliten halt. Die Natur der Dinge. Das ist falsch, weil unhistorisch.

Wir kennen eben auch den Wechsel des Hegemon wie die Konkurrenz der Lehnsherren untereinander. Das Römische Reich weicht irgendwann dem Osmanischen. Oder Indien verabschiedet sich aus dem britischen Commonwealth. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der kluge Cicero lehrt uns, dass Vasallentum ein Bündnis auf Zeit ist. Es erlischt ohnehin mit dem Tod der natürlichen Person. Aber auch ansonsten gilt, dass Lehnsherren die Lust verlieren oder auch Vasallen sich selbst freisagen können. Die Demokratie ist Vertragsfreiheit, mit den jeweils Herrschenden jeweils auf Zeit. Das ist die Magie des Vertrages, die Tinte wird trocken. Ja, Verträge sind zu erfüllen (pacta servanda), aber man kann sie eben auch kündigen.

Ob die EU ein desolater Haufen von wandelmütigen Vasallen wird, von denen einzelne Länder mit dem Gedanken eines russischen Lehnsherren spielen, entscheidet sich im Europäischen Rat, also bei den Ländern selbst. Ich wäre zum Beispiel dafür, Ungarn rauszuwerfen, die Tommys wieder rein. Der amtierende US-Präsident hat die EU als ein Projekt bezeichnet, dass darauf abgelegt sei, ich zitiere, „to screw the US“. Meine Erziehung verbietet es mir auszuformulieren, was „screwing“ wohl im Umgangssprachlichen meint. Cicero jedenfalls meidet jede Symbolik vulgärer Bezüge. Er ist ein Kontraktualist; er glaubt stur an Verträge und politischen Gestaltungswillen. Das sollen Vasallen wollen.

Wem das zu düster als Lebensphilosophie ist, dem sei zum Schluss ein fröhlicher Shakespeare geschenkt, sagen wir, weil Sonntag ist: „Life is but a walking shadow, a poor player that struts and frets his hour upon the stage, and then is heard no more. It is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing." Denn was Vasallen jetzt wirklich wollen, das sind Eier mit Speck! Und starken Kaffee.