Logbuch
ZUNGENBRECHER.
Ein Wettbewerber lässt sich zu einer persönlichen Beleidigung hinreißen und man fragt sich, was man falsch gemacht hat. Ein Erschrecken blitzt auf. Da scheint jemand getroffen. Warum wird er erkennbar unsportlich, um es mal so zu formulieren. Gelegenheit über Glossen nachzudenken.
Was wir hier machen, heißt im einschlägigen Boulevardblatt „Post von Wagner“ oder in der Tageszeitung „Streiflicht“. Glossen sind geschriebenes politisches Kabarett. Und stehen wie dieses in keinem guten Ruf. Meinen Kollegen Franz Josef Wagner, der sich täglich meldete, haben seine Freunde mit dem Titel „Gossen-Goethe“ belegt; man traf in den letzten Jahren je nach Tageszeit in der Charlottenburger Gastronomie. Er hatte, wenn gelöster Stimmung, seine vierzig Zeilen schon abgesetzt. Da kürzlich verstorben, also zu loben, sage ich: Und er konnte schreiben!
Beim „Streiflicht“ der Süddeutschen habe ich mir immer eingebildet, den (stets ungenannten) Autoren zu erkennen, jedenfalls wenn es Kurt Kister war. Denn der kann schreiben. Was ja nicht jedem Heino oder Heiko gegeben ist. Die 72 Zeilen „Streiflicht“ auf der Eins in der SZ haben schon oft meine Morgenstimmung gerettet. Glossen sind mit leichter Feder und erheblichem Gewicht zu schreiben. Wehe, wenn eins von beidem fehlt. Bei Journalisten verzeihlich, bei PR-Leuten („Contentprovider“) üblich, aber für wirkliche Autoren vernichtend, wenn frei von literarischer Ambition. Schriftsetzer.
Wenn die Glosse gutes politisches Kabarett, dann hat sie Un-Themen. Als Satire ist ihr zwar alles erlaubt, aber sie tritt nicht nach unten. Sie wird nicht persönlich. Ihrem Sportsgeist entspricht es, dass sie es mit den Mächtigen aufnimmt, als gäbe es kein Morgen, aber eben nur so, dass das Rigorose an ihr das Liberale in ihr ist. Das versteht nicht jeder Heino oder Heiko. Der Meinungskolumnist ist ein politischer Kopf, aber kein Hetzer; eher schon ein weltläufiger Gentleman.
Glosse kommt der Wortherkunft nach ja von Zunge. Deshalb der unerlässliche Hinweis auf Kulinarisches. Im San Giorgio in Charlottenburg gibt es neue Vorspeisen. Hauchdünn geschnittene Kalbsleber mit Speck und Birne in Salbeibutter gebraten; großartig. Oder Spinat mit Spiegelei und Trüffel. Dazu ein stabiler Sizilianer von Planeta. Mein ebenfalls verstorbenes Vorbild A A Gill hätte darüber dreihundert Zeilen gemacht; Minimum. Solches hörte ich gern von meinem Vers.
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DER KONGRESS TANZT.
Meist tanzt er gar nicht, der Kongress; er tagt nur. Ich erlebe gestern ein volles Haus und frage mich, was die Menschen zusammentreibt. Berlin ist, wie andere Hauptstädte auch, eine Metropole der Lobbyisten. Das sind Menschen, die ein Anliegen haben. Genauer gesagt sind es Menschen, die ein Anliegen davon überzeugt haben, dass es nützlich sein könnte, ihnen am Ort ein Büro mit Gehalt zu zahlen. Alle wichtig, obwohl meist nichtig. Nun aber zur Rollenverteilung im Berliner Zoo.
Da sind viele HAS-BEENs und einige WILL-BEs. Perfekt & Futur. Die ersteren waren mal was und die zweiten werden möglicherweise mal was sein. Die Ehrgeizigen buhlen um Aufmerksamkeit, weil sie als wichtig gelten möchten, obwohl sie es noch nicht sind. Die Abgelegten verschmerzen den Verlust von Amt und Würden nicht und wollen was gelten, weil sie mal was waren. Oft sind sie aus Türöffner unterwegs, eine furchtbare Niederung der Eigenverachtung.
Beide Geschlechter buhlen um jene, die gerade was sind, aber wegen der zermürbenden Mühen des Amtes keine Zeit haben, sich um jene zu kümmern, die sie gestürzt haben oder jene, die sie selbst stürzen werden. Das ist die Hefe. Der große Rest sind die A-DABEIs, ein Ausdruck bayrischer Lautung für den üblichen Beifang, auch dabei, eben.
Hofiert werden die Fotografen, die dem Rest der Menschheit vom Empfang berichten sollen. Man liest, dass der Vizekanzler hier gerade ein Budget von 600.000 € freigegeben hat; das rechtfertigt keinen Spott. Wer Gutes tut, will dabei auch gesehen werden. Ich habe als Steuerzahler ein Recht, die Show zu sehen, die man Gemeinwesen nennt. Wer nicht mehr gesehen wird, ist politisch tot. Damit sind wir bei den WALKING-DEAD, den Untoten des politischen Betriebs.
Hier spielt im Berlin unserer Tage die unrühmlichste Rolle Frau Merkel, die ihre unstillbare protestantische Eitelkeit als unwürdige Greisin vorführt. Sie soll ihre autobiografischen Rechthabereien gerade bei Victor Orban vorgestellt haben, höre ich. Zu solcher Altersprostitution sollte sich niemand verleiten lassen. Dann doch lieber HAD-BEEN, Plusquamperfekt: „war mal was gewesen“. Und für die WILL-BEs: „wird mal was gewesen sein“. Mehr ist nämlich nicht.
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ARSCHGEWEIH.
Ötzi hat 61 Tattoos. Trotzdem eine Unart. Es gehört kein Anker auf den Oberarm, kein Segelschiff auf die Brust und keine Lolita auf den Bauch. Ich erteile hiermit ein Ornament-Verbot für den Steiß.
Ein Herr, der aller Wahrscheinlichkeit nach kein Herr ist, betritt in Begleitung einer Dame ein Edelrestaurant und entledigt sich nicht seiner Kopfbedeckung, einer Kappe. Ich muss hier nicht erwähnen, dass das gar nicht geht; der Gentleman zückt den Bowler, wenn in geschlossenen Räumen. Und der sprichwörtliche Prolet, Andy Capp genannt, gehört hier eigentlich nicht hin. Zu der Dame, die sehr wahrscheinlich keine Dame war, kein Kommentar.
Dann setzt der Lude am Nachbartisch doch die Kappe ab. Wir sehen, dass der komplette Glatzkopf vom Nacken bis zur Stirn mit großflächigen Tattoos überzogen ist. Von hinten wirkt der Schädel wie die Fratze eines Monsters. Damit sind wir, urplötzlich zu Anthropologen gewandelt, bei dem Ur-Motiv der körperlichen Verunstaltung in primitiven Kulturen: Der Feind, oder auch nur das wilde Tier, soll in Angst und Schrecken versetzt werden. Dazu also Tinte unter die Haut. Wie tief kann man sinken.
Früher waren Tätowierungen Seeleuten vorenthalten, die sich die Zeit während langer Flauten vertrieben, oder Knastbrüdern, die eine Träne tätowierten oder drei magische Punkte. Solche Stigmatisierungen sehe ich auch bei Jackenjungs, vulgo Rocker genannt. Das Milieu legt sich Ornamente zu. Dann wurde daraus ein Sport, schließlich eine Seuche. Heute hat jede mittlere Mutti was Buntes am Knöchel. Frivoles für die Feigen.
Es handelt sich um „tribalism“, ein primitives Hobby der Primitiven, entweder ethnologisch oder kulturell. Ich will das nicht. Der Herr will das auch nicht; jener, von dem bei Moses die Rede ist. Der Körper ist sein Tempel. Da gibt es nix durch Draht oder Tinte zu korrigieren. Setz die Mütze wieder auf, Du Depp! Did I make myself clear?
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KEIN KÄFER.
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum.
Ich habe in Oxbridge über Franz Kafka zu sprechen, auf Englisch. Verzweifelt um eine gute Übersetzung bemüht, lese ich von einem „gigantic insect“. Das trifft leider so gar nicht, was „Ungeziefer“ meint. Auch die geschwätzige Übertragung als „some sort of monstrous insect“ trifft es nicht. Eher schon „monstrous cockroach“ oder „monstrous vermin“. Die fabelhafte Deborah Eisenberg zählt all diese Versuche verschiedener Übersetzer auf, bleibt aber auch unzufrieden.
Beginnen wir mit dem Attribut; es bezeichnet die ungeheuerliche Größe des Wesens, ein Ausmaß, vormals in Menschengestalt wie zugleich den Ursprung im Sagenhaften, der mythischen Welt. Ein Ungeheuer. Dann schlägt im Nomen die volle Brutalität der Kultur zu; das Wesen gilt es zu vernichten: schlimmer als Unkraut gilt das Ungeziefer als Bedrohung, dessen Duldung Unheil aufkommen lässt. Und das wie ein monströses Balg mitten in die Idylle der Familie. Es geht hier nicht um einen Käfer. Bei Kafka fällt niemals das Wort Käfer. Ich werde auf keinen Fall von „beetle“ reden.
Dass Kafka entgegen landläufiger Auffassung ein Mensch tiefen Humors war, zeigt die Beschreibung des aus der Metamorphose hervorgegangen Wesens, seine zu dünnen Beinchen im Widerspruch zum gepanzerten Körper, der aus dem Bett zu rutschen droht. Welche eine groteske Skurrilität aus der Feder eines Juristen im Versicherungswesen. Was zum Teufel ist im Englischen ein Beinchen? Das Ungeziefer kann für meine Begriffe jedenfalls nur als „enormous pest“ übersetzt werden; vielleicht als „monstrous pest“. Nur so bleibt ja auch die Reaktion der Untermieter verständlich, die im Angesicht des Ungeziefers sofort kündigen, für das englische Ohr verständlich.
Man kann Zeilen nur übertragen, wenn man zwischen ihnen lesen kann. Und man muss sich Kafka als glücklichen Menschen vorstellen. Er zeigt, was Entfremdung („alienation“) als tragisches Glück bedeutet. Erzähl ich so den Tommies.