Logbuch

DEMOSKOPIE.

Inseratenaffäre. Debatte um angebliche Manipulationen durch zwei junge Damen der Meinungsforschung in Österreich. Der dortige Bundeskanzler trat zurück. Mit dabei: eine korrupte Presse, mit Steuergeldern geschmiert.

Ich kommentiere auf Bitten einer Fachplattform der Marktforschung. Und es gibt mir Recht einer der ganz alten Hasen der Branche. Da freut man sich. So sollte das ja eigentlich sein, dass die Fachleute sich einig sind und die Laien staunen.

Ich fordere mehr PROPÄDEUTIK. Das ist die Fürsorge der Fachleute um das Staunen der Laien. Demoskopie heißt Volksbeobachtung. Wie das gehen soll, wenn man nur eine Zufallsstichprobe anschaut, versteht das Volk nicht. Repräsentativität ist durch den Zufall gewährleistet? Jo. Nicht nur, aber eigentlich doch. Raketenwissenschaft? Na ja.

Logbuch

LEBENSERINNERUNGEN.

Das Leben, wenn es gelebt werden muss, kennt nur das WOHER, aber noch nicht das WOHIN. Wenn es erinnert wird, ordnet es das WOHER neu, damit es zum WOHIN passt. Die LEBENSLÜGE namens Biografie nimmt Gestalt an.

Sehr nettes Gespräch mit Stephan Aust über seine umfängliche Autobiografie. Natürlich beginnend mit jener Passage, in der ich namentlich vorkomme. Ob er Tagebuch geführt habe, will ich wissen. Nein, übrigens im Gegensatz zu Wolf Biermann, der sich jeden Abend ans Aufschreiben gemacht habe. Und natürlich eine weitere Erinnerungsstütze hatte. Seine STASI-Akte. Es gab viel zu korrigieren.

Für die Generation meiner Eltern war angesichts böser Zeiten das ÜBERLEBEN ein wirkliches Thema. Mein Herr Vater hatte die doppelte Perspektive, nicht zu jenem KANONFUTTER zu werden, als das die Feldherren ihn vorgesehen hatten, und nicht ein Lebenlang ins LOCH zu müssen, wie sein Vater, der untertage in der Vorrichtung ausschließlich Nachtschichten verfahren hatte. Das WOHIN war klar; es drückte sich im Ersatz eines Motorrollers durch den Käfer und der Anmeldung der Kinder auf der Höheren Schule aus. Er hat seine Enkel mit akademischen Meriten gesehen, womit er sich, sein WOHER vor Augen, sehr bestätigt fühlte.

„Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, wenn auch nicht aus freien Stücken.“ Das ist so ein Satz, aus meinen Uni-Jahren, den ich immer für richtig und für falsch gehalten habe. Aber er plagt mich nicht, da ich keine Not verspüre, die Welt mit einer Autobiografie zu langweilen. Über einen gewissen Arentino aus dem 15. Jahrhundert las ich gestern, dass er sich mit ANMERKUNGEN zufrieden gegeben habe und „Freischärler der Feder“ genannt wurde. Das klingt doch gut. Werde mich mal um dessen WOHER kümmern.

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SITTENGEMÄLDE.

Mit dem Rauswurf von BILD-Chef Julian Reichelt (JR) wird ein Vorhang gelüftet vor einem Drama zusammenstoßender Kulturen, die sich nicht mehr mischen. No melting pots. CULTURAL CLASHES.

Ich kenne alle handelnden Personen, nicht alle gut, aber alle persönlich. Ich kenne ihre Arbeitsplätze und einiger ihrer Lieblingskneipen. Man sagt: das MILIEU. Und ich sage: Es sind viele verschieden, die sich nicht mehr zu einer BRANCHE zusammenrühren lassen. Nicht mehr zu homogenisieren. Darum knallt es.

SPRINGER steht als AG unter dem Einfluss großer US-amerikanischer Aktionäre, deren Heimatkultur PURITANISCHER ist, als die mediterraneren Naturen glauben wollen. In diesem Milieu sind Skandalierungen mit Fehlverhalten gegenüber Frauen ein Brandbeschleuniger.

Ich habe den Gesichtsausdruck von JR in einem Aufzugkorb neben mir gesehen, als er als HELD DER KONTROVERSE bezeichnet wurde und dann ein Nachbarblatt als LIBERALER denn seines im Reich der ROTEN Blätter des Hauses. Bei Springer ein BLAUES Argument. Es ging den so GELOBTEN an den Kragen. Keine zwei Milieus unter einem Herrscher, schien mir danach das Motto zu sein. JR obsiegte.

Ich saß gelegentlich am Nachbartisch in einem sogenannten Promi-Restaurant, wo einige Gäste feste Tische hatte, wenn JR sich mit Promis traf. So der Abend mit dem modisch gekleideten BUNDESAUSSENMINISTER. Es war nicht JR, der wortreich um Verständnis warb; soweit man das mitbekam. Und das Gespräch wurde immer wieder von jungen Damen mit gepuderten Nasen unterbrochen, die mal kurz „Hi!“ sagen wollten. Und sie meinten nicht Heiko. JR erschien mir umschwärmt. Heiko und ich wären es wohl gern gewesen.

Dann der INHABER-VERLEGER aus dem Westfälischen, ein gänzlich anderes Milieu, in dem, wenn man sich was kauft, das einem auch gehört. Der soll sich aus der BUZZ-ECONOMY eine Investigative Redaktion gekauft haben, die ihm nun aus den Urtagen der Pressefreiheit die Trennung von VERLAG und REDAKTION zu erklären sucht. Ein Zusammenstoß der Kulturen. Zur FR sage ich hier nichts.

Und der SPIEGEL, der nicht mehr jenes Milieu des Magazinjournalismus ist, der er mal war, wo aber junge Leute an die alten Werte glauben und damit fast durchkommen; so das Narrativ. Zwei Milieus in einem Haus. ABER ich kann mir eigentlich gar kein Urteil erlauben. All das habe ich durch die Brille des PR-Manns betrachtet; das ist ein anderes Milieu. Jedenfalls für meine Generation und meine Kampfklasse. Die Propaganda-Assistenten in der PR kamen später. Mir steht da kein Urteil zu; jedenfalls erlaube ich mir keines.

Ich bin zu nah dran und doch kein Teil dessen; eben kein Insider. Und der neue BILD-Chef hat mich mal besucht und dann ein echt faires Stück über mich in der SZ geschrieben; seitdem finde ich den gut. Ich bin also auch da nichts weniger als objektiv. Ein Öltropfen in dem Gemisch unterschiedlichster Wässer. Kollidierende Milieus, ein Sittengemälde. Aber eher von einem Künstler des Abstrakten. Wilde Brüche, keine Idylle.

Logbuch

JETZT MAL WAS KONSTRUKTIVES.

Ein Freund fordert mich zu positiver Utopie auf. Man solle darauf achten, in all der Polemik über Politisches nicht selbst zur toxischen Persönlichkeit zu werden. Da ist was dran. Ein kluger Publizist nennt das Logbuch gelegentlich gar „gallig“; weniger Galle und mehr Gemüt? Geht das?

Mir hängt ohnehin ein DICHTERWORT nach, dass davor warnt, sich dem Zorn auf die Zeiten zu ergeben. Es stammt von dem ins Exil gezwungenen Brecht, mit dessen Schicksal man sich nicht vergleichen will; aber umso ernster vielleicht seine Warnung an die Nachgeborenen: „Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. Dabei wissen wir doch: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser.“

Brecht hat sich mehr FREUNDLICHKEIT in der Welt gewünscht. Man kann sich aber nicht vorstellen, dass dies auf Kosten der Ehrlichkeit gehen sollte. Wie also finden wir in all dem Hohn zu mehr Heiterkeit? Und zu Freundschaftsdiensten? Macht man sich damit nicht zum Idioten? Das Übelste, was einem Kabarettisten passieren kann, ist für einen Humoristen gehalten zu werden.

Da ist noch was; Brecht nennt den Zweiten Weltkrieg einen „Krieg der Klassen“. Da spricht der Marxist aus ihm. Ich habe recht genau studiert, was er sich da so angelesen hat. Darauf liegt ja nun wirklich mittlerweile die Patina der Zeit. Nichts, was der Vulgärmarxismus so vorträgt, sagen wir zum Thema Kolonialismus, ist ja noch geeignet, die Welt zu erklären. Stichwort Seltene Erden in anderer Herren Länder. Es geht schon wieder los. Das ist wieder gallig, obwohl es gemütvoll sein sollte.

Meine Feder taugt nicht für‘s Freundliche. Ein galliger Ghostwriter. Ich sollte Gastwirt werden oder Gärtner.