Logbuch

WER IST DIESER HERR K?

Bei FRANZ KAFKA gibt es den begründeten Verdacht, dass er mit seiner literarischen Figur „Herr K“ sich selbst meinte. Zumindest auch sich selbst. Er war ein scheuer Mensch, der Prager Dichter.

Anders bei BERT BRECHT. Kein scheuer Mensch, eher dreist. Seine literarische Figur namens „Herr K“ taucht bei ihm auch mit ausgeschriebenem Namen auf, nämlich als „Herr Keuner“. Aber den wird man nicht im Berliner Telefonbuch von 1928 finden. Man muss wissen, dass der junge Brecht von AUGSBURG an die Spree gezogen war. Einschließlich eines furchtbaren Dialektes. „Keuner“ heißt im Hochdeutschen „Keiner“ (nemo). Er meinte damit niemanden konkretes, also alle.

Woher ich das weiß, der ich nie mit ihm gesprochen habe? Nun, er hatte sich von einem anderen „Herrn K“ (Rudyard Kipling) den Trick abgeschaut, zu Beginn von neuen Kapiteln irgendwelche skurrilen Motti zu stellen, die er schlicht zu erfinden sich erlaubte. Kipling war da echt frech. Brecht mochte diese Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums. So gibt es in seinem Dreigroschenroman als Motto einen Vers von einem Herrn AIGIHN. Den findet aber niemand in der Weltliteratur.

Das Zitat des „Herrn Aigihn“ ist keines, sondern ein Spruch von ihm selbst, der er mit vollem Namen Bertolt Eugen Brecht hieß. Jetzt spreche man den „Eugen“ mal augsburgerisch aus! Das ist er dann in bayrischer Lautung, der Eugen als Herr AIGIHN. Ha!

Kipling machte lauter solche Sachen. Lax in Fragen des geistigen Eigentums. Eben ein HERR K. Vor denen sei ausdrücklich gewarnt.

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WIEDERHOLUNGSZWANG.

Sehe im Staatsarchiv unter strenger Aufsicht Handakten von Max Brod durch. Mit weißen Handschuhen, sehr behutsam. Dabei eine erschütternde Erkenntnis zur Mentalität seines Freundes Franz K., der über einen „Herrn K“ schrieb, vielleicht also über sich selbst.

Der Mann litt unter einem massiven WIEDERHOLUNGSZWANG. Ein und dasselbe Stück in vier, fünf Varianten, mit nur sehr geringfügigen Abweichungen. Selbst Tagebucheintragungen zu einem Urlaub am Gardasee zigmal wiederholt. Zögern, zaudern, zweifeln. Ein Alptraum für Verleger.

Etwa die Frage, warum Karl Rossmann in DER VERSCHOLLENE nicht nach seinem Koffer schaut. Zermürbende Ungewissheit in zermürbenden Wiederholungen, immer wieder neu gewendet. „Kerl, kümmere Dich um Dein Gepäck!“ möchte man als Leser brüllen. Aber Karl zermartert sich wie Herr K sich zermartert hat, vielleicht sogar der Franz K. Der Mann hat es nicht leicht mit sich gehabt. Wenn es noch um etwas gegangen wäre… Immer zappelt seine Seele.

Natürlich fehlte ihm eine regelrechte stramme Affäre mit einer bodenständigen Frau, dem ständig sehnend Verliebten. Oder mehrere. Vielleicht hätte in einem solchen Harem jener irdische Segen gelegen, den er so vermissen musste. Das Tinteklecksen ersetzt nicht das Über-die-Stränge-schlagen. Und er kleckste viel. Die Handschrift immer fahriger, von Entwurf zu Entwurf. Ich leide beim Lesen des Geschreibsels.

Gardasee war ja ein Anfang; wäre er nur weitergereist. Mal eine große Tour! Venedig, Capri. Zu Zeiten der Italienreise Goethes, seiner GRAND TOUR, galt Venedig als das größte Bordell Europas. Von wegen blühende Zitronen, handfeste Exzesse. So war er, der Wolfgang aus Weimar. Ach, Franz.

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DER VERSCHOLLENE.

Ein Sachbearbeiter der Versicherungsgesellschaft zu Prag steht eines Abends vom Abendbrottisch auf, wortlos seine Frau und die Kinder zurücklassend, wirft sich den Mantel über den Arm, und ist zwanzig Jahre verschwunden, ohne jedes Lebenszeichen. Als er wiederkehrt, der Schlüssel passt noch, setzt er sich an den Tisch, seine Frau legt noch ein Gedeck auf, und man isst wortlos zu Abend. Auch die zwischenzeitlich herangewachsenen Kinder fragen nichts. Man geht zu Bett.

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KEIN THEMA.

Gestern saß ich in der Kantine neben dem Knäckebrot und bekam so mit, worauf seine Tischgesellschaft abfuhr. Nein, es gibt keine Fotos, weil man in der Kantine nicht fotografiert. Ja, es handelt sich bei der Kurzbezeichnung um ein Restaurant am Gendarmenmarkt. Ja, mit dem schwedischen Spitznamen ist der Chef eines Automobilbauers gemeint. Nein, ich habe hier kein Insiderwissen zu verbreiten.

Ich saß dort mit einem Chefredakteur; das allein verpflichtet schon zur Diskretion. Wir teilten die „Plat de Jour“, er hat gezahlt. Was soll all die Geheimnistuerei in einem Milieu, in dem Indiskretion eigentlich Ehrensache ist? Nun, ich will ein Lob wiederholen, dass eben jener Journalist mir gestern machte. Er hob hervor, dass im LOGBUCH niemals von meinen Geschäften die Rede sei. Wie wahr. Ich bin kein INFLUENZER, der Werbung treibt. Unter Publizisten gilt Werbung als Schmuddelkram. Das überlassen wir den Marketing-Möpsen. Oder der Generation Z, den Business-Talahoons.

Gestern höre ich, dass ein Berufskollege seine Memoiren verfasst haben soll und dann, so das Gerücht, seinem alten Laden fünfhundert Seiten zur Freigabe vorgelegt; nichts Aufrührerisches, nur eine brave Erlebniserzählung. Wenn man so was eine bestimmte Art von Juristen fragt, weiß ich vorher, was diese Paragrafenknechte antworten. Das ist wie Tausend-und-eine-Nacht: Niemand von den Turbanträgern möchte etwas lesen, dass ihn als Haremswächter vor dem Sultan in Nöte bringen könnte. Deshalb unterlasse man es von vorneherein; es schweige des Sängers Höflichkeit. Es gilt für uns alle das Motto „Ana thema est!“ Zu deutsch: „Ist kein Thema.“ Wir meiden Fakten wie Motten das Licht.

Tagebücher berichten daher nie die ganze Wahrheit, wenn dann nur die Hälfte, man weiß aber nicht, welche; wenn die Autobiografien überhaupt einen Anspruch erheben, so ist Erfreulicheres gemeint. Man will durch Dichtung erfreuen und belehren. Fest dem Fiktionalen verpflichtet: „Delectare et prodesse!“ Das erlaubt Aristoteles. So heißt der weißbeschürzte Kellner in der Kantine, ein Grieche aus Griechenland, wo es gestern Bratfisch mit Kartoffelsalat und kleinem Salat gab. Ein Glas Riesling von Dr. Wolff & Bürklin. Das muss jetzt aber für den Faktencheck zum Geheimtreffen reichen.