Logbuch
KALENDERSPRÜCHE.
Den heutigen Tag gibt es nur alle vier Jahre, lerne ich: wir haben ein Schaltjahr. Man könnte den geschenkten Tag zum Anlass nehmen, ihn einer besonderen Verwendung zuzuführen. Wird nicht passieren, wir lassen unsere Tage wie die Körner der Sanduhr verrinnen.
Der kalkulatorische Mangel ist auf den Erfinder unseres Kalenders, den Römer Julius Cäsar, zurückzuführen und seine Orientierung an der Sonne. Wären wir Morgenländner würden wir uns am Mond orientieren. Immer ist es wohl der Rhythmus von Tag und Nacht; beides nicht zu trennen. Warum schlafen wir?
Am liebsten ist mir die Sonnenuhr. Über den Stock in deren Mitte, den Gnomon, habe ich mal einen Vortrag in Österreich gehalten, der mir eine Gastprofessur in Krems bescherte. Es ging eigentlich um den Sinnspruch: „Mach es wie die Sonnenuhr / Zähl die heiteren Stunden nur.“ So ist nämlich das Wahrheitsprinzip der PR, die selektive Wahrnehmung.
Und was ruft uns dieser Gnomon heute zu? Er ist frech und sagt: „Euch beherrscht der Schatten / Mich das Licht!“ Das gefällt mir. In diesem Sinne.
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SO WIRD DAS NIX.
Als ich noch bei ARAL war, gab es den Spruch: „DIE SHELL MACHT KEINE FEHLER.“ Man hatte im Binnenwettbewerb innerhalb des Tankstellengeschäfts als BLAUER einen gewissen Respekt vor den GELBEN. Klammheimlich lag auch noch ein Argusauge auf der JET, die eine aggressive Preispolitik machte. Ob die Verachtung gegenüber den ROTEN, sprich der ESSO, berechtigt war, lasse ich mal offen.
Was für den Laden insgesamt galt, galt auch für die Pressepolitik. Bei den GELBEN war mein Kollege der legendäre JOHANSSEN, der leider viel zu früh verstorben ist (und dessen Witwe Uli Mayer ich kürzlich traf und herzlich gegrüßt wissen möchte). KLAUS-PETER war jedenfalls ein Leuchtturm. Ich habe nicht alles geteilt, was er so anstellte, aber wen traf ich auf Pressebällen morgens um eins an der Bar? Genau. Man achtete sich. Der von den ROTEN war ein Pinsel.
Regel: Wähle Dir in Deiner Branche einen „relevanten Wettbewerber“ und lerne von ihm. Macht er irgendetwas anders als Du, nimm zunächst an, dass er (!) Recht hat. Und nicht Du. So entsteht Exzellenz.
Darf ich die Herrschaften, die Ladestationen für Batterie-Autos unter freiem Himmel in den schmutzigsten Teil abgerockter Industrieflächen stellen und als öffentlichen Toiletten für Fernfahrer so zugemüllt stehen lassen, dass die Flucht zu McDoof oder WürgerKing noch attraktiv erscheint, fragen, wo genau sie sich das abgeschaut haben?
Warum treiben die Gesellschaften, die das hundert Jahre machen, einen Aufwand, den Du Dir als genialer Stromversorger glatt sparen kannst? Weil nach Deinem Bauchgefühl, nur einer keine Fehler macht: Du selbst. Na, und Elon Tesla. Ihr zwei beide. So wird das nix.
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DAS SOZIALE MENU.
Wie zu Studentenzeiten an der wilden Ruhr Universität lauschte ich gestern einer Vorlesung von HANS ULRICH GUMBRECHT, diesmal als Aufzeichnung am iPad. Er ist nur unwesentlich älter als ich und war damals einer der jüngsten Professoren in Bochum und ist nun an der Stanford University emeritiert. Hierzulande gilt er als Exot, da er die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Er spielt den Bildungseuropäer mit US-Faible. Sein Vortrag war in Luzern, wo sie ihn als einen der letzten Universalgelehrten preisen.
Gemach. Es geht um eine angeblich fixe Idee, die der GLEICHHEIT (im Französischen der BRÜDERLICHKEIT), die dem Schweizer Publikum als „Sozialdemokratismus“ erscheinen und nach „Unverteilung“ riechen. Das widerspricht dem bürgerlichen Liberalismus am Ort. Daran kann man sich also getrost abarbeiten. Der Professor sprich Deutsch, nennt aber einen einzelnen Begriff immer wieder nur auf Englisch: „affirmative action“. So werde in den US-Unis Gleichheit garantiert. Entgegen dem üblichen Schlendrian gucke ich das mir unbekannte Wort nach. Das wurde spannend.
Der Begriff stammt aus der Bürgerrechtsbewegung, also der Emanzipation der afrikanischen Amerikaner gegen weiße Vorherrschaft. Er stammt angeblich von John F. Kennedy und meint „positive Diskriminierung“; welch ein Wort. Gemeint ist vorsätzliche Vorteilsgewährung bei solchen sozialen Gruppen, die ansonsten Nachteile zu erwarten hätten. Die Leitvorstellung ist zum Beispiel eine möglichst vielfältige Population an Unis, die man eben durch eine solche positive Diskriminierung erreichen könne. So wie man ein Menu zusammenstellt.
Wohlgemerkt, es geht nicht um Chancengleichheit im allgemeinen Sinne, so wie wir das aus dem Hinweis kennen, dass bei gleichen fachlichen Voraussetzungen eine bestimmte Gruppe bevorzugt werde, etwa Menschen mit einer körperlichen Einschränkung. Es geht um die Verhinderung des Zufalls durch gestaltenden Eingriff in die soziale Selektion. Oder die Verhinderung des Vorurteils; das muss man schon einräumen. Aber wer gestaltet mit welchem Mandat nach wessen Maßgabe? Die Elite macht sich eine Elite.
Dagegen kann nur die Vorstellung der MERITOKRATIE stehen, nach der wirkliche individuelle Verdienste steuern sollen, wer vorne liegt und wer weiter hinten. Fairer Wettkampf der Leistungen. Darauf geht der grauhaarige Prof aus Kalifornien nicht weiter ein. So leicht hätten wir ihn damals nicht vom Pult gelassen. Alta, affirmative action, ich glaube es nicht.
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DIE GUILLOTINE.
Wenn Sie eine Hohe Küche für ein Architektenmass halten, habe ich heute nichts für Sie. Wir reden heute kulinarisch von Haute Cuisine. Über wirkliche Sterne-Küche. Für feine Gaumen und gegen stramme Rechnung.
Hätten Sie drei Sterne und ein Restaurant, so würden Sie die Kritiker fürchten, die für diesen Ruhm sorgen. Oder eben nicht. Test-Esser. Sie fürchten dann Resto-Führer wie den Gault Millau oder den Guide Michelin. Und deren Rezensenten. Sie würden einen Stefan Durand-Saufland kennen (so Gallier zu Paris) oder einen Jürgen Dieblase (so teutscher Zunge). Oder den wirklichen Star aller Resto-Kritiker, Giles Coran, der als Waliser die Tommys in der TIMES beglückt.
Jüngster Skandal: Im Pariser Resto namens Apero gab es Zucchini (ein gurkenhaftes Gemüse) und darin lag ein Stück Plastik. Die stockseröse, eher konservative Zeitung FIGARO (kein Frisörblatt) hatte die Story. SKANDAL. Stephane Duroc-Saufland, deren Edelfeder für NOUVELLE CUISINE, zeigt sich ungehalten. Er zieht ein weiteres Ass aus dem Ärmel: Das Essen habe ihn insgesamt traurig gemacht; welch ein Todesurteil durch die genialische Gabel-Garbo. Die Guillotine. Es war bloße Routine, also traurig. Dafür zahlt man dann ungern 500€ pro Menu, ohne Getränke, versteht sich.
Fremdes im Essen? Ich hatte schon eitriges Pflaster im Hühnerfrikassee (Mensa der Ruhr Universität Bochum, Großer Saal). Silberfischchen in der Brotschublade (Vier Jahreszeiten Hamburg). Hosenknopf im Baeckeoffe (Zum Storch im Elsässischen). Haare unterschiedlicher Farbe und Länge (weltweit). Ein Tampon unter Seetang in den Muscheln in Weißweinsud (Dubrovnik).
Und unendlich viele Essen, die mich traurig ins Leben entließen. Weil nicht mal eklig. Es gibt Ausnahmen. Gestern Abend etwa: Austern, Rindstartar, Rehschulter geschmort mit Wirsing. Wein aus der Wachau. Großartig. Nicht ganz billig, aber auch nicht abgehoben. Wo? Sag ich nicht.