Logbuch

Wie bei HEMPELS UNTERM SOFA.

Meine Frisörin berichtete mir, als sie noch auf hatte, dass Kundschaft ausbleibe „wegen Home Office“. Wie? Dreckig und speckig in die Telco? Ja, sagt sie, weiteres Indiz: Es würden in den Boutiquen vornehmlich Blusen gekauft, aber kaum Röcke. Weil unten rum ja egal sei bei ZOOM und TEAMS. So, so, unten rum egal. Man glaubt es nicht. Nicht nur in Mittel- und Osteuropa, wo das Haupthaar traditionell so wenig entfettet ist, dass die Frisur auch ohne Pomade hält; nein, auch im Westen verlottert der Mensch, weil in seinen eigenen vier Wänden. Wir sind ein kultiviertes Geschlecht, wenn wir ins Büro müssen; sonst eher nicht. Das hätte man vom Volk der Dichter und Denker eigentlich nicht gedacht. Ich meine, wir haben SCHILLER und die „Ode an die Freude“ hervorgebracht. Wir sind doch keine Hippies oder Penner. Tja. War BEETHOVEN ein reinlicher Mensch? Wohl kaum, wenn man Zeitzeugen glauben darf. Besucher berichten, dass auch nachmittags noch ein befüllter Nachttopf unter seinem Flügel stand. Zwischen unzähligen Notenblättern, einige weingetränkt, moderten überall Speisereste. Es war beengt in seiner Kemenate und roch streng. Zu mittags eilte der Begnadete, jedenfalls als er von Bonn nach Wien geflohen war, in die Kaffeehäuser, wo er es liebte in Gesellschaft zu speisen. Ging damals, wäre heute auch Essig, da Lockdown. Mein Gott, die Musikgeschichte müsste umgeschrieben werden, hätte man den Dreckspatz LUDWIG VAN zum Home Office gezwungen. Nicht auszudenken.

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SPRACHPOLIZEI.

Dies ist ein freies Land. Jedenfalls solange wir es verteidigen. Ich bin natürlich gegen jede Sprachpolizei. Man will mich aber zu allerlei motivieren, etwa der Überformung des grammatischen Geschlechts durch ideologische Konstrukte des „Genderns“. Nun bin ich als Linguist leider vom Fach; es geht aber um höheres. Ich soll ein Rednerpult wegen der patriarchalischen Unterdrückung der Frauen Redendenpult nennen. Mach ich nicht. Weil ich meine Studenten jetzt Studierende nennen soll, rede ich sie ganz klassisch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen an, das heißt Mitkämpfer. Im Kampf gegen die Dummheit. Im Kampf gegen Rituale, die zwanghaft einen vulgärreligiösen Kult vorschreiben wollen. Man darf nämlich als freier CHRISTENMENSCH so reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Ich bin eigentlich eher liberal; ich will, dass es alles gibt, was es gibt. Um mal einen alten Biermann-Vers zu zitieren. Und sprachwissenschaftlichen Rat nehme ich nur von jemandem an, der die Merseburger Zaubersprüche zu rezitieren weiß. Keine SPRACHPOLIZEI. Eine Ausnahme: das Plusquamperfekt. Ein AfD-Politiker aus Sachsen, wohl Malermeister, sagt autobiographisch in der Weihnachtsdebatte, seine Bürgerrechte reklamierend, vor laufenden Kameras: „Ich war auf der Schule gewesen.“ Das gehört verboten. Der notorische Gebrauch des Plusquamperfekts gehört verboten. Punkt. Ende. Aus.

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John Le Carre’ ist verstorben.

Er war ein toller Schriftsteller und großartiger Gastgeber. Ich erinnere mich gut an meine Verblüffung, als er Gäste in seinem Anwesen durch ein blendendes Deutsch zu unterhalten wusste. Leichter Akzent aus dem Schweizerischen. Er hinterlässt ein großes Werk. Allerdings bei mir auch den Verdacht, dass er nicht von allen seiner Bücher der alleinige Autor ist. Ich halte MICHAEL JÜRGS für den GHOSTWRITER zumindest eines seiner Bücher. Dieses Hamburger Flüchtlingsepos. Nichts gegen JÜRGS, der mich sehr zugeneigt beschrieben hat. Vielleicht fühlte er, der englische Skribent, sich da gerade gesundheitlich nicht so und JÜRGS hat ausgeholfen. SKAKESPEARE hat sich auch mal was schreiben lassen. Man kann nicht Bestseller nach Bestseller produzieren wie andere Brötchen. Und man wird nicht jünger. VITALISMUS. Schreiben wie Lesen ist anstrengend. Wer das älteste Stück Literatur des Abendlandes gelesen hat, eigentlich sind es zwei, der hat fast 30.000 Verse durchlitten. Eine endlose Irrfahrt und einen endlosen Krieg. Unglaubliche Grausamkeiten in nicht enden wollenden Variationen. ZORN und Rache allenthalben. Jetzt aber zur Episode: Wie haben sich die Zeitgenossen vor 3000 Jahren den Autor vorgestellt, der dieses Monsterwerk geschaffen haben soll? Als blinden Greis. Die sehr alten Menschen und die blinden hat man für wach und weitsichtig gehalten. Eine paradoxe Annahme. Ich habe gestern gelernt, dass das biologische Optimum mit 20 Lebensjahren erreicht ist; danach Degeneration. Sagt die Medizin, wenn sie Biologie ist. Wenn sie Psychologie ist oder Soziologie, sieht die Sache anders aus. Und wenn sie, gegen alle Natur, KULTUR ist? Auch gerade erst gelernt: Lebenszufriedenheit ist eine recht nachhaltige Disposition, also keine Folge von Erfahrungen, sondern eine Einstellung. Man erinnere bitte Le Carre‘ als zufriedenen Gentleman. Letzteres hätte er nicht ohne bitteren Kommentar zugelassen. Er mochte das Pompöse der Imperialen nicht.

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GIERAFFEN.

Von der Giraffe waren schon die Alten fasziniert; man hielt sie für eine anmutige Kreuzung aus Kamel und Leopard und rühmte ihre Weitsichtigkeit. Letzteres kein Wunder bei diesem Hals. Er bot ihnen auf der kargen Steppe zudem Zugang zu den Kronen der Bäume, sprich saftiges Futter, das allen anderen Paarhufern verwehrt war. Einen langen Hals machen. Hat das längste Tier auf Gottes Erdboden diesen Vorteil durch besonders eifriges Recken erlangt?

Diese Frage interessiert die Biologie, namentlich die Lehre von der Evolution. Das ist die Disziplin von Charles Darwin, der die Welt bereisend und eifrig Logbücher über Transformation führend, zu den wichtigsten Denkern der Menschheit wurde. Er kam darauf, dass die Natur außer in sich selbst keinen Sinn, keinen Zweck und kein Ziel hat; das ist bis heute nicht so recht verstanden. Es fällt vielen schwer, die Menschwerdung des Affen nicht als göttlichen Plan zu denken. Natur ist aber nur der sich zufällig bewährende Zufall.

Die Giraffe hat sich das mit dem langen Hals nicht überlegt und dann durch ehrgeiziges Recken gelernt. So wie Geige spielen oder in der Bibel lesen. Erlerntes geht ohnehin nicht in die Gene, wird also auch nicht vererbt. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Zufällige Modifikationen bei dem leopardenhaften Kamel haben nach unzähligen Generationen dazu geführt, dass die mit den längeren Hälsen mehr Nachwuchs hatten und gesünderen: survival of the fittest. Jeder in seiner Nische. Die Natur ist profan; die Steppe gebiert die Giraffe.

Das versteht das auf Idylle ausgelegte Weltbild der grünen Ersatzreligion nicht. Mit der Erkenntnis muss die selbsternannte Krone der Schöpfung erstmal zurechtkommen. Wir sind das Ergebnis von jenen Mutationen, die überlebten. Das idyllische Paradies ist ein Gegenentwurf. Wir sind aber eigentlich nur zufällig bewährte Zufälle. Na ja, vielleicht nicht ganz so zufällig, wie man meinen könnte. Arbeit war es schon. Und es brauchte Ehrgeiz. Gier-Affen halt.