Logbuch

TELL IT ALL.

Die tragische Lady Di wurde zu Tode gehetzt, von der üblen Boulevardpresse wie von der ehrwürdigen BBC. MEDIA KILLS. Die Journalisten fälschten Dokumente, um ihren Bruder zu verführen, seine Schwester unter falschen Annahmen zu einem Interview zu verleiten, in dem sie sich als Gehörnte offenbarte, womit ihre Ehe zerbrach und die geliebte Familie. Das Versprechen war: „Tell ist all!“ Ein Befreiungsschlag durch Selbstoffenbarung. Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
Ein Promi zu sein, das kann heißen, Freiwild für jede Spekulation, jede Niedertracht. Zurecht schützen sich die VIPs durch Medienanwälte gegen den Wildwuchs geifernder Medien. Zwei Regeln sind hier wesentlich. Das Königshaus selbst: NEVER COMPLAIN, NEVER EXPLAIN. Man kann die Niedertracht nicht durch Naivität entwaffnen. Das nimmt man mit innerer Verachtung hin.
Zweite Regel: DON ´T ASK, DON ´T TELL. Ich frage nichts und ich erzähle nichts. Man erhält seine Privatheit nicht, indem man sie weggibt. All das widerspricht dem allgegenwärtigen Kult der Selbstoffenbarung, dem Identitätstheater, nach dem ein sensationslüsternes Publikum lechzt. Gut so. Helden suchen leidend nicht die Bühne. Wehmut im Herzen, allenfalls. Und Verachtung.

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REPRÄSENTATIV.

Im Himmel ist Jahrmarkt. Alle Kandidatinnen und Kandidaten für die Bundestagswahl sind wirklich repräsentativ, jede und jede für ihre jeweilige Partei. Wir haben eine Parteiendemokratie. Und diese Parteien haben diesmal sehr gut ausgewählt. Selten passten die Gesichter so gut zu den Läden, die sie entsenden. Repräsentativ eben. Eigentlich müssten wir hoch zufrieden sein.
Frau Bär-Bock steht für ein Greta-Regime mit menschlichem Antlitz. Der katholische Armin Lass Ett verkörpert der Rheinischen Kapitalismus sogar im Tonfall. Die SPD hat im Scholzomaten eine notorisch gut gelaunte Sprechpuppe, sehr verlässlich. Die Linkspartei bietet einen kultivierten Herrn aus der DDR. Die Liberalen haben sich sogar inhaltlich festgelegt; sie werden keiner Regierung beitreten, die die Steuern erhöht. Also wird Herrn Lindlein wieder keiner Regierung beitreten. Überhaupt hat man den Eindruck, dass diese Herrschaften schon bei der letzten Regierungsbildung rauchend auf einem Balkon zusammenstanden.
Die Parteien wirken an der Willensbildung mit, sagt das Grundgesetz. Dabei haben sie diesmal wirklich Repräsentanten ihrer selbst gefunden. Kirmes im politischen Himmel. Warum ist er, der Souverän, nicht besser gelaunt? Was denn noch?

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VENEDIG.

Venedig sei, schreibt eine deutsche Journalistin, die wunderbare Petra R., die dort lebt, eine METAPHER für die Welt. Das ist, typisch für das ITALIENISCHE in unseren Seelen, ein wenig übertrieben. Die Lagunenstadt ist ein SYMBOL für die STADT. In der Tat ist die fundamentalste Erfindung der MODERNE die Stadt. Wie alle guten Dinge in ihrer Enge aus der Not geboren, erwies sie sich als INKUBATOR, als Brutschrank des Fortschritts. Die Stadt entsteht durch die Stadtmauer, das Einschließende, das ein Ausschließendes ist. Wehrhaft gegen der Rest der Welt. Wär mir gerade sehr recht.
Ich bin kein Historiker; würde ich es noch, würde ich über die MITTELALTERLICHE STADT forschen. Die Herren Venedigs haben aus dem von der Natur geschützten Hafen die Welt beherrscht, ihre damalige Welt. Ein idyllischer Rückzugsort, dessen Idylle Schutz war, vor den Piraten oder anderen ehrbaren Kaufleuten. Was die BURGEN dem Adel, waren die bewährten Städte den Bürgern. Keine Renaissance ohne Städte, keine Bank.
Die Dogen Venedigs erzwangen zudem, dass Schiffe aus China vorsorglich 40 Tage auf Reede mussten, bevor man die Weitgereisten hinein lies. QUARANTÄNE genannt. Gute Idee. Kommt mir modern vor.

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MASSENMEDIEN.

„Zum Regieren brauche ich nur Bild, BamS und Glotze!“ Der Satz ist gerade mal 15 Jahre alt und stammt von dem politischen Genie Gerd Schröder (den ich nach wie vor schätze). Man muss aber schon nach anderthalb Jahrzehnten erklären, worauf er sich bezog. Zwei Boulevardblätter aus dem Hause Springer und das öffentlich-rechtliche Fernsehen; beide damals noch in voller Pracht und Macht. Schröders proletarischer Affront galt den „Pinseln“ bei den gehobenen Blättern aus Frankfurt und München, auch dem SPIEGEL, der lange bevor er Hamburg berühmt machte, aus Hannover, Schröders Hood, kam.

Der Bonapartist Schröder hatte recht. Die Wissenschaft war damals indigniert, so wie sie heute fassungslos vor dem Erfolg von X und TikTok steht. Die Wissenschaft von den Medien versteht nicht, was heute Massenmedien sind. Es gibt das profanere Unverständnis an den Fachhochschulen und das gehobene von den Universitäten, namentlich aus Tübingen. Aber ich selbst bin emeritiert und habe keine Kollegenschelte mehr zu bieten. Das Fach liegt in den Händen einer neuen Generation. Und das ist gut so.

Als Zeitgenosse sehe ich aber doch, dass Auflage und Reichweite von Medien in einer neuen Dimension gelandet sind. Die BamS (BILD am Sonntag) verkauft knapp 500.000 Exemplare; das ist doppelt so viel wie die FAZ. Das wiederum ist ein Tausendstel der Follower von Elon Musk auf seinem persönlichen Account bei X, Faktor 1000, der wiederum millionenfach multipliziert wird. Meine Mathe reicht für diese Reichweite nicht mehr. Ich höre aber von anderen alten Profs, dass man das nicht ernstnehmen solle, da solche Zahlen noch nichts über faktische Wirkung sagten. Man nähert sich mit der Pipette dem Tsunami.

Diese Verachtung der digitalen Moderne aus den Altersheimen der Wissenschaft erinnert mich an die Verachtung in den klösterlichen Kopierstuben gegenüber dem Unsinn des Gutenberg mit seinen beweglichen Lettern. Die Patres sagten dem Buchdruck wenig Erfolg voraus und tauchten mit erhabener Geste den gespitzten Gänsekiel ins Tintenfass. Heute betteln künftige Kanzler um ein Quäntchen jener Aufmerksamkeit, die Rechtspopulistinnen in Plaudereien mit dem Oligarchen Elon M. mal eben so nebenbei mitnehmen. The medium is the message, stupid.

Die Frage ist nämlich nicht, ob Alice Weidel gut war in ihrem Gespräch mit dem kalifornischen Oligarchen (sie war schlecht); die wirklich wichtige Tatsache ist, dass die gesamte politische Klasse darauf starrt. Marginalisieren geht anders, lieber Herr Merz. Und Giorgia Meloni ist sehr gut mit Elon Musk, alle Achtung. Ja, die Enkelin Mussolinis. Dagegen wird nicht helfen, dass viele Universitäten gerade ihren X-Account löschen. Es gab in der klösterlichen Bibliothek schon immer Giftschränke, in denen Werke standen, die die Inquisition nicht gelesen haben wollte. Das hat weder Gutenberg noch Luther noch den Teufel aufgehalten.