Logbuch
GERTRUDE THE GROUPIE.
Es gibt sie noch, die weißen Ritter, die die Ehre retten. Und das soll dann auch jeder wissen. Insbesondere Günther, der Reporter. Dabei hilft der Original Themen Service, kurz ots. Wieder was gelernt.
In früher Jugend hörte ich amerikanischen Underground, eine Pop Music der Subkultur; insbesondere die „Mothers of Invention“ des Frank Zappa sind mir in Erinnerung. Ich konnte die Texte auswendig. Sie hatten einen besonderen Exotismus. Und dort gab es eine offensichtlich deutschstämmige Begleiterin der Rockbands namens Gertrude the Groupie. Das fand wir damals komisch.
Die Band namens Rammstein kenne ich nicht, obwohl mir in Berlin ein Handwerker erzählt, er habe für deren Sänger mal gearbeitet. Alles, was ich von Rammstein höre und über die Herrschaften, langweilt mich. Selbst jene Provokationen, die den Osten der Stadt scheinbar anmachen, sind mir zu banal, um darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Handwerker, von dem ich sprach, ist ein anständiger Kerl und macht gute Arbeit. So was ist wichtig. Nicht die Peniskanone von Herrn Lindemann.
Die degoutante Band soll After-Show-Parties veranstaltet haben, auf denen junge Frauen gegen ihren Willen unter Droge gesetzt worden sein sollen und in der Folge angeblich bedrängt oder gar vergewaltigt. Das ist die schwerwiegende Verleumdung, gegen die sich der entsprechende Vortragskünstler nun mittels des berühmten Rechtsanwalts Christian Schertz vom Kuhdamm wehrt. Doktor der Rechte und Honorarprofessor in Dresden, wenn ich das richtig weiß. Promi-Anwalt. Ich war mal sein Gast.
Ich unterstütze seinen Kampf gegen den Missbrauch der sogenannten Verdachtsberichterstattung, das ist die öffentliche Vorverurteilung von Medienopfern und Objekten des Volkszorns. Ich verwahre mich auch gegen die Viktimisierung von Frauen, zumal wenn den Opfern von Gewalt auch noch eine Mitschuld unterstellt wird, was eine wirkliche Ungeheuerlichkeit ist. Ich kenne aber auch Fälle, in denen ich Zweifel an der Geschichte von Gertrud hatte. Was also ist mein Punkt?
Die Kanzlei Schertz verschickt ihre Pressemitteilung zur Mandatsübernahme im Fall Rammstein mittels „ots“. Warum das riecht, wissen nur Insider der PR. Das ist ein kommerzieller Verbreiter von Presse-Infos, der zur dpa gehört, und es bis in jedes Postfach der Republik schafft. Ein guter Laden; wir sind da auch Kunde. Der Zweck der Übung? Nicht nur Eigen-PR der Kanzlei. Gertrud soll vorsichtig sein, mit dem, was sie der Presse sagt. Und Günther, wenn er über Gertruds Geschichte schreibt.
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A LA CORDON BLUE.
Wahrer Luxus liegt in der Veredlung einfacher Dinge. Austern kann jeder Koch-Pinsel oder ein Rinderfilet. Mach mir mal ein gefülltes Schnitzel zu Gemüse!
Ludwig der Fünfzehnte von Frankreich, genannt der VIELGELIEBTE, ist der Nachwelt, wie so viele große Männer, durch seine Mätressen erinnerlich, einige gar namentlich wie etwa die POMPADOUR. Und wegen seiner Gelage, die das höchste Niveau der französischen und österreichischen Kochkunst bemühten. Und wegen seiner Geheimbündelei, insbesondere im „Orden des Heiligen Geistes“, dem Wunder Pfingstens verpflichtet; ein unter strenger Observanz stehender Orden von genau hundert Mitgliedern. Hundert, nicht 101.
Aber er machte eine solche Ausnahme, der VIELGELIEBTE, nämlich für seine Mätresse Marie-Jeanne Becu, genannt Madame du Barry, eine Lothringische Lebedame des ganz raffinierten Typs. Achtung, jetzt kommt es: Deren Köchin machte er zur Comptesse im Orden, kein Scheiss. Als 101. Sie trug daher ein blaues Schulerband, das Erkennungszeichen des Ordens. Seitdem gilt das CORDON BLUE unter Gourmets als Ausweis der Spitzengastronomie. Die Köchin seiner Geliebten, nicht schlecht, oder?
In der TRAUBE (Vallendar) hatten sie gestern das „Schnitzel Cordon Bleu“ auf der Karte, sehr zu empfehlen. Kalbsrücken im Flügelschnitt, Schweizer Käse, Kochschinken, paniert, scharf gebraten. Dazu ein knackiges Möhrengemüse und die feine Salzkartoffel, auf die man sich hier besonders versteht. Einfache Gerichte der Hausmannskost hochwertig nachgekocht, ein echtes Vergnügen.
Kindheitserinnerungen. Meine Frau Mutter konnte nicht kochen, was meinen Herrn Vater in Lokalen zum allgemeinen Entsetzen so Ungeheuerlichkeiten wie „Putenschnitzel Tropicana“ bestellen lies; Pute mit Früchten. Er mochte das, auch als sie schon von ihm gegangen war, worunter er sehr litt.
Ein blaues Band für die Köchin der Geliebten. Mir leuchtet das Kalkül der Madame Dubarry und Ihres VIELGELIEBTEN ein: Liebe geht durch den Magen. Sich zu füttern, das ist der Archetyp des Vertrauens.
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NUHR EIN NARZISST.
Gestern Abend auf einer Veranstaltung der Brost-Stiftung auf der Kohlewäsche von Zollverein eine Diskussion mit Verfassungsrichter Peter Müller (Saar) und dem Kabarettisten Dieter Nuhr (ARD).
Bemerkenswert: wirklich kompetente Gesprächsführung durch Ulrike Demmer. Es ging um den angeblichen Niedergang der Meinungsfreiheit, den das Internet befördere; als sei die Spanische Inquisition liberal gewesen und Habermas Gossenstandard. Aber gut, der Herren sind larmoyant und beklagen Dekadenz.
Dann räumt Dieter Nuhr ein, er sei nicht der Messias. Das irritiert mich und im Nachgespräch wohl auch einen hochrangigen Evangelen, den ich als Ethik-Experten kenne. Solche unaufgeforderten Dementis haben versteckt ein entlarvendes Moment. Ich beobachte bei Nuhr ein Künstlersyndrom, den Narzissmus. Das scheint bei seinen kunstgewerblichen Versuchen auf (der Mann malt). Und bei seinem Anspruch an die Rolle des politischen Kabarettisten.
Der Satiriker nimmt für sich in Anspruch, anderen Leuten nach Strich und Faden die Leviten zu lesen. Er gießt Spott aus, gelegentlich macht ihn die Empörung über die "Idiotie" (Nuhr) des Publikums zum Zyniker. Alles gut und alles richtig. Warum aber will der Mann dafür geliebt werden? Am Ende auch noch von den so Abgewatschten?
Peter Müller, ein liberal gesinnter Konservativer, der nicht reaktionär ist, ist aus dem gleichen Holz. Er ist gelernter Populist. Der darf geliebt werden wollen. Ob das dann zum Verfassungsrichter befähigt, das mögen die Götter beantworten. Beide Kombattanten aber entschieden im Urteil und schwach in der Begründung. Zeitgeistdiagnosen, leider ohne empirische Tiefe und mit geringem Geschichtsbewusstsein.
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WIE OFT SOLL MANN?
Der Unterschied von Weihnachten und Sex in der Ehe liege darin, scherzt gestern auf einem Empfang der Deutschen Gesellschaft für Vögelkunde neben mir eine Ornithologin, dass Weihnachten öfter sei. Ich überhöre den Übermut von Frau Professor; er scheint mir dem Prosecco geschuldet.
Dem großen und groben Martin Luther wird das Wort zugeschrieben: „In der Woche zwier / Ist der Weiber Gebühr.“ Danach steht dem ehelichen Verkehr eine gewisse Frequenz zu. Dieser deftige Vergleich gibt uns Gelegenheit darüber nachzudenken, wie oft sich eine gewichtige Stimme in der Öffentlichkeit zu äußern habe, um überhaupt als Stimme und danach als gewichtig zu gelten.
Unter Wissenschaftlern gilt nämlich der verhängnisvolle Satz „publish or perish“, zu gutem lutherischen Deutsch meint das, wer nicht publiziert, soll sich verpissen. In der Tat wird der Rang eines Akademikers daran gemessen, wie lang seine Literaturliste ist. So galt früher „langes Leben, lange Liste“; was aber die Strebsamen nicht beruhigen konnte; schließlich wollten sie mittels der Zitierhäufigkeit schon zu Lebzeiten auf einen Lehrstuhl. Also schrieb man sich die Finger wund.
Hektisch erscheinende Publikationsorte waren im Akademischen die „Vierteljahresschriften“, die es auf ein quartalsweises Erscheinen brachten; wohlgemerkt in der Gutenberg-Galaxie. Wie alles hat das Internet auch dies verändert. Wer heute Einfluss wünscht, äußert sich täglich. Das betrifft nicht nur im Bodensatz der elementaren Soziokultur die sogenannten „Influenzer“ (welch ein Namen), sondern auch in einiger Höhe kulturelle Stimmen. Man führt Debatte permanent, buchstäblich Tag und Nacht.
Ich sehe gestandene Politiker meines Vaterlandes auf der chinesischen Plattform namens TikTok mit täglich neuen Beiträgen, als angestrengt produzierte kleine Filmbeiträge unter erheblichem Originalitätsdrang. Junge Frauen lassen sich zu einem geradezu koketten Stil verleiten, was man professionell nicht geraten hätte. Die Publikationsorte sind Schlachtfelder. Nun versucht gerade ein amerikanisches Verfassungsgericht den Konkurrenten von X (vormals Twitter) zu verbieten, weil in Händen einer feindlichen Macht („Tschei Nah“). Man liest bei TikTok von einer Reichweite in den USA, die kaum zu glauben ist: 170 Millionen. Elon Musk soll es kaufen, der als Person 211 Millionen Abonnenten hat.
Ich bemühe noch mal den Vergleich aus dem Mittelalterlichen. Das ist gegenüber der Muße des kopierenden Mönchs, der den Aristoteles noch mal brav in aller Ruhe abschreibt, eine sehr viel größere Reichweite und eine sehr viel höhere Frequenz. Was die gemächlichen Tintenkleckser und ihre akademischen Apologeten dazu führt, die sogenannten Online-Kommunikation nicht ernst zu nehmen. Statt Luther zitieren sie lieber Erich Fried: „Eines Tages, sagen die Impotenten, werden wir den Geschlechtsverkehr widerlegen.“