Logbuch
HERRENWITZ.
Welch ein spießiger Euphemismus für eine sexistische Zote. Aber das war nicht der Punkt. Überhaupt eine enge Sicht der Dinge in der Debatte um die Schmähung eines politischen Opfers durch den Täter. Es geht im Fall Lindner um politische Kultur, nicht um „gender“, wie einige, insbesondere weibliche Stimmen auf Twitter meinen. Das ist etwas kurz gesprungen. Allgemein gesagt: eine Diskriminierung ist nicht nur für den Diskriminierten falsch, sondern auch für den Diskriminierenden. Mangelnder Respekt spricht gegen den Respektlosen. Das ist das Argument. Das Tadeln des Opfers ehrt den Täter nicht, im Gegenteil: Die Schmähung ächtet den Schmähenden. Machtmissbrauch.
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Ursache und Wirkung.
Der Buby Lindner hat einen sexistischen „Witz“ über die respektable, weil scheidende Generalsekretärin gemacht. Das zeigt seinen miesen Charakter. Jetzt sagt er, war nur eine Ungeschicklichkeit. Das ist nicht der Punkt. Sein Ruf ist so, dass man sofort glauben wollte, dass er gemeint hat, was er sagte. Dead Man Walking. Das wird auch das Männlein aus Mainz, Herr Wirsing mit der Ampel-Ambition, nicht retten. Ich war bereit, den Brüderle-Spruch zu der Oberweite der Reporterin zu verzeihen, weil man nicht morgens um zwei in einer Hotelbar „recherchiert“, wie sie sagte. Einem Angetrunkenen stellt man keine Falle. Das mit Frau Teuteburg mag ich nicht so recht verzeihen; erstens fand ich die politisch stets plausibel, zweitens ehrt man in der Politik seine Opfer, man lässt sich nicht in der grinsenden Häme des Siegers posierend auf Zoten ein. Unreif, dieser Lindner, ein Schülersprecher.
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In Berlin ist es Mode, Dinge, die man entsorgen müsste, weil nicht mehr gebraucht, auf die Straße zu stellen und mit einem gönnerhaften Hinweis zu versehen. „Zu verschenken“ steht dann auf dem lästigen Zeugs, das in den Müll zu packen den Edlen zu aufwendig schien. Welch eine Überheblichkeit. Doppelmoral jener, die sich zu fein sind, sich wirklich um Alltäglichkeit zu kümmern. Das Trottoir vermüllt, aber dem Kapitalismus ein Schnippchen geschlagen. „Asozial!“ ruft die Nachbarin. Grün halt.
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CATO DER ÄLTERE.
Was wird eines Tages wohl über uns in den Geschichtsbüchern stehen? Ich meine nicht Sie und mich, die kleinen Leute, sondern über die Großen der Geschichte unserer Zeit? Der Gedanke kommt mir, als ich lese, wie die Historiker damit kämpfen, warum der Erste Weltkrieg ausbrach. Natürlich liegt das Standardwerk „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark auf meinem Stapel des Noch-zu-Ende-zu-Lesenden. Clark ist ein erstaunliches Beispiel für einen Geschichtsschreiber, ein Australier, der in Cambridge lehrt und ein blendendes Deutsch spricht. Er hat noch immer seine Bude in Dahlem; dort treffe ich ihn gelegentlich im Kaffeehaus. Wir plaudern.
Kanzler Helmut Kohl hat sehr gekümmert, was das Rauschen des Mantels der Geschichte wohl über ihn sagte. Damals gab es eine Bundesregierung aus Schwarz-Gelb; der gelbe Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann machte öffentlich darüber Witze (über den „Mantel der Geschichte“ in Kohlscher Lautung). Er musste sich im Kabinett später dafür entschuldigen. Aber auch das Heroische Kohls verblich. Am Ende war er so groß wie Olaf Scholz heute klein.
Die Geschichtsbücher werden berichten, wie das Großmachtstreben der Großmächte zu unserer Zeit keine heimliche Ambition mehr war, sondern zur prahlerischen Großkotzigkeit wurde. Es wird von spätrömischer Dekadenz die Rede sein, da bin ich mir sicher, obwohl das Wort von einem anderen hohlen FDP-Politiker stammt. Das ist mir alles zu vordergründig. Ich folge einem Tipp von Christopher Clark und verlagere mein Interesse von 1914 auf 1848. Das ist der „Frühling der Revolution“ (so der Titel seines Wälzers mit tausend Seiten). Im Europa des Jahres 1848 begann der Kampf um eine neue Welt. Er scheint heute verloren.
Das Wehklagen über die spätrömische Dekadenz stammt freilich nicht von dem FDP-Granden Guido Westerwelle, der das Schlagwort nur zitierte; es entstammt einem anderen Historikerstreit. Hier ging es um das Ende des (reichlich glorifizierten) Römischen Reichs und die folgende Blüte des Byzantinischen, sprich der Expansion des Islam. Auch hieran kann man allerlei Unsinn anschließen, dem ich nicht das Wort reden werde.
Mein Weltgefühl in diesen Zeiten der profanen Großmäuligkeit ist das des späten Brecht in der trügerischen Idylle des brandenburgischen Buckow: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“ Das schrieb Brecht anlässlich meiner Geburt. Na ja, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. Ich lese es aber als Mahnung, die er mir mit auf meinen Weg gegeben hat. Folglich bin ich der Meinung, Karthago sollte nicht zerstört werden.