Logbuch

ENTLAGER.

Politik als Illusionshandel, namentlich ENERGIEPOLITIK. Der allgemeine Frust über die fehlenden Entsorgung von Atommüll hängt mit der Enttäuschung über anfängliche Illusionen zusammen. Die Kernenergie hat ihre Versprechen nicht gehalten.

Kernkraftwerke erzeugen hochradioaktiven Abfall, keine großen Mengen, aber Müll, der sehr, sehr lange besonderer Fürsorge bedarf; eigentlich bleibt er EWIG ein Problem. Es gab die Illusion, dass man sich dessen in einem ENDLAGER entsorgen könne. Eine solche Entlagerung gibt es aber nicht. Hier hat es in der Industrie und der Politik der Befürworter sehr lange an Ehrlichkeit gefehlt.

Beginnen wir mit der naiven Vorstellung „aus den Augen, aus dem Sinn“: wenn man die verglasten und in Behälter verschlossenen Abfälle nach einer Abklingphase in ein sehr tiefes, sicheres Wirtsgestein einbringt, sei es Salz oder Ton oder Granit, so wäre das Problem endgültig gelöst. Hybris. Keine Veränderung der Natur ist reversibel, keine, schon gar nicht eine hochradioaktive. Man wird immer mit den irreversiblen Folgen seiner Eingriffe leben müssen. Natürlich auch den Folgen seines Unterlassens. Insofern war das ENDLAGER eigentlich Unsinn, allenfalls ein religiöser Begriff, der Menschen gar nicht zusteht. Pure Hybris.

Der Steinkohlebergbau ist da ehrlicher. Er wird auf sehr lange Zeit für seine Eingriffe in die Natur haften müssen und nennt die dazu notwendigen Mittel in einem Anflug von Ehrlichkeit EWIGKEITSKOSTEN (ich lobe den Vater des Begriffs Werner Müller). Dazu gehört, dass die Zeche FRIEDLICHER NACHBAR in Bochum noch immer Grubenwässer in die Ruhr pumpt. Auf ewig. Folge von hundert Jahren Bergbau. Zumindest ehrlich. Der Atommüll wird noch viele Generationen so stark strahlen, dass hier der Vorbehalt der EWIGEN Fürsorge wirklich angebracht wäre.

Deshalb plant man heute zur Entlagerung ENDLAGER, die eine RÜCKHOLBARKEIT garantierten. Also keine „End“-Lager. Es hat sich aus geendet. Die Hybris schwindet. Man will künftigen Generationen die Möglichkeit geben, sich des nur sehr langsam abnehmenden Problems kompetenter anzunehmen. Das ist ja auch wohl das mindeste… Apropos FRIEDLICHER NACHBAR: Die Kernenergie gehört zudem immer, auch wenn sie es nicht einräumt ‚ in den militärisch-industriellen Komplex, also unter die strengste staatliche Aufsicht. Noch besser: die Aufsicht mehrerer Staaten. Aller.

Wenn man schon die Büchse der Pandora öffnet, so bitte ehrlich genug mit der Demut des aufgeklärten Homo Faber, der den Eingriff in die Natur stets auf das Unvermeidliche beschränkt. Nichts ist reversibel. Ich hör mich schon an wie ein Grüner; jedenfalls jener Generation, die noch Naturschutz betrieben. Bei den heutigen Bellizisten bin ich mir nicht mehr sicher, wie sie die Atomfrage handhaben werden. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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ENERGIE & POLITIK.

Was uns ein sorgloses Leben versaut, ist, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist; jedenfalls ENERGIEPOLITIK. Schon als Halbgebildeter weiß man zu viel. Etwa, wen ich an der Tankstelle reich mache. Oder warum LNG nicht helfen wird.

Erdgas gibt es auch flüssig. Wenn man Erdgas auf Minustemperaturen von -160 Grad Celsius herunterkühlt und diese Temperatur beständig beibehalten kann, dann verringert sich das Volumen auf ein Sechshunderstel, so wie es sich bei Abnahme der Kühlung wieder um den Faktor 600 ausdehnt. Der gewaltige LNG-Tanker mit den Kugelaufbauten ist kein Problem, solange man die Temperatur halten und jede Fremdeinwirkung verhindern kann. Raketen oder Kamikaze-Flieger unerwünscht. Ich werde mich nicht neben ein LNG-Terminal etwa im Hamburger Hafen in einen Liegestuhl legen und in Ruhe ein Holsten trinken.

Das LNG-Verfahren kann wirtschaftlich sein, wenn der Transportweg weiter als 2500 km ist; Wissenschaftler sprechen auch von mindestens 6000 km. Einmal um die Welt. Sonst gewinnt immer das Rohr, unter Umständen mit leicht verdichteten Erdgas. „Blick auf eine Erdgasleitung“ war für mich immer eine Idylle; gerne im Liegestuhl. Energetisch wird für das tiefgefrorene Flüssigerdgas etwa ein Viertel im Eigenverbrauch zu der dramatischen Kühlung verzehrt. Das zur Energiebilanz. Die Methanemissionen sollen im Übrigen beachtlich sein; Methan gilt als besonders klimaschädlich. Ferner: bei -160 Grad Celsius versprödet selbst Stahl wie Blätterteig. Keine Liegestuhl-Idylle.

Ich lese bei einem besorgten Hamburger, dass Rotterdam auf einen LNG-Terminal nicht scharf sei und die schwimmenden Bomben in der Bucht vor Tokio nicht erwünscht. Ein explodierender LNG-Tanker käme für seine nähere Umgebung einer mittleren Atombombe gleich, so die Sorge des Hanseaten. Es hat schon immer eine völlig irrationale Diskussion von Risiken der Energieversorgung gegeben. Die GRÜNEN sind politisch groß geworden mit dem Mythos der gefährlichen Castor-Transporte; das wollen sie vergessen machen, aber es war immer sachlich-fachlich Unsinn. Die Entsorgung von Kernbrennstoff, sprich von Atommüll, ist möglich und, wenn vernünftig betrieben, ein vertretbares Risiko, auch im Nahbereich. Vielleicht gilt das auch für den Betrieb eines LNG-Terminals. Ich bin nicht sicher, siehe Liegestuhl.

Was uns das Erdgas verleidet, ist das Kernproblem jeder IMPORTENERGIE, nämlich der IMPERIALISMUS des Herkunftslandes, jedenfalls jetzt Russlands, das einen Nachbarn brutal überfallen hat und eines wesentlichen Teils seines Territoriums kriegerisch berauben will. Norwegisches und holländisches Erdgas hat dieses Problem nicht. Es gibt gutes und böses Gas. Wir sind im Übrigen aus mehreren Gründen von der Politik gebeten, die Herkunft des LNG-Gases nicht zu erörtern; dem Wunsch folge ich.

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GRENZEN DER MEDIZIN.

Früher verschwiegen Mediziner ihren Patienten besonders tragische Diagnosen. Man wollte, dass der Tod unerwartet kommt; allenfalls erahnt. Heute gilt das als unzulässige Bevormundung. Auch der Todgeweihte ist vernunftbegabt.

Auf einer Ehrung von Palliativmedizinern erfahre ich, dass schon der alte Hippokrates eine strikte Trennung vornahm von Medizin und Seelsorge. Wenn der Arzt die Einsicht hatte, dass er nicht mehr heilen kann, sollte er von dem Kranken zurücktreten und ihn der Seelsorge überlassen. Das ist eine Vorstellung von Medizin als Reparatur des Körpers, ohne dass dazu allzu großes Aufhebens vom Psychischen gemacht wurde. Verstandesmächtige Maschinen.

Eine technokratische Vorstellung von Heilung, die den Gegenstand der ärztlichen Ingenieurtätigkeit entmündigt. Wie bei allen Entmündigungen wurde das fürsorglich gedacht. Daran stimmt vor allem das Menschenbild nicht. Ich erfahre, dass die Palliativmedizin und die Hospizbewegung das anders sieht und auch so handelt. Historischer Fortschritt.

Bizarr dagegen, jetzt ein Ortswechsel, die aus dem Internetmilieu Floridas stammende Bewegung des ewigen Lebens, wohlgemerkt des ewigen irdischen Lebens. Man will nicht mehr altern. Altern ist analog. Zu den sicherlich gesunden Ratschlägen der Ernährung und der Bewegung kommt hier eine enorme Kontrolldichte, was den eigenen Körper angeht. Nicht nur die Schritte werden gezählt, alle Vitaldaten in Diagrammen auf dem Computer, der in der Armbanduhr sitzt. Sogar, wann man müde zu sein hat, weiß sie und fiepst dann. Dabei habe ich wieder die Frage nach dem Menschenbild. Und es bleibt meine Skepsis gegenüber dem Ingenieurwesen; jedenfalls wenn es um den Menschen geht, die beseelte Kreatur.

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GENIES UNTER SICH.

Eigentlich funktioniert bei mir gut, was SIGMUND FREUD Verdrängung genannt hat; ich vergesse nächtens vieles und habe damit meinen Frieden. Zwei Sätze hängen mir im Hirn fest und sperren sich vor der nächtlichen Ablage im Universum des Vergessens. Das könnte daran liegen, dass sie nachdenkenswert sind.

Der erste Satz ist von PETER SLOTERDIJK; er hat ihn als apodiktisches Urteil über JÜRGEN HABERMAS verhängt. Er lautet: „Nie hat er einen originellen Gedanken gedacht.“ Habermas habe nur andere Autoren im Hinblick auf ihre Verwertbarkeit zu seinen Zwecken „exzerpiert“, sprich ausgewertet. Das ist ein weicher Plagiatsvorwurf; er soll sich sein Wissen zusammengeklaut haben, der Säulenheilige Habermas. Ein deftiger Satz. Dabei kann Sloterdijk privat sehr charmant sein; ich habe jahrelang eine TV-Sendung mit ihm produziert. Er hat den Charme des Bazon.

Der zweite sperrige Gedanke stammt von MICHEL FOUCAULT und entstammt dessen Testament. Er soll in seinem letzten Willen verfügt habe, dass von ihm keine Wert posthum veröffentlicht werden dürfen. Das wollte er für seinen Nachruhm verhindert wissen. Seine Erben sollen sich daran für einige Jahre gehalten haben; man hat ihnen jedes Wort und jede Notiz abringen müssen. Mir ist vor allem in Erinnerung, dass er ein blendendes Deutsch sprach, was mir mit meinem nun wirklich miserablen Französisch sehr imponierte. Aber eitel war er schon.

Was ist beiden Sätzen gemein? Die Triebfeder der Wissenschaft. Es ist NARZISSMUS. Was macht die Genies mobil? Das. Wir sind in höherem Sinne im Milieu der schwulen Selbstliebe, die, das ist entscheidend, unstillbar ist. Hier liegt die innere Tragik, die zum ewigen Fleiß antreibt. Bei den alten Griechen ist Narziss ein holder Jüngling, der alle Bewerber (sic) abweist und von einem so Verpönten denunziert wurde, weil er eben nicht wollte, und deshalb zu unstillbarer Eigenliebe verurteilt wird. Eine Tragik eigener Art.

Zurück zu Sloterdijk, dem Vielschreiber. Wenn dieser Skribent eines kann, dann die Weltliteratur exzerpieren. Er ist ein manischer Feuilletonist auf der Suche nach Pointen. Er lebt, was er vorwirft. Manischer Mut zum selbstbezüglichen Widerspruch. Trotzdem möge er lang leben. Posthume Veröffentlichungen würde ich allerdings eher für verzichtbar halten.