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NEUES VOM OBERST.

Gestern also das Bier mit dem Reisekader in seiner Datsche. Warum war die Wende eine Sauerei? Man habe ihnen versprochen, dass in einer Konföderation zweier gleichwertiger und gleichberechtigter Staaten die wertvollsten Errungenschaften beider Seiten Schritt für Schritt zusammengefügt würden und so harmonisch zusammenwachse, was zusammengehöre. Stattdessen sei dem Osten das westliche System schlicht übergestülpt worden, in größtmöglicher Brutalität wurde abgewickelt. Die Ehrenträger seien mittels fadenscheiniger Altersgrenzen abgesetzt worden; das erinnere ihn fatal daran, wie man 1933 jüdische Intellektuelle vertrieben habe.

Da ist sie in reiner Form, die Wiedervereinigungsgeschichte als Annexion. Könnte so in der Berliner Zeitung stehen, dem Zentralorgan der Revisionisten. Meinem Oberstarzt war vor 35 Jahren bald klar, sagt er, dass die Zukunft westlich sein würde, im Osten eben nur deutlich ärmer. Pauper wider Willen, annektiert und ausgeraubt. Er weiß noch das Datum, da man die Anrede „Genosse“ durch „Herr“ ersetzen musste. Er beklagt, dass in der DDR „erworbenes“ Eigentum an die ursprünglichen Besitzer restituiert wurde. Zu den neuen Betreibern der Kliniken sagt er nichts, macht aber mit Daumen und Zeigefinger eine Geste des Geldzählens. Ich verzichte auf eine zweite Pulle Bier und gehe nachdenklich in die Nacht.

Warum habe ich eine andere Geschichte im Kopf? Die Quacksalber Lenins waren pleite und sind der Bundesrepublik Deutschland beigetreten, weil sie in jeder Beziehung fertig hatten. Und dass die Russen den von den Nazis enteigneten Familien 1994 (!) ihre Villen zurückgeben mussten, das kann man doch nicht ernsthaft als Unrecht empfinden. Aber auf die Russen wollte er sich gar nicht so recht ansprechen lassen; die ostdeutsch-russische Freundschaft könnte auch nur eine Fiktion sein; wer weiß das schon. Und dann lobt er doch noch die Leistungen der DDR im Sport und reißt sein Alibigebäude ein. Trauriger alter Mann.

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EIN OBERST UND ARZT.

Auf einem Empfang eines Spitalkonzerns sitzt ein älterer Herr neben mir, der das örtliche Krankenhaus, Achtung, mal als Militärmedizinische Akademie geführt hat. Ich lerne zum 75. Jahrestag der DDR eine Menge Geschichte. Die Klinik war von der KVP gegründet, wurde dann aber zur Akademie der NVA. Aha. Der Herr Oberstarzt spricht von der Kasernierten Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee. KVP und NVA. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Die DDR-Armee sei die einzige der deutschen Geschichte, die nie einen Krieg geführt habe. Anders als der Laden, der die elenden Bundeswehrkrankenhäuser betreibe. Und Handlungsmaxime war bei der NVA nicht Profit (wie heute), sondern Humanismus. Ein kleiner Fehler habe darin gelegen, dass man das Leninsche Prinzip des demokratischen Zentralismus nicht konsequent genug durchgesetzt habe. Medizin im Goldstandard, halt nur zu wenig Lenin.

Ich frage, ob es stimmt, dass am Ort ein Lazarett der Roten Armee war, für das eine Zugangssperre bestand, Deutsche nur als Kalfaktoren erlaubt. Die Laune  trübt sich ein. Ich frage, ob in seinem Laden nicht auch an Dopingmitteln für Leistungssportler geforscht worden sei. Und man schräge Medizin „außen Westen“ in Studien geschickt habe. Herr Oberstarzt wird ungehalten. Er erzählt was von der unverbrüchlichen Freundschaft mit den Sowjets und von Captagon, das sie vor dem Westen hatten.

Auf die Einsätze des DDR-Militärs in Ungarn und der Tschechoslowakei angesprochen, erfahre ich etwas über die aktive Pflege und Gestaltung der „Waffenbrüderschaftsbeziehungen“, was mir Wessi und Nato-Sklave natürlich vorher nichts sagte. Wir treffen uns demnächst auf ein Bier. Er will mir noch erklären, warum die Wende vor 35 Jahren eine unglaubliche Sauerei war.

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WENN MAN DAS NOCH SAGEN DARF.

Über den großartigen Schriftsteller Dashiell Hammett, der zu Recht als Begründer des amerikanischen Kriminalromans der „hardboiled school“ gilt, lese ich einen Satz des Bedauerns, der seinen Nachruhm schmälert. Es sei ihm nach den großen Romanen, die seinen Durchbruch brachten, kein wirklich großes Werk mehr gelungen; er habe sich mit Auftragsarbeiten für Hollywood über Wasser halten müssen.

Gebrochener Nachruhm. Das widerspricht unserer Erwartung an ein Genie, das im Alter im Zenit seines Ruhms stehen sollte. Man erwartet vom Greis noch ein „opus magnum“ und dann den Abtritt. Daran ist alles falsch, jedenfalls bei Hammett. Wir kennen von ihm den Dünnen Mann und den Malteser Falken, die berühmten Romane; er hatte aber zuvor Dutzende kleinere Stücke als Heftchenprosa verfasst.

Der Mann arbeitete nebenbei als Privatdetektiv. Oder umgekehrt, er verfasste Gelegenheitsprosa am Rand seiner Profession. Darin liegt seine Authentizität.

Hätte Raymond Chandler das Genre anschließend nicht groß gemacht und Humphrey Bogart der Figur ein Gesicht gegeben, wäre Hammett nicht als Urvater bekannt. Aber auch das ist nicht abträglich gemeint. Was seinen späteren Ruhm verhindert, ist nämlich amerikanische Innenpolitik unter dem Rechtspopulisten McCarthy. Er wurde als Linker verfolgt und von staatlichen Behörden geplündert. Hinter der verhinderten Karriere als Bestseller steht staatliche Verfolgung, die antikommunistischen Kampagnen seiner Zeit, der auch Brecht nur mit List entkam.

Sie sind wieder da, die McCarthys. Ich sehe sie auf Bühnen. Das musste mal gesagt werden. Und Hammett war ein Großer in bösen Zeiten. Salut!

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EINE GUTE NACHT.

„Come and lie down by my side
'Til the early morning light
All I'm takin' is your time
Help me make it through the night

I don't care what's right or wrong
And I won't try to understand
Let the devil take tomorrow
Lord, tonight I need a friend.“

Warum schlafen wir? Das gilt ja wohl für alle Lebewesen, jedenfalls die Säugetiere, dass sie eines Ruhezustandes bedürfen. Die Annahme, dass dies mit der Erdrotation, also der Abfolge von Tag und Nacht, zusammenhänge, ist so plausibel wie leichtfertig. Denn die biologische Evolution kennt keine klare Logik von Ursache und Wirkung. Jedenfalls ist Schlafentzug Folter. Wir brauchen das süße Gift des Einschlafens und, wenn es eben geht, eine ruhige Nacht.

Für manche ist die Länge der Nacht auch eine Bedrohung. Es gibt dieses amerikanische Liebeslied, in dem das Paar sich den Wunsch erfüllt, es zusammen durch die Nacht zu schaffen; am besten von dem Countrymusiker und der kahlköpfigen Irin. Natürlich verbindet sich mit dem nächtlichen Bett auch die Romantik der Fortpflanzung und ihrer Derivate. Idylle der Zweisamkeit.

Freud sprach in seiner Traumdeutung von Tagesresten, die den Inhalt der Träume bestimmen. Überhaupt nutzt unser Rechner wohl die Zeit zur Nachbearbeitung der Eindrücke des Tages und kämpft gegen tiefe Gelüste wie Ängste, die im mentalen Untergrund hausen. Nach einer guten Nacht fühlt man sich wieder im inneren Gleichgewicht. Der Tag kann kommen.

In den großen Städten der Moderne hat die Straßenlaterne die Finsternis vertrieben und eine neue Jahreszeit eröffnet, das Nachtleben. Dem konnten die Menschen auf dem Land nichts abgewinnen, für die vor dem ersten Sonnenstrahl schon Tag war. Und die Schichtarbeiter, deren Leben die Fabrikglocke beherrschte. Mein Großvater väterlicherseits hat sein gesamtes Erwerbsleben auf dem Pütt Nachtschicht verfahren.

Im Handelsblatt lese ich gerade die Klage einer jungen Frau, die als erbende Stahlbaronin darüber lamentiert, dass man für die Hütte keine Schichtarbeiter mehr finde, obwohl es doch so lukrative Zuschläge gebe. Und darüber wird Klage geführt, dass der Strompreis zu hoch sei, insbesondere in der Dunkelflaute. Späte Einsicht einer Unbelehrten, deren Vater schon unbelehrbar war.

Nachts scheint die Sonne nicht; da bin ich sicher, vielleicht bläst der Wind. Aber auch da habe ich Zweifel. Es fehlt uns zudem des Feuers Macht. Jedenfalls kommt der Kohlefrachter aus Rotterdam nicht an die Saar, wenn die Moselschleuse zu schanden gefahren ist. Oder sibirisches Gas in die heimische Therme, wenn die Leitung gesprengt. Nicht mal die Kerne spalten sich noch und sorgen für Dampf in den Turbinen. Nach dem Wort des Jahres gefragt, habe ich Dunkelflaute vorgeschlagen. Keine gute Nacht.