Logbuch
HISTORIA DOCET.
Die Geschichte lehrt, heißt es. Der Lateiner sagt: „historia docet“. Aber was? Ich weiß es nicht. Man sollte vielleicht keine Sottisen erwarten; das ist das Hobby der Ideologiesüchtigen, die die Geschichte nur plündern, weil sie Beispiele für ihre irren Theorien brauchen. Geschichte versteckt sich; man sieht sie ohnehin nicht, jedenfalls nicht durch Tourismus. Touristen entdecken im Exotischen nur das Immergleiche.
Das Leben kehrt zurück in die Große Stadt. Lunch im „Salz & Tabak“ in der Kochstraße, die aus politischer Opportunität zur Hälfte Rudi-Dutsche-Straße heißt. Idol meiner Schülerjahre. Dann Attentatsopfer. Der Italiener sitzt unten im alten Gebäude der TAZ, dem linken Zeitungsprojekt, das online überlebt hat. Die Kochstraße war in der Weimarer Republik die Zeitungsstrasse, an deren Ende später, im Kalten Krieg, Axel Springer sein Hochhaus ostentativ an die „Mauer“ setzte. Strammer Antikommunismus.
Hier wurde ich Zeuge der Maueröffnung. Vom Presseclub Springers, ganz oben in dem Hochhaus, getäfelt mit dem Holz der Londoner Times, konnte man auf die Mauer runterblicken. Martini in der Hand. Es wurde das GOLDENE LENKRAD verliehen. Es sah von hier oben aus, als habe jemand einen Sack Reis aufgeschnitten. Neben mir Walter Momper, der damals Regierende Bürgermeister, der es zunächst gar nicht glauben wollte. Andere feierten, ich ging zu Bett. Am nächsten Morgen die Stadt voller Trabis. Einen historischen Tag verpennt.
Aus den Reihen der Alt-68er („Enteignet Springer“) ist jetzt einer Herausgeber der WELT. Kompletter Seitenwechsel, horizontal und vertikal. Das hängt ja oft zusammen, erst der Aufstieg, dann der Umstieg. Oder umgekehrt. Na ja, in seiner Autobiographie sucht Stefan Aust eher den Eindruck zu erwecken, als sei er immer schon eine liberale Seele gewesen. Gegenüber vom „Salz & Tabak“ der Fresstempel eines unsäglichen TV-Kochs; wird hier nicht empfohlen. Hinter dem Checkpoint Charlie (Friedrich Ecke Koch) eine Lebensversicherung, die hier vor hundert Jahren Kommunisten der KPD gründeten, um sich eine Feuerbestattung leisten zu können; man wollte nicht wie die Christen in Holzkisten auf das Jüngste Gericht warten. Solidarität für die letzte Würde.
Wie gesagt, die Touristen kommen wieder und laufen wie ehedem ahnungslos durch die Stadt. Oder fahren auf diesen unsäglichen Elektrorollern, eine gefährliche Kinderei. Sie glotzen und sehen nichts. Was ein Taxi zum Görli koste, fragen zwei australische Rucksackreisende den türkischen Droschkenkutscher am Halteplatz, der die Augen verdreht. Im Görlitzer Park lässt der Senat offenen Drogenhandel zu. Was sollen die abgelehnten und geduldeten Asylbewerber auch sonst tun, soll die Bürgermeisterin gesagt haben, eine Grüne. Permissivität gilt hier viel: „legal, illegal, scheissegal“.
Einen schweren Weißen aus Sizilien getrunken, jenem okkulten Anbaugebiet, aus dem die schwachbrüstigen Franzosen mit den großen Namen über Jahrhunderte heimlich hochgepantscht wurden. Tolle Qualität. In Butter gebratene Seezunge, Fenchel. Passt.
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METROPOLE.
Den früh morgendlichen Himmel über der großen Stadt beseelten Schwalben, in grazilem Flug, wie ein leichtes Spiel, fast wie in einem freien Tanz segeln sie auf und ab. Wunderbar anzusehen. Aber trügerisch. Die Biester jagen so Fluginsekten. Ihr Frühstück.
Auf dem noch leeren Trottoir Raben. Krächzende Aasfresser, frech und dreist. Früher Boten des Teufels. Und anerkannte Schlaumeier. Die schwarzen Galgenvögel wühlen im Müll, verzehren auf dem Mittelstreifen den Roadkill. Im Gebüsch eine fliehende Ratte. Berlin halt. Berlin muss man mögen.
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MASTER OF DESASTER.
Ein alter Film-Mitschnitt eines Empfangs mit Lady Thatcher und Dr. Helmut Kohl. Mit Ton; man kann lauschen. Dieser in Pfälzerdeutsch mittels Übersetzerin selbst im Zwiegespräch deklamierend, diese wie immer eine halbe Oktave zu hoch flötend; die eiserne Lady auf Zuckersüß. Dann aber die Queen, Mitterand in bestem Französisch grüßend, in klarer Ansprache an den amerikanischen Außenminister stellt sie die epochale Frage (thematisch zu einem Dritten, der gerade vom englischen Außenminister Edward „Ted“ Heath verhackstückt wurde): „Is he master of his situation?“ Großartiger Gedanke. Nicht nur HERR DER LAGE, das ist etwas anderes, sondern „Herr seiner (!) Lage“. Ich bin begeistert. Was für eine kluge Frau!
Welch ein Lebensziel: Herr seiner eigenen Situation zu sein. Was ja auch eine andere Frage klärt: Was man tun kann, wenn man sich getrieben fühlt. Bedrängt. Verbittert. Antwort: die Situation ändern. Wenn ich nicht mehr Herr der Lage bin, dann muss die Lage halt dran glauben.
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DRAFT RESISTANCE.
Meine politische Jugend bestimmte unter anderem die Gegnerschaft zum Krieg der USA in Vietnam, den sie von den Franzosen geerbt hatten. Es imponierte mir damals, wie junge Männer in Amerika ihren Einberufungsbescheid öffentlich verbrannten. Man glaubte: Es gibt ein Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung. Aus Gewissensgründen.
Die Annahme eines ultimativen Staatsnotstandes, der alle seine wehrfähigen Bürger an die Waffen zwinge, war das Standardargument der Prüfungskommissionen, die zu ermitteln hatten, ob man aus Gewissensgründen seinen Militäreinsatz verweigerte. Die gab es zu meiner Zeit, Gewissenprüfer. Auch ich habe vor einer solchen Kommission gestanden und Gewissen nachgewiesen. Schlanke Lösung. Easy out. Der Rest ist Schweigen.
Gibt es ein Menschenrecht auf Flucht vor der militärischen Verteidigung? Etwa, weil deren Ansatz moralisch so ungeheuerlich ist, dass er Ausnahmen zulassen muss? In die gemeinschaftliche Vernichtung eines Nachbarn einzutreten, kann eine ethische Zumutung sein. Strittig ist dies für Opfer eines Angriffs, also für den Verteidigungsfall. Man kann, so ein Kalkül, eine andere Kollektivleistung anbieten, ein Äquivalent. Sozialdienst etwa, oder Freikaufen. Zu anständigen Preisen. Ich weiß, dass das sozial zynisch ist. Aber wohl die Rekrutierungslogik von Berufsarmeen; sie ziehen schon immer vornehmlich die Armen.
Eine allgemeine Mobilmachung greift durch. Jetzt aber alle russischen Verweigerer in der EU des Landes zu verweisen oder den Asylgrund prinzipiell zu verwehren, das hat schon etwas sehr Rigoroses. Wieder höre ich dazu unsägliche Propagandisten bekannter Provenienz, die den Russen verweigern wollen, was ihnen zustehen könnte, und zwar, weil sie Russen sind, also mit einer bloß ethnischen Begründung. Darüber, rate ich, nochmal nachzudenken. Ich hätte als wehrpflichtiger junger Mann nicht in der Uniform eines GI nach Vietnam gewollt, um fliehende Kinder mit Napalm zu übergießen. Nicht zu vergleichen, schon klar. Trotzdem.