Logbuch
GUINESS IS GOOD FOR YOU.
Die europäische Bürokratie untersagt bei Lebensmitteln sogenannte gesundheitsbezogene Aussagen. NO HEALTH CLAIMS. Bier darf sich nicht mehr „bekömmlich“ nennen; auch wenn man es überall bekommt (ein Scherz von Heinz Ehrhardt). Für mich ist der beste Werbespruch noch immer jener, die die Brauerei des schwarzen Biers den irischen Konsumenten zugerufen hat: „Guiness is good for you!“ Anzuwenden mit einem Whisky als Begleiter. Wobei ich da lieber zum schottischen greife, weil der irische so schmecken kann, als könne man damit auch Möbel abbeizen.
Was an der EU-Politik zu kritisieren ist, dass damit ein Urrecht der Werbung verloren geht, nämlich das RECHT ZU LÜGEN. Das ist das Ende jedweden kreativen Marketings. Ein Beispiel aus der Zeit, als noch die „gute Butter“ gab, damals als Superlativ gesunder Ernährung: Eine miesige Margarine dann so zu benennen, dass Butter, Sahne und Rahm assoziiert wird („Botteram“ oder „Rama“ oder „Sanella“), das ist es doch. Einen Plastiklappen in die Nähe von Leder zu rücken („Vileda“), da beweist sich Genie. Den lausigen Stahl hart erscheinen zu lassen wie Diamanten („Widia“), natürlich ist das nicht die volle Wahrheit.
Diese Logik gilt ja auch im gescheiterten Versuch. Den Golf mit Kofferraum in den USA als Langweiler („to bore s.o.“) zu denunzieren, das gelang dem „Bora“. Einen Hundehaufen meint der Frazose, wenn er „e-tron“ sagt; wusste man wohl nicht in Ingolstadt. Ein bestimmter Mitsubishi heißt für den Brasilianer Wichser (pagero). Renault hat den 17 eine Birne genannt, was im Französischen so viel meinen kann wie im Deutschen die Pflaume. Und der Toyota MR2 lautet für die Frankophilen MRdeux, sprich wie „merke“, eben ein verbreiteter Fluch zu einer Fäkalie.
Gänzlich verheerend sind historische und politische Assoziationen, die massive Tabus berühren. So war das russische Gasunternehmen Gazprom nicht gut beraten, ein Joint Venture in dem westafrikanischen Nigeria in einer sogenannten Kontraktionsform aus den Anfangssilben des westafrikanischen Partners und des eigenen Firmennamens “Nigaz“ zu nennen, was eine vernakuläre Lautung einer Unsagbarkeit anklingen lässt. Als ich bei der RAG Ruhrkohle AG war, wollte man eine Anlage zur Hydrierung von Steinkohle „Gesellschaft zur Vergasung…“ nennen. Habe ich verhindern können. So sensibel ist heute nicht mehr jeder im Geschäft mit Erdgas.
Ein Kunstwerk der Werbesprache ist nach wie vor der Citroën DS; französisch: la deesse, das ist „die Göttin“. Der große Roland Barthes hat sich darüber gar nicht mehr beruhigen wollen. Wie kann gebogenes Blech besser heißen? Alles Lügen, große und kleine. Das Recht zu flunkern, das dürfen wir uns von Brüssel nicht nehmen lassen. Kunst lügt immer. Lügen ist eine Kunst. Volle Transparenz und uneingeschränkte Wahrhaftigkeit sind puritanische Tugenden des Teufels.
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POLITIK DER WESTENTASCHE.
Wenn einer etwas GROSS tut, aber KLEIN ist, dann sprechen wir von einer Erscheinung für die Westentasche. Oder aus der Westentasche. Obwohl es nicht mehr so arg viele Männer gibt, die noch eine Weste mit diesen klitzekleinen Täschchen tragen. Billettasche, weil nur eine Theaterkarte reinpasst. Ich denke darüber nach, weil ein englischer Freund von „tin pot dictator“ spricht, wenn er einen Westentaschen-Napoleon sieht.
Der Tinpot war bei den britischen Teetrinkern ein recht billiges Geschirr, so etwas wie bei den Preußen der BLECHNAPF: „Wer einmal aus dem Blechnapf frass…“ Aber beim Westentaschen-Helden geht es nicht um Barras oder Knast, ganz im Gegenteil. Es geht um den Hang zu höherem. Dieser Held will an die Spitze. In’s Schloss. Wir reden vom Typ ANGEBER oder AUFSCHNEIDER. Wenn ein Bauer so tut wie ein Bürger, ein Großbauer wie der bessere Bürger. Bei dem Franzosen Moliere in dessen Stück über die SCHEINHEILIGKEIT: „le bourgeois gentil homme“, der betuchte Kleinbürger als Edelmann.
Der kurzzeitige Bundespräsident CHRISTIAN WULFF war ein solcher Westentaschenpolitiker. Ich räume mit allem Respekt ein, dass man ihm seinerzeit übel mitgespielt hat. Vor allem seine vermeintlichen Vasallen bei der BILD ZEITUNG, aber auch andere. Dass er charakterlich nicht aus dem harten Holz war, das Spitzenpolitiker ausmacht, zeigte erst seine Reaktion auf den eisigen Wind, der ihm ins Gesicht blies. Er selbst war mit anderen nicht zimperlich gewesen, also war man jetzt nicht zimperlich mit ihm. Seine Krise war dann am Ende seine eigene Krisen-PR.
Wulffs Gattin, eine studierte PR-Beraterin, wollte ihn und sich als das neue Rollenmodell des CAMELOT inszenieren, sprich als JOHN F. KENNEDY, der Zweite. Jungenhafter Charme und absolute Macht. Dazu war sein Hemd dann doch zu kurz. Wenn ein Hemd zu kurz ist, aber trotzdem angegeben wird wie BOLLE, dann sprechen wir vom Westentaschen-Politiker. Unter dem zu kurzen Hemd blickt man irgendwann, na ja, der nackten Wahrheit ins Gesicht.
Mein englischer Freund sagt, dass der Westentaschen-Kennedy, einmal unter Druck geraten, umfällt, und zwar nach rechts. Er nennt aus Ungarn Herrn Orban als Beispiel, der als Liberaler begonnen habe, aber als autoritärer Populist geendet sei. Ich spreche ihn auf seinen Prime Minister Boris Johnson an; er grinst: „Well, a tinpot dictator!“ Ein gutgelaunter, immer lächelnder Westentaschen-Diktator, sei der. Ein böses Urteil. Die Engländer lieben den Schwarzen Humor. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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GOTTES HUMOR.
Ob Gott wohl Humor hat, das ist eine riskante Spekulation für jene, die glauben den HERRN eines Tages wiederzusehen und sich dann im Rahmen eines JÜNGSTEN GERICHTES seinem Urteil stellen zu müssen, zumal wenn man ahnt, wie groß die Höllenqualen sind, die einem dann im PURGATORIUM bevorstehen können. Eine kühne Wette also.
Der selige HARRY HEINE aus Düsseldorf hat es ausprobiert. Er hat sein Verweilen in einem Pariser Bett, das ihn sieben Jahre gefesselt hatte, mit dem Spruch beendet: „Gott wird mir verzeihen, das ist schließlich sein Beruf.“ Auf französisch „son metier“.
Mutig, wenn man bedenkt, dass ihn eine im Bordell erworbene Syphilis in der MATRATZENGRUFT festgehalten hatte. Doppelt mutig, wenn man weiß, dass er konvertierter Jude war, also womöglich vor zwei HERREN muss. Auf der anderen Seite, er war, so vermute ich, Atheist (Agnostiker, glaube ich). Führt mich zu der Frage, wie viele Höllen es wohl gibt. Muss ich befürchten, dann da auf der Büßerbank neben rheinischen Katholiken oder gar schwäbischen Pietisten, also den gänzlich Humorlosen, zu sitzen? Kann ich den Numerus Clausus für den Himmel noch mal sehen?
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BANANENREPUBLIK.
Propaganda ist ein so unschönes Wort. Der Gründungsvater dessen, was man heute PUBLIC RELATIONS oder kurz PR nennt, war Edward Bernays (1891 - 1995), ein in die USA emigrierter Wiener Jude mit verwandtschaftlicher Verbindung zu Sigmund Freud. Man findet seine Monografie zu moderner Propaganda auf dem Buchmarkt (mit einer kleinen Einleitung aus meiner Feder). Der verheerende Joseph Goebbels soll das Buch geschätzt haben (erzählt Bernays); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Berichten möchte ich von einem Kontakt, den Bernays als BERATER der UNITED FRUIT Comp. zum Herausgeber der New York Times, einem Arthur Hays Sulzberger, aufnahm, um Journalisten des Blattes auf Kosten des Bananenimporteurs 1944 nach Guatemala zu schicken, wo eine zwar demokratisch gewählte, aber leider linke Regierung die Vergesellschaftung und Reprivatisierung von Plantagen plante. Die Leser des Blattes konnten sich in der Folge davon überzeugen, dass es sich um kommunistische Umtriebe einer marxistischen Regierung handelte. Die Interessen von UNITED FRUIT waren durch diesen Kleinbauern-Unsinn natürlich nachhaltig berührt.
Ob es zu einer militärischen Intervention gekommen ist oder geheimdienstlich begleiteten Umstürzen in der Bananenrepublik, entzieht sich meiner genaueren Erinnerung. Jedenfalls gab es dort ab 1954 eine Militärdiktatur. Was mich eigentlich interessiert ist, wie haben Bernays und Sulzberger die PR-Nummer damals benannt? Wurde da Klartext geredet? Oder hat Bernays Grüße von seinem Onkel Siggi aus Wien bestellt und auf die Vorteile einer Banane für die Volksgesundheit verwiesen? Wie redet solches PR mit Verlegern?
Er war durchaus erfahren in Fragen der Volksgesundheit; er hatte ja große Verdienste um Fluor im Trinkwasser und bei der Durchsetzung von „bacon & eggs“ als Frühstück sowie der Einführung des weiblichen Zigarettenrauchens. „Thank you for smoking here!“ AMERCAN TOBACCO war sein Kunde. Wenig, von dem was heutzutage auf TELEGRAM oder TikTok passiert, überrascht mich wirklich; sehr wenig.