Logbuch

BÜCHERVERBRENNUNG.

Man wähnt ein Antiquariat als stilles Lädchen, in dem alte Bücher schlummern und geduldig auf einen Käufer hoffen. Über diesem verstaubten Buchhandel liegt ein besonderer Segen, da wir die alten Schinken niemals als Müll entsorgen würden. Dieses Land steht unter dem Fluch, dass, wer Bücher verbrennt, das irgendwann auch Menschen antut. Bücher, zumal alte Folianten, haben für uns Seelen.

Kann der Antiquar vom gelegentlichen Käufer leben? Man hat Zweifel und hofft, dass die Romantik der guten Stube ihn doch seine Miete verdienen lässt. Ich selbst sammle und habe mehr gehortet als mein Ordnungswille bewältigen könnte. Damit könnte ich, erfahre ich nun, nachts ein Geschäft machen. Berliner Antiquare berichten von nächtlichen Massenbestellungen aus Kanada und USA, bei denen eine bekannte Großhandelstochter tausende Titel ordert. Meist vergriffene Titel der Siebziger, vornehmlich technischer Themen, aber auch entlegene Werke etwa der Literatur. Massenaufkäufe, leere Antiquariate.

Jetzt wird es brutal. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind zerschnitten und von der Bindung befreit als Loseblattsammlung anzuliefern. Sie werden dann automatisiert gelesen und dienen irgendeiner KI als Übungsmaterial. So der Wortlaut. Zum Üben. Eine Künstliche Intelligenz saugt das Wissen auf und spielt damit. Das ist den Bücherfreunden unheimlich und im alten Antiquar regt sich ein schlechtes Gewissen, dass er zu den Bücherverbrennern gerechnet werden könnte. Denn sie scheinen ihm zerstört, die kleinen Reliquien großen Geistes. In Wirklichkeit sind sie aber dem modernen Weltgeist auf ewig als Wissen zugefügt. Also gerettet? Ja und nein.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass aus ihnen ein exklusives Geschäft gemacht worden ist. Die Konzerne der Informationswirtschaft streben in einem hegemonistischen Kampf nach Vorherrschaft und Monopolrendite. Technikführerschaft ist denen keine liberale Mittelstandsposse und kein Hobby großer Geister mit Teetassen hinter Kanonenöfen. Es ist mit dem Wissen der Menschheit wie mit dem Geld an der Börse. Es ist nicht weg, es gehört jetzt nur anderen, die dann damit in der unendlichen Tiefe der Rechner üben. Wozu? Zu welchem Zweck? Das weiß man nicht.

Disclaimer: Ich verkaufe meine Bibliothek und erwarte ein Angebot. Gern auch nachts. In God we trust, the rest pays cash. Did I make myself clear?

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AM BERLINER WESEN.

Wie Berlin wurde, was Berlin heute ist, das hängt von der großen Politik ab, aber auch von der Mentalität der Bewohner, vom Wesen des Berliners. Ein kluger Londoner nennt die preußische Metropole eine „parvenu capital“ mit einer „parvenue pomposity“, das meint die selbstgefällige Aufgeblasenheit eines Emporkömmlings, ist also eher kein Lob.

Ich lese eine Beschreibung der Berliner Mentalität aus den Jahren 1939 bis 1945, sprich eine Innenansicht des Dritten Reichs. Man kennt viel über die vorausgegangene Periode der „roaring twenties“ der Weimarer Zeit, aber wenig aus dem Alltag der kleinen Leute in der Reichshauptstadt, während die Faschisten die Welt zu erobern sich anschickten. Und verbliebene Juden wie herbeigeschaffte Zwangsarbeiter verzweifelt versuchten „übrig zu bleiben“. Von ehedem 160.000 jüdischen Bürgern Berlins blieben 1500 übrig, erzählt der Sohn eines holländischen Zwangsarbeiters, der sich hier als Sklave hatte rekrutieren lassen.

Jetzt aber zum Ureinwohner, dem Berliner als solchen. Zu seinen Gunsten wird berichtet, dass er nie darum gebeten habe, geliebt zu werden. Das ist wahr. Niemand in dieser Stadt ist um Gefälligkeit bemüht oder auch nur zu Höflichkeit in der Lage. Man schämt sich nicht der Anstößigkeit. Die Niedrigkeit hat hier ein Heim. Das Derbe gilt als herzlich, selbst ausdrücklich Obszönes findet Duldung. Vor allem aber ist man gleichgültig gegen Manieren und Moden. Man könnte es „stoisch“ nennen, wenn damit nicht schon zu viel zugestanden wäre. Nicht geschlagen, das ist hier genug gelobt.

Ich finde eine Zeitzeugin treffend zitiert: „Christabel Bielenberg, who saw them on their worst as well as occasional best behaviour, wrote of the peculiar ribald stoicism which characterises the true Berliner. Triumphs of world culture, mighty statesmen preaching new freedoms, high rhetoric and high explosives have been dumped on Berliners. But stoically ribald they remain.“ Der Berliner ist auch durch Großartiges nicht zu estimieren. Piefkes pompös plattes Preußen. Mehr ist nicht.

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DES GELDES WEGEN.

Wenn die Münzen nicht mehr in der Hose klimpern, keine Scheine mehr gezählt werden, überhaupt Bargeld verschwunden, dann hat der Kapitalismus seine höchste Vollendung erreicht. Man kann uns ausplündern, ohne an die Hose zu müssen. Es geht mir dabei eigentlich gar nicht ums Geld. Ich denke über technischen Fortschritt nach.

Oft denke ich dann an ein Auto, das mir als Student treue Dienste leistete und recht erschwinglich war, Spitzname „Badewanne“, bei VW wohl Typ 3 genannt. Optisch ein damals in Mode gekommener Fronttriebler, tatsächlich mit einem Boxermotor im Heck bestückt, weil man in Wolfsburg noch immer am Käfer hing. Der Motor hatte einen Doppelvergaser, der mit Seilzug über ein kompliziertes Gestänge jeweils die linken und die rechten Kolben versorgte, eine mechanisch diffizile und sehr störanfällige Angelegenheit. Und er soff entsprechend. Seit dem Model T des Henry Ford war die Massenfertigung eine Domäne der Mechanik. Und des Verbrenners. Elektrisch war das Licht, sonst nix.

Nicht das sprichwörtliche Fließband war der Hebel, sondern genau gesagt die Standardisierung, auch Modulfertigung oder Gleichteilepolitik genannt. Man bekam das Model T in jeder Farbe, vorausgesetzt es war schwarz: „Any customer can have a car painted any color that he wants so long as it is black.” Massenmedien waren damals große Zeitungen und später das Radio. Die Konservendose machte Fleisch erschwinglich. Zuwanderung füllte die Belegschaften. Moderne Zeiten vor hundert Jahren.

Radios hatten noch Röhrenverstärker. Der Halbleiter war noch nicht erfunden, damit gab es keinen Transistor, der später Chip hieß und im Silicon Valley die mechanischen Lösungen beiseite schob und Kybernetik zur Domäne machte. Es ist die Informationstechnologie, die die Ingenieure dieser Generation groß gemacht hat. Insofern ist Elon Musk der Henry Ford unserer Tage. Übrigens ein Marketing-Genie, der die Aura des erratischen Erfinders zu kultivieren weiß. Dass der Tesla, so heißt die Badewanne heute, autonom zu fahren wisse, das ist ein solcher Mythos des Genies, mit dem er für gutes Geld Batterien verscheuert. Wesentlichster Teil der Wertschöpfung ist Kurspflege; deshalb wundert mich nicht, dass Musk sich Twitter gekauft hat.

Man kann die Industriellen Revolutionen seit Erfindung der Dampfmaschine unterschiedlich zählen; es können insgesamt vier sein. Vier Punkt Null. Das ist egal. Aber klar ist, dass sich die Bezugswissenschaft von der Thermodynamik und Mechanik zur Elektronik und der Kybernetik gewandelt hat. Nicht zufällig war die Brutstätte des neuen Denkens in Kalifornien „PayPal“, eine Bezahltechnologie des Online-Handels, die ohne Bargeld auskommt. Motto trotzdem: „We are only in it for the money!“

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EINE GUTE NACHT.

„Come and lie down by my side
'Til the early morning light
All I'm takin' is your time
Help me make it through the night

I don't care what's right or wrong
And I won't try to understand
Let the devil take tomorrow
Lord, tonight I need a friend.“

Warum schlafen wir? Das gilt ja wohl für alle Lebewesen, jedenfalls die Säugetiere, dass sie eines Ruhezustandes bedürfen. Die Annahme, dass dies mit der Erdrotation, also der Abfolge von Tag und Nacht, zusammenhänge, ist so plausibel wie leichtfertig. Denn die biologische Evolution kennt keine klare Logik von Ursache und Wirkung. Jedenfalls ist Schlafentzug Folter. Wir brauchen das süße Gift des Einschlafens und, wenn es eben geht, eine ruhige Nacht.

Für manche ist die Länge der Nacht auch eine Bedrohung. Es gibt dieses amerikanische Liebeslied, in dem das Paar sich den Wunsch erfüllt, es zusammen durch die Nacht zu schaffen; am besten von dem Countrymusiker und der kahlköpfigen Irin. Natürlich verbindet sich mit dem nächtlichen Bett auch die Romantik der Fortpflanzung und ihrer Derivate. Idylle der Zweisamkeit.

Freud sprach in seiner Traumdeutung von Tagesresten, die den Inhalt der Träume bestimmen. Überhaupt nutzt unser Rechner wohl die Zeit zur Nachbearbeitung der Eindrücke des Tages und kämpft gegen tiefe Gelüste wie Ängste, die im mentalen Untergrund hausen. Nach einer guten Nacht fühlt man sich wieder im inneren Gleichgewicht. Der Tag kann kommen.

In den großen Städten der Moderne hat die Straßenlaterne die Finsternis vertrieben und eine neue Jahreszeit eröffnet, das Nachtleben. Dem konnten die Menschen auf dem Land nichts abgewinnen, für die vor dem ersten Sonnenstrahl schon Tag war. Und die Schichtarbeiter, deren Leben die Fabrikglocke beherrschte. Mein Großvater väterlicherseits hat sein gesamtes Erwerbsleben auf dem Pütt Nachtschicht verfahren.

Im Handelsblatt lese ich gerade die Klage einer jungen Frau, die als erbende Stahlbaronin darüber lamentiert, dass man für die Hütte keine Schichtarbeiter mehr finde, obwohl es doch so lukrative Zuschläge gebe. Und darüber wird Klage geführt, dass der Strompreis zu hoch sei, insbesondere in der Dunkelflaute. Späte Einsicht einer Unbelehrten, deren Vater schon unbelehrbar war.

Nachts scheint die Sonne nicht; da bin ich sicher, vielleicht bläst der Wind. Aber auch da habe ich Zweifel. Es fehlt uns zudem des Feuers Macht. Jedenfalls kommt der Kohlefrachter aus Rotterdam nicht an die Saar, wenn die Moselschleuse zu schanden gefahren ist. Oder sibirisches Gas in die heimische Therme, wenn die Leitung gesprengt. Nicht mal die Kerne spalten sich noch und sorgen für Dampf in den Turbinen. Nach dem Wort des Jahres gefragt, habe ich Dunkelflaute vorgeschlagen. Keine gute Nacht.