Logbuch

REAKTANZ.

Menschen sind vernunftbegabt. Sie wollen von dieser Begabung gelegentlich auch mal keinen Gebrauch machen. Darum Alkohol und Drogen, darum Karneval. Den tierischen Ernst verlieren wollen.

Der Karnevalist ist gegen den tierischen Ernst. Er besäuft sich und ist albern. Überhaupt ist die Sesshaftigkeit des Jägers & Sammlers darauf zurückzuführen, dass er nur so zu Korn und Traube kommt, sprich Bier und Wein. Alles eine Frage des Menschenbildes.

Auf ein Übermaß an verlangter Vernunft reagiert der Überforderte mit Unwillen. Man nennt das REAKTANZ, wenn die rational Verzweifelten in Trotz und Wahn fliehen. Wenn Mengen zum Mob werden. Da verliert der kalte Staat sein Recht, reagiert er nicht mit Gewalt. Und auch das hat Grenzen.

Was uns von den Tieren unterscheidet, ist FEIERN WOLLEN, also das Maß der Veredelung des Dionysischen, nicht das Dionysische selbst (SEX & SUFF). Und immer schon mit einer Spur TODESSEHNSUCHT. Anders kann man nicht verstehen, was die Bilder vom Straßenkarneval aus dem Rheinland zeigen.

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KEIN KOMIKER.

Brecht sah sie in CARMEN und stellte ihr sofort nach, der Hund. Sie wurde, obwohl liiert, wiederholt schwach, wie man so sagt, in Augsburg.

Die Sängerin Marianne Zoff war fünf Jahre mit Bert Brecht verheiratet und danach fünfzig mit Theo Lingen. Bis zu dessen Tod. Lingen, der Komiker, hat die Tochter des Stückeschreibers mit der Sängerin, die Schauspielerin Hanne Hiob, adoptiert. Lobenswert.

Von Lingen stammt der Satz zu seinen Rollen: „Natürlich nehme ich den Dreck, den ich da spiele, nicht ernst.“ Man hatte ihn auf das komische Fach festgelegt. Gefällt mir.

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REICHSPOGROMNACHT.

Der FASCHISMUS ist nicht in fernen Zeiten vom Himmel gefallen oder aus einer fernen Hölle über uns gekommen. Und: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ (Brecht)

Vor gut achtzig Jahren also haben Deutsche in einem politischen Auftakt ihre Nachbarn, die sie für Juden hielten, deshalb bedroht, geschändet, enteignet, in die Vernichtung geschickt. Man wollte das Land ARISIEREN, zum Modell einer Volksgemeinschaft machen, die sich als HERRENRASSE verstand. An diesem deutschen Wesen sollte die Welt genesen.

Man verging sich an seinen Nachbarn, nicht alle, aber viele. Und alle schauten zu. Es konnte jeder wissen; es wusste jeder. Die PROPAGANDA war nicht heimlich; sie war unüberhörbar. Und wurde, wenn nicht bejubelt, so doch hingenommen. Zumindest das ist eine historische Schande. Die „Braunen“ waren unsere Nachbarn, die unsere Nachbarn zu vernichten anstanden. Ich sehe heute, immer noch oder wieder, Teile des Landes mit dieser Vorstellungswelt kokettieren. Scham und Zorn.

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LARMOYANZ.

Als eine feige Bande erscheinen die Journalisten, die gegen Missstände im eigenen Haus nix sagen wollten, weil sie Angst um den Job hatten. Wie klein. Früher war das das Salz der Erde.

Ist das jener unerbittliche Journalismus der HALTUNG, der seine Opfer ohne jede Gnade entehrt? Zweierlei Maß. Der NDR klärt über sich selbst mittels der Mediensendung ZAPP auf. Habe ich mir leider angesehen, das neueste Praktikantenstück. Wir sehen im Wesentlichen Außenaufnahmen von Gebäuden und zwei, drei Interviews mit marginalen Personen. Eine davon eine Moderatorin, die entlassen wurde und vor dem Arbeitsgericht in zwei Instanzen verloren hat; nennt sich in der PR „verärgerter Mitarbeiter“, eine Quelle minderer Qualität. Die Dame ergeht sich dann auch in anonymes Hörensagen. Sie hat verdeckte Werbung ins Programm gehoben, weil sie Angst um ihren Job hatte; der Markt für „übergewichtige Moderatorinnen“ sei nicht groß. Peinlich. Wehleidig.

Wo sind die Intendanten und Intendantinnen als Arbeitgeber? Warum schützen sie ihre Leute nicht? Macht sich irgendjemand Gedanken darüber, welches Bild von Journalismus hier gezeichnet wird? Ich meine nicht jenen Eindruck durch die aufgefallenen angeblichen Bösewichter (beim NDR alles Peanuts für meine Begriffe oder regelrechte Falschdarstellungen), sondern der Eindruck, den jetzt die Saubermänner von der Profession machen. Diese Selbstaufklärung ist dünn, sehr dünn. Eine Nacherzählung der Gerüchtelage ohne einen Hauch frischer Erkenntnis. ZAPP ist echt schlapp.

Sind das die Kräfte der Selbstheilung? Paaah. Was bleibt ist der Eindruck einer Kaste im Treibsand der Selbstdiskreditierung. Fast hat man als PR-Mann Mitleid. Aber auch das ist nicht nötig. Das Selbstmitleid ist bei den HALTUNGSJOURNALISTEN ohne Rückgrat ja schon groß genug. Einst Scharfrichter, jetzt Jammerlappen.