Logbuch
DEN DICKEN AM DAMM.
Kleine Kulturgeschichte am Beispiel eines Ausflugslokals. Ich fahre durch das Ruhrtal zwischen Kettwig und Mülheim und entdecke eine Lokalität, die MA DAMM heißt. Wohl gemerkt mit einem Leerzeichen zwischen den beiden Wörtern. Bei Madamme hätte man an einen Rotlichtbetrieb denken mögen; das gab es im katholischen Mintard an der Ruhr aber nie. Das „Damm“ bezieht sich auf die Deiche des Flusses. Ein Wortspiel, sollte verboten werden. Hier habe ich als kleines Kind einen handfesten Krach meiner Eltern erlebt, den ich noch erinnere, obwohl beide schon lange im Himmel. Dazu später.
Das MA DAMM ist jetzt, wie ich lese, eine „Lounge“. Wer das für Englisch hält, war auf der Realschule. Eigentlich Bezeichnung einer Sitzecke wurden irgendwann mal Aufenthaltsräume so benannt, wenn den Gästen ein gewisser Komfort geboten wurde. Fluglinien hatten das für den mittleren Angestellten („Business“) oder gehobenes Publikum („First“), ausgestattet mit gratis Snacks und jenem Teil der weiblichen Belegschaft, den man „Flugomas“ nannte. Ich hatte eine Senatorkarte, kam also rein. Beide Angebote wurden im Laufe der Zeit immer karger. Inzwischen gibt es auch in der First nur noch Nüsschen und statt der koketten Purserin einen Automaten namens KI. Ryan Air everywhere. Ich erinnere mich, dass Bahnhöfe Aufenthaltsräume als öffentliche Wärmehallen hatten, wo man winters mit Bahnsteigkarte reinkam. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zum wohlbeleibten Wirt am Deich, dem Dicken am Damm, fuhr man Sonntags, um den Nachmittag bei Torte und Kaffee zu verbringen und gesehen zu werden. Wurde es gemütlich, gab es schon mal ein Piccolöchen oder Eierlikör. Mein Vater war ein sparsamer Mann und empfand den Brauch als albern; meine Mutter war anderer Meinung und wollte ausgeführt werden. Irgendwann hatte sie sich durchgesetzt und man fuhr sonntags zum Dicken am Damm in den berühmten Garten. Die Promenadenidylle sollte nicht lange währen.
Denn dann quittiert der Kellner die Bestellung von zwei Tassen Kaffee barsch mit dem Satz „Draußen nur Kännchen!“ Mein Vater erzürnt, steht auf und zwingt die Familie zum Aufbruch. Der Haussegen hing danach lange schief. Jetzt ist der Adipöse hinter‘m Deich also eine Madamm, die launscht. Ich kehre nicht ein.
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RUDEL.
Debatte mit geschätzten Freunden um Massenpsychologie. Mein Argument: Massenphänomene, zumal bei kollektivem Gebrauch berauschender Drogen, sind nicht durch PSYCHOLOGIE zu klären, wenn man dabei das Verhalten der Gruppe durch Verallgemeinerung des individuellen Seelenlebens erklären will. Auch was Sigmund Freud dazu 1921 geschrieben hat, ist unzureichend.
Freud erklärt in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ seine eigene Trieblehre, also sich selbst, aber nicht, was den Einzelnen zur Meute drängt. Warum wollen wir das? Eine tiefere Einsicht könnten man nur durch SOZIOLOGIE gewinnen. Und hier fehlt bisher ein bahnbrechendes Standardwerk. Kein OPUS MAGNUM. Ich weiß, dass das die Psychologen schmerzt, ganz besonders die Psychoanalytiker, die sich schon immer im Besitz tieferer Erkenntnis und höherer Wahrheit wähnten.
Wer hier in der Wissenschaftsgeschichte graben möchte, sollte sich von der Vorherrschaft der Psychoanalyse befreien und FREUD zurückstellen. Ich empfehle zwei andere Linien, die sich noch unversöhnlich zueinander verhalten, aber, wenn zu neuem Niveau gekommen, aus der kleinbürgerlichen Sex-Falle Freuds rausführen könnten.
Zunächst C. G. JUNG, der eine Dominanz kultureller ARCHETYPEN erahnt hat. Das tickt in uns. Dann den BEHAVIORISMUS, der empirisch auf faktisches Verhalten schaut. Was fühlen wir als Rudelwesen und wie verhalten wir uns im Rudel? Wir sind vor allem nämlich geschichtenerzählende und diese inszenierende Gemeinschaftswesen. Rudel halt. Das macht Religion so populär. Und Rädelsführer in der Meute stark. Lehrsatz: Religionssüchtige Rudel.
Sorry, heute keine Pointe. Soll nicht wieder vorkommen.
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MASSENWAHN.
Furchtbare Nachrichten aus einem Schweizer Ski-Ort, in dem eine Silvesterfeier junger Leute zu einer Feuerhölle wird; wohl auch, weil die völlig ungeeignete Architektur der Bar selbst zur Todesfalle wurde. Ich denke an die Szenen der Duisburger Love Parade, wo auch ohne Feuer die Masse sich selbst zum Verhängnis wurde. Wie furchtbar muss es sein, seine Kinder zu verlieren. Meidet die Masse!
Für viele Abenteuer des Tourismus galt schon immer der Charme der Improvisation, zumal im Skisport, der eine abgelegene Bergwelt widersinnig bevölkerte. Après Ski. Die Grand Hotels in den St. Moritz der Alpen waren ja nur die bourgeoisen Flaggschiffe einer seit dem 19. Jahrhundert modernen Massenbewegung der saisonalen Stadtflucht. Eigentlich war Tourismus immer die illusionäre Fehlnutzung bäuerlicher Idyllen zu Massenveranstaltungen. Diese kranke Disproportion hat auch Davos ausgemacht, als ich da noch verkehrte. Für die schwimmenden Stahlknäste namens Traumschiff gilt es allemal. Was treibt die Menschen zur Meute?
Wir reden über Phänomene, die wissenschaftlich weitgehend unerforscht sind; noch immer. Das Standardwerk von Gustave Le Bons zur Massenpsychologie ist keins. Entgegen seiner großen Verbreitung seit 1895 enthält es keine eigenen Erkenntnisse. Hier wurden literarische Beschreibungen von Massenphänomenen zusammengetragen, es gibt keine sozialpsychologische Methode und keine primären Erkenntnisse. Zu lesen sind Exempel der wertenden Wahrnehmung von Masse und vor allem, wenn diese unangenehm; das ist nicht das gleiche.
Lehrsatz: Ein Mob ist immer nur jene Menge von Menschen, die man nicht leiden kann, weil man sie nicht leiden kann. Wer charismatischen Bewegungen angehört, empfindet sie anders als jene, die sie als Bedrohung empfinden. Zu meinen Schülerzeiten spielte ein ebenfalls zweifelhaftes Buch des umstrittenen Psychoanalytikers Wilhelm Reich zu „Massenpsychologie des Faschismus“ eine gewisse Rolle. Stolz konnte ich damals meinem Philosophielehrer ein Exemplar besorgen, einen Raubdruck aus einem sogenannten Alternativen Buchladen Berlins. Ich muss ein Schüler eines gewissen Vorwitzes gewesen sein.
Also: Massenpsychologie ist empirisch, so wie ich es sehe, ein noch recht leeres Feld, an das mal jemand methodisch sauber ran müsste. Massenveranstaltungen sind sicherheitstechnisch immer prekär. Ohne jeden Drang zur Nachahmung sehe ich die Bilder der Silvesternacht als Phänomene des kollektiven Wahns. Es drängt mich nichts in den johlenden Mob; siehe oben. Den Opfern der Schweizer Party unser tiefes Mitgefühl.
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GRIMMIG GRÜN.
Zu Gast in besseren Kreisen erlebe ich beim Essen, also unter gesitteten Umständen, bei einem einzelnen Herrn die Kombi von „grün“ und „aggro“, die mich immer wieder überrascht. Jedenfalls in bürgerlichen Gefilden. Man hatte mir das Eingeständnis abgeluchst, dass ich einen Selbstzünder fahre; ich gebe acht Zylinder an, obwohl es nur noch sechs sind. Die Übertreibung wirkt. Der Teslat informiert mich über sein Drehmoment; er ließe mich an der Ampel stehen, werde ich belehrt. Dann geht der Agent des Fortschritts in den Modus der Agitation über.
In Berlin sei die Versorgung mit Ladesäulen so gut, dass man den weiteren Zubau schon gestoppt habe. Ich frage, wieviel es denn seien. Der grün gestimmte Herr schätzt 200.000. Das habe ich dann mal meine KI prüfen lassen. Die Stadt hat 3,4 Millionen Einwohner und 1,3 Millionen angemeldete Autos, denen 25.000 Ladepunkte zur Verfügung stehen, davon knapp 4000 öffentlich.
Diese Verknappung ist klug, da bei einer Million Elektro-PKW, die Sonntagnacht für Montagmorgen laden, das Netz zusammenbrechen würde. Aber es sei ja umgekehrt, nämlich so, dass eine Million Autobatterien am Freitagnachmittag den überflüssigen Ladestrom ins Netz abgeben, so dass wir ein ganzes Kernkraftwerk abstellen können. Eins von denen, die wir nicht mehr haben?
Man kann die Uhr danach stellen, was dann kommt. Kernenergie ist out, weltweit. Bauverzögerung in Frankreich, Kostenexplosion in England, fehlende Endlagerung in Bayern. Wenn man das zum x-ten Male ertragen hat, folgt das Eingeständnis, dass ideal die Doppelgarage in der Vorstadt oder auf dem Lande sei. Hier wohnt der Teslat. Und nicht im fünften Stock im Wedding.
Es gibt sie noch, die Inseln der grünen Hegemonie, immer in der Verschwisterung von autoritärem Belehrungswillen und tiefer Ahnungslosigkeit. Norwegen wird mir als Insel der Seeligen geschildert, weil keine Verbrenner mehr zugelassen würden. Nun kenne ich den nordischen OPEC-Staat recht gut, der von Öl & Gas lebt, aus Laufwasser preiswerten Strom macht und so dicht besiedelt ist wie die kanadische Steppe. Aber das macht am Tisch meine Fortschrittsfeindlichkeit nicht besser. Der Teslat erzählt von Fax-Geräten und Polaroid-Fotos.
Dann war noch von Fluggesellschaften die Rede, die den „carbon footprint“ so toll reduzieren, dass man praktisch noch was raus kriegt, umweltmäßig; wenn man in den Urlaub fliegt, an den Balaton. Wohin? Ins grüne Ungarn? In ein „wunderfeines Mamorhotel“ (Wolfgang Neuss)? Ich bin raus.