Logbuch

OHNE WORTE.

Deutschland war wie HAMLET, sagt ein kluger Journalist. Jetzt sei es KAFKA. Der Rest ist Schweigen ... Der Schlaumeier meint: Erst grüblerisch, zögerlich, dann tragisch, ohne jede Hoffnung. Das ist als Diagnose richtig und falsch zugleich.

Wem die Bilder ausgehen, der greift in die Kostümkiste der Weltliteratur. Hamlets Geister. Was der brave Shakespeare zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht hat, muss herhalten. Und der noch bravere Prager Versicherungsangestellte Franz Kafka, der so nah am Trübsinn gebaut hatte. In den Dauerschleifen mit den Epidemiologen gehen den Medien erst die Bilder, dann der Sinn aus. Weil es ja alle zwanzig Minuten ein neuer sein muss.

Und das Publikum folgt offensichtlich den literarischen Vorbildern. Einige Zeitgenossen ein wenig irre wie Hamlet, andere am Rande der Depression wie Franz K. Es fehlt, schon im zweiten Jahr in Folge, den Ostertagen die Auferstehung von den Toten, sprich die Erlösung; eher ist Karfreitag auf Dauer gestellt. Lanz ohne Ende. 

Aber das geht ja so nicht weiter. Ich will etwas zur Erheiterung beitragen. Also: Wo hat Hamlet, der dänische Prinz im elisabethanischen London, wo hat dieser mythische Held des Nordens, dessen Wirken dann Dänemark dem norwegischen Thron zuschlägt, wo hat er, der ganz Schlaue, studiert? An welche Uni will er zurückkehren? Bei Shakespeare wortwörtlich im originalen Drama, in Globe Theatre dem englischen Publikum vorgetragenen? Wittenberg. In Sachsen-Anhalt. Ja, Lutherstadt Wittenberg im Elbebruch. Galt um 1600 akademisch als erste Adresse. Wenn das nicht komisch ist, dann weiß ich es nicht.

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EIN GUTER ABGANG.

Wie wird MERKEL gehen? Ein guter Abgang ziert ja die Übung; soll Turnvater Jahn gesagt haben. Wird sie wie KOHL vom Hof gejagt? Oder in Würde und mit Ehre entlassen? Der richtige Zeitpunkt dafür ist vielleicht schon verpasst.

Mir träumte letzte Nacht, dass Angela Merkel träumte. Sie traf, in ihrem Traum, die englische Königin Elisabeth II mit deren designierten Nachfolger Charles in einem Park beim Osterspaziergang. Charles, in den Siebzigern, stützte seine amtierende Frau Mutter, in den Neunzigern; sein Vater war nicht mitgekommen, ein Hunderter; ihm ist gerade nicht so. Man sprach über das Verpassen günstiger Gelegenheiten. Die Windsors können ja so gut deutsch wie Merkel englisch kann. Charles fragte halblaut Angela, wie sie das damals mit Helmut Kohl gemacht habe. Angela überlegte und blickte dabei auf ihre Hände; die waren vom Tyrannenmord noch immer blutig. Nur ein Traum.

Stichwort Generationswechsel. Viele Unternehmungen kennen das Problem, dass die Gründergeneration sich für unersetzlich hält und einfach nicht loslassen kann. Das wird dann immer krampfiger. Dabei sollte man früher wechseln als früher. Die Änderungsgeschwindigkeit nimmt bei vielen Themen dramatisch zu; man wird immer schneller zu alt. Das meint man akademisch mit „Innovationsakzeleration.“ Schon deshalb sollte das Rentenalter herabgesetzt werden. Rechtzeitig aufhören zu können, das Ruder frühzeitiger abgeben, das sollte die Tugend der Senioren sein. „Gib Zeichen, wir weichen.“

Wer sagt es Mutti, dass es Zeit ist? Dass sie aufhören kann, sich selbst krampfhaft klonen zu wollen. Niemand will Angela II.

Wer sagt ihr, dass wir sie leid sind?

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SEIN WORT MACHEN KÖNNEN.

Das Staatsoberhaupt , der Herr Bundespräsident, ist als Redner keine glückliche Fügung. Er trägt mäßige Texte notorisch schlecht vor. Er verkörpert jene BRÄSIGKEIT, mit der diese Republik in die Geschichte eingehen wird.

Wem es im Alten Rom an Rhetorik fehlte, der war politisch aufgeschmissen. Man erwartete von den Köpfen des Kapitols, dass sie ihr Wort zu machen wussten. Was heute ein LEERER ANZUG, mag damals eine leere Toga gewesen sein, jedenfalls hatte der BRÄSIGE keine Autorität. Dagegen half auch das Salbadern nicht.

Der berühmte Redner Cato der Ältere, ein harter Hund, pflegte sich von den eitlen Schwätzern seiner Zeit abzugrenzen (er nannte sie abwertend „dichtende Griechen“), indem er so tat, als übe er sich gar nicht in der Redekunst. Cato sagte: „Ergreife die Sache. Und die Worte werden folgen.“ Aber auch das war natürlich ein rhetorischer Trick. Er ergriff die Worte, damit ihm die Sache folge.

Und der bräsige Steinmeier? Gemeinplatz reiht sich an Gemeinplatz. Seine Rede beginnt schlapp und lässt dann, sich dahinschleppend, allmählich nach. Wo ist Angriff, Steigerung, Spannung, Biss, Esprit? Eine lauwarme Melange des Gutgemeinten zerläuft wie Tran. 

Zuhörend leide ich. Das BRÄSIGE hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Es fehlen mir, seinem Zuhörer, schließlich die Worte. Und ihm, dem Redner, wohl die Sache.

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DIE LEICHTIGKEIT DES SEINS.

Wer die Position des Schiffs ins Logbuch einträgt und die Gewalt der Stürme vermerkt wie die Ödnis der Flaute, der kümmert sich wenig darum, wie all das auf einen Leser wirken mag. Chronistenpflicht. Es stehen inzwischen fast zweitausend solcher Glossen hier, die Tintenkleckserei etlicher Jahre; in letzter Zeit allerdings oft über politische Themen. Politisch Lied, garstig Lied. Zeit für Erfreulicheres.

Reden wir über die Freuden eines bescheidenen Stammlokals, das zum zweiten Wohnzimmer taugt; ein Familienbetrieb, nun in Hand des Sohnes des Migranten aus dem Italienischen, der den Laden einst gründete. Domenico, der Vater, der kurz vorbeischaut, erzählt mir, dass seine Familie auch in Italien zugewandert war und er deshalb dort den Spitznamen El Greco trug. Und der Duce habe seiner Großmutter mal die Hand geküsst. Aber wir politisieren nicht. Weil wir beide von niemandem Heil erwarten. Aber das ist, siehe oben, eine andere Geschichte.

Am frühen Nachmittag hatte sich Fabrizio, sein Sohn, auf meinem Handy gemeldet. Er sei gerade auf dem Großmarkt und habe ein besonders prächtiges Exemplar von Wolfsbarsch vor sich; ob wir heute Abend Lust auf Fisch hätten. Gute Idee! Als ich den Loup de Mer dann im Lokal sehe, bin ich begeistert. Das Luder ist von Armeslänge. Ein Zettelchen weist ihn als Anglerbeute aus. Kein Horror der Fischfarmen, in denen der Norweger an Lachse asiatisches Fischmehl verfüttert, angereichert mit Antibiotischem. Fischmüll. Ein stolzer Räuber des Mittelmeers zeigt mir seine Zähne.

Zubereitung denkbar einfach: unter einer dicken Salzkruste in den Pizzaofen, dann am Tisch aus dem Salz gebrochen und vorsichtig filetiert. Das Fleisch ist zart wie Eischnee, aber doch fest und von wunderbarem Geschmack. Ein Tropfen Öl, etwas Zitrone und frisch gestoßener schwarzer Pfeffer. Dazu einen großen Weißen aus Sizilien. Habe ich erzählt, dass die körperreichen sizilianischen Weine über Jahrhunderte heimlich die französische Plörre aufmotzten, für die dann ein Vermögen gegeben wurde?

Was mir an dem kleinen Restaurant gefällt: Es ist unscheinbar. Ich werde nicht das Lied darauf singen, was hier an Prominenz verkehrt. So was lockt nur Touristen. Ich werde nicht mal den Namen verraten. So hoffe ich der Stammgast mit dem Stammessen zu bleiben, ein alter weißer Mann unter vielen. Und ab und zu ein Wolfsbarsch. Auch zu empfehlen, die gerösteten Kalbsnierchen. Oder das Selleriecarpaccio; wegen vegan. Ahoy.