Logbuch
FRECHHEIT.
In meiner alten Heimat, dem Ruhrgebiet, hält man viel auf seine „große Klappe“. Man ist „geradeheraus“, was eine unverblümte, manchmal unverschämte und niederschwellige Umgangsform meint. Die URBANITAS einer Industrieregion, in der sich die Preußischen Reformen mit der englischen Industrialisierung vereinten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dies die GRÜNDERREGION der epochemachenden MONTANINDUSTRIE. Stahl&Eisen. Ich komme von ZOLLVEREIN, dem Symbol all dessen. Mir sagt ein türkischstämmiger Taxifahrer (geboren und aufgewachsen an der Ruhr), er hätte mich, den Alman, auf den ersten Blick für einen Araber gehalten. Er lacht sich schief über seinen Witz. Ich drohe damit, das Trinkgeld zu streichen. Er so: „Einverstanden, das war es mir wert.“
Man ist hier gerne frech. Und zeigt seinen Mut, indem man Tabus streift. Auch das der Fremdenfeindlichkeit. Es ist ein Stoß auf die Rippen, der als Verbrüderung gemeint ist. Die beliebteste rhetorische Figur ist die Elipse; man spart das Wesentliche aus. Ein besonders netter Abschiedsgruß lautet: „Mach Dir einen!“ Meint: schönen Abend. Fahrt durch Essen-Stoppenberg. Wir reden ernsthaft darüber, bei welchen Themen es oft Ärger gibt. Mein Fahrer sagt, er säße jetzt zwanzig Jahre auf dem Bock und habe gelernt, über vier Themen niemals zu streiten. Welche? Religion, Sex, Politik, Fusseck. Komische Kombination.
Mein neuer Freund sagt: „Soll jeder machen, wie er will, aber keine Ansage für andere.“ Das nennt sich im Amerikanischen „Don‘t ask, don’t tell!“ Kurz: DADT. Leuchtet mir ein. Ich weiß, dass das nicht alle so sehen. Sexuelle Orientierung und Glaubensfragen sind Privatangelegenheiten. Vereinspräferenzen bei Fußball („Fusseck“) belanglos. Über Politik soll man aber doch diskutieren. Da widerspreche ich Mehmut. Sagt er, da wir am Ziel sind: „Raus aus mein Taxi, Araber!“ Haben wir gelacht. „Mach Dir einen!“
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BRAUNER MARMOR.
Die Eingangshalle der Ostberliner Humboldt-Uni präsentiert einen Lehrsatz von Karl Marx. In Messinglettern auf rotem Marmor, geht das Gerücht. Das ist falsch. Und das Zitat ist nicht korrekt. Der Marmor ist braun und stammt aus den Büroräumen von Adolf Hitler. Er steht unter Denkmalschutz.
Die ehrbare Humboldt-Universität zu Berlin zitiert nicht korrekt. Der Bärtige aus Trier hatte notiert: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kömmt darauf an sie zu verändern.“ Das ist für alle kundigen Thebaner die sogenannte 11. Feuerbach-These. Ich blicke auf mein Bücherregal und sehe den blauen Rücken von MEW 3, dem dritten Band der Marx Engels Gesamtausgabe; ich bin als Student bis Band 25 gekommen. Die Eingangshalle wurde 1953 gestaltet. Heute genießt sie, wie der schräg gegenüberliegende Palast der Republik Denkmalschutz (pun intended).
In der jungen DDR war Baumaterial knapp; und was da war, wurde für die Stalinallee aufgehoben. Also wurde der braune Marmor aus Hitlers Büro wiederverwendet und zum roten erklärt. Der eigenartige Umlaut bei Marx („kömmt“) ersetzt und in der zweiten Satzhälfte ein „aber“ eingefügt, das sich im Notizbuch von Charly gar nicht findet. Die Partei hat immer recht.
Übrigens, jetzt mal etwas ganz aktuelles, gibt es hier an der Humboldt am Historischen Institut einen Stiftungslehrstuhl zur Geschichte einer Diktatur, der von dieser Diktatur finanziert wird. Bisher verdeckt, jetzt enthüllt. Wir reden von Aserbaidschan. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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HEIMAT.
Heimatliebe, ein Wort mit einem schnöden Beigeschmack. Es scheint verbändelt mit Angst vor FREMDEN. Man kriegt Menschen leichterdings in die Fremde, aber nicht die Heimat aus ihrem Gemüt.
Gestern bemerke ich erstmals, nach Jahrzehnten, bei einem Kollegen, den ich sehr schätze, was einer der Gründe sein könnte. Es war mir nie klar, dass wir die gleiche HEIMAT haben. Das ist doch wirklich albern, dass ein solcher Zufall der Geographie eine Bedeutung haben soll. Zumal, wenn es gar keine besonders tolle Region ist, die hier verbindet. Und ich schon als Schüler wegzog.
Man versteht das mit der Heimat bei Menschen, die eine DIASPORA erleben mussten, also den angestammten Ort ihres GLAUBENS verlassen haben. Da wird Wehmut zu einem Grundmotiv des religiösen Empfindens.
Man versteht das bei Migranten, die aus ARMUT oder wegen VERFOLGUNG eine neue Heimat finden mussten. Ich empfinde großen Respekt vor den Tapferen. Da bleiben dann immer zwei Seelen in der Brust. Und natürlich eine unstillbare Sehnsucht nach der Mutterbrust.
Man versteht es vielleicht auch noch, wenn die Heimat ein toller Ort ungebrochener TRADITION war. Als Friese in Schwaben oder als Hanseat in Sachsen-Anhalt, das muss ja schmerzen. Aber mein Kollege, der kommt, erfahre ich erst jetzt, aus Bottrop. Bottrop, das ist an Beiläufigkeit nicht zu überbieten.
Du kriegst den Jungen aus dem Revier, aber nicht das Revier aus dem Jungen. Gilt auch für die Mädchen, schrieb neulich eine türkischstämmige Journalistin in Berlin, die in Duisburg in einer Zechensiedlung groß wurde. Der „rheinisch-westfälische Stadtbezirk“ darf von seinen Bewohnern, nur von diesen, der POTT genannt werden, sofern sie noch wissen, was der PÜTT ist. Aber es ist nicht mal ein homogener Menschenschlag. Hungerleider aus aller Herren Länder: Westfalen, Ostpreußen, Polen, Türken, ein erkalteter Schmelztiegel. Mit EMSCHERWASSER getauft.
Aber man erkennt sich am TON. Graf Koks von der Gasanstalt; Übertagebelegschaft auf Kokerei, Bergbeamte. Sprichwörtlich ist die vermeintliche Beleidigung in derber Sprache als initiales Signal der Wertschätzung. Beispiele verbieten sich hier, wo jeder mitliest.
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STAATSVERSAGEN.
Naturkatastrophen erschüttern die Idylle eines friedlichen Zusammenlebens der Menschen. Mitte des 18. Jahrhunderts war das ein Erdbeben mit anschließendem Tsunami in Portugal. Ich lese dazu zufällig auf einem Kalenderblatt die Beschreibung Goethes: „Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zugrunde, und der glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgner, aber durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Übriggebliebenen sind dem Raube, dem Morde, allen Misshandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.“ Man fragte in der Folge nach Gottes Gerechtigkeit.
Die Zeugen solch sinnloser Gewalt wollen dem Unheil einen Sinn geben, um es erträglicher zu machen. Oft ist das schon deshalb angebracht, weil sich hinter der Naturgewalt menschliche verbirgt. Kriege etwa, für die es Verursacher und Nutznießer gibt. Dazu wurde gerade ein sehr guter Film von Stefan Aust zum Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidtplatz wiederholt, der das STAATSVERSAGEN enthüllt; eine politische Katastrophe also. Man frage nicht nach Gott, sondern nach Militärs und ihren Geheimdiensten. Diese Willkür hat ihre Kalküle. Die Opfer heißen Kollateralschäden; bisschen Schwund ist immer.
Mir scheint aktuell erwähnenswert der Schlendrian der Behörden. Das meint nicht so sehr offene Zufahrten zu Weihnachtsmärkten. In Berlin kannte man den Attentäter gut. In Magdeburg wie Solingen stellte man im Vorfeld des Attentats seine Bemühungen um den schon bekannten Verdächtigen nach einem einzigen vergeblichen Besuch ein. Täter leider zuhause nicht angetroffen; Fall erledigt. Ein größeres Engagement gab es allerdings, als es darum ging, einen Spötter zu verfolgen, der im Internet eine Karikatur geteilt hatte, die den grünen Vizekanzler als Schwachkopf persiflierte. Da kam man morgens um sechs zur Hausdurchsuchung und Beschlagnahmung des PC. Da klappte die Gefährderansprache. Schließlich ging es um Majestätsbeleidigung. In diesem Land ist etwas aus dem Gleichgewicht. Wir hatten Führung bestellt; es wurde aber nicht geliefert.
Wenn der rotgrüne Kampf gegen Rechts einen solchen Schlendrian seiner politischen Polizei duldet, verliert er die Loyalität seiner Bürger; das wird die inkriminierte Rechte zu nutzen wissen. Daher meine Gefährderansprachen: Angie, & Sigmar, nein, Ihr habt das nicht geschafft. Kein guter Job, Nänzi! Olaf, Dich trifft juristisch keine Schuld, aber ist es nicht Zeit, einfach still zu gehen?