Logbuch
NÖTIGUNG NÖTIG.
Die Klimakleba haben den politischen Status des Clowns erreicht und ihre Sache ad absurdum geführt. Auch ein Klima der Nötigung hat nicht mehr Zustimmung gebracht.
Vor dem Rathaus Zehlendorf hat mich am Freitag, also noch vor der gerade gescheiterten Volksabstimmung, ein Aktivist angesprochen, um mich zum Plebiszit zu bewegen. Er ist fünfzig, arbeitet in der Kommunalverwaltung, gehört der Partei der Grünen an und will mit mir über E-Fuels reden. Ich rieche wohl liberal; dafür hat er eine Nase. Neben ihm ein Liegefahrrad, das stromlinienförmig mit Kohlefaser umkleidet ist und eine Bauhöhe von 80 cm hat, so hoch wie ein LKW-Reifen.
Ich spreche ihn auf den baulichen und energetischen Zustand des Rathauses an, das sich im Vorkriegsstandard befindet, wo er arbeitet. Ob er sich da nicht mal ankleben wolle. Das findet er polemisch, zudem sei er im Home Office. Neben dem Zyniker im Staatsdienst eine junge Frau, die ihm bewundernd zuhört. Der Berufsjugendliche rechnet mich, bekennt er zu ihrer Begeisterung, der 911-Fraktion zu; ich nehme das hin und gehe weiter.
Gelernt habe ich, dass ich, weil ich nicht freiwillig den Grünen folge, eben genötigt werden müsse, weil wir einen Notstand haben, der Sondermaßnahmen gegen Leugner rechtfertige. Insbesondere gegen 911er. Ich habe nicht mehr die Kraft, darauf noch einzugehen.
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MESSER.
Ein richtiger Junge hat ein Messer in der Hosentasche. Völlig klar. Mindestens mit Schnitzklinge und Säge. Auswahl nach oben offen. Dank Schweizermesser. Mindestens das ganz kleine mit Schere, Pinzette und Zahnreiniger. Eh klar.
Genderfragen interessieren mich nicht. Aber natürlich kann auch ein Mädchen ein Messer zu stecken haben. Die Königsdisziplin wird mit Laguiole erreicht, dem schlanken Franzosen mit der Fliege drauf. Oft mit Korkenzieher.
Das Offiziers- oder Sackmesser des Schweizer Militärs ist sprichwörtlich und hatte als Grundausstattung einen Dosenöffner; übrigens ursprünglich in Solingen, der deutschen Messerstadt im Niederbergischen, gefertigt, bis es Victorinox selbst konnte. Manchmal gehe ich in deren Flagshipstore am Tauentzien und kaufe mir noch eins. Taschenmesser kann man nicht genug haben.
Man erkennt den Dilettanten daran, dass er den amerikanischen Leatherman in diesem Zusammenhang erwähnt. Das Unding von einem Multitool ist eine überambitionierte Zange, sonst nichts. Anfangen lässt sich damit rein gar nichts. Und getragen würde es am Gürtel, wo allenfalls Fahrtenmesser hingehören, also Boyscout-Quatsch. Unwürdig.
Ob das italienische Springmesser etwa auch in die von mir gepriesene Art gehöre, werde ich gefragt. Und was mit feststehenden Klingen sei. An Bahnhöfen werde man neuerdings darauf gefilzt. In Flugzeugen gingen die ja noch nie. Alles Mädchenfragen.
Auf dem Petersplatz wurde ich mal mit einem Laguiole erwischt. Der Carabinieri schaut es sich an. Klappklinge und auf der Gegenseite genau so langer Dorn zum Eiszerkleinern, ein Hammergerät mit schwarzem Perlmutt. Nicht ungefährlich. Er nimmt es mir ab und rät mir, ihn wieder anzusprechen, wenn die Audienz vorüber. Ich finde ihn nach zwei Stunden wieder und er steckt mir den Dolch grinsend in die Tasche. „Das brauchst Du, um Äpfel zu schälen?“ „Genau!“ Der Mann weiß halt, dass ein richtiger Junge immer ein Messer zu stecken hat.
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PARADIES AUF ERDEN.
Wie erklärt man jemandem aus Stellenbosch, warum die Eingeborenen hier am Ort Äpfel keltern und das saure Gesöff preisen. Südafrika hat die herrlichsten Weine. Und der Hesse Fallobst von der Kitschenwiese.
Nur die Frauen können das Land noch retten, höre ich. Der alte weiße Mann spricht über seine Heimat und die bitterarme Bevölkerung schwarzer Abstammung in Gettos. Wenn sich hier kein Matriarchat durchsetze, drohe die Verwahrlosung ganzer Milieus. In mir springt die automatische Zensur an. Lausche ich einem Rassisten? Ich bin mir nicht sicher. Und höre dann doch zu.
In Johannisburg hält man nachts nicht an roten Ampeln, weil der Überfall auf das Auto geradezu erwartbar ist. Die persönliche Sicherheit sei in „gated communities“ einigermaßen gut, aber nicht alle Bewohner seien noch bereit, die sauteure private Sicherheitsfirma zu bezahlen. Am Rande seines Viertels hinter Stacheldraht habe sich eine illegale Wellblechsiedlung gebildet, deren Bewohner nun auf das Recht pochten, das abgesperrte Gebiet durchqueren zu dürfen. Dann sei es auch tagsüber nicht mehr sicher für Frauen und Kinder.
Ich sitze in einer Frankfurter Äppelwoi-Kneipe neben einem Buren, einem Touristen aus Südafrika. Und weiß gar nicht, ob ich dessen Geschichten glauben soll. Er arbeite, berichtet er, als Migrant auf Mauritius als Bau-Ingenieur, werde da aber nicht in Pension gehen können. Die ehemalige Strafinsel der britischen Kolonisatoren in Indien, das sagenumwobene Mauritius, gebe ihm, dem Südafrikaner, keinen Pass. Er wolle im Alter nach Europa.
Flüchtlingsgespräche auf höherem Niveau. Die Idylle meiner Heimat beschämt mich. Er fragt mich, ob ich etwa unbewaffnet durch das Nachtleben Sachsenhausens ziehe. Ja, sicher! Das könne er zuhause nicht wagen. Selbst die Polizei sei in einem Ausmaß korrupt, dass oft nur ein Krüger Rand helfe. Oder eben eine Glock. Starker Tobak.
Ich wende mich ab. Es bleibt aber das schlechte Gewissen des Beschenkten. Nicht durch die Räuberpistolen des Buren. Nein, beschämt durch die Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Frieden hier hinnehmen. Noch nie, sagte mir der weiße Mann, habe er Schulkinder auf Fahrrädern allein auf dem Schulweg gesehen. Noch nie. Das sei ungeheuerlich. Wie wir das geschafft hätten? Gute Frage.
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PROVINZ WIDERWILLEN.
Gestern Vortrag des Staatsministers für die neuen Bundesländer; es war was zu lernen. Der Länderfinanzausgleich, der für annähernd gleiche Lebensbedingungen in den Regionen sorgen soll, richtet seine Umverteilung nach der Kopfzahl. Damit führt die Entvölkerung zu einer weiteren Verschlechterung in den betroffenen Regionen. Ein ernsthaftes Thema. Es gehen die Jungen, die Höherqualifizierten und die Frauen; es bleibt der Rest. So entstehen Provinzen wider Willen und es gewinnen unverdient die Metropolen.
Was dem entgegenwirken kann, ist Strukturpolitik. So gehören dann etwa neue öffentliche Einrichtungen in die Provinz; gut so. Von einem Gewerkschaftsvorsitzenden habe ich aber erst kürzlich gehört, dass man für fordernde Industriearbeitsplätze, etwa der Schichtarbeit, in der tiefen Provinz keine Leute finde. Als meine Familie aus dem Ostpreußischen ins Ruhrgebiet zugewandert ist, war dies die Ödnis, die es heute wieder ist; dazwischen der Boom. Man muss den Wandel gestalten wollen. Die Weltwirtschaft hat keinen Respekt vor Erbhöfen.
Mir scheint dabei das BÜRGERGELD ein falsches Signal; ich sage das ohne Schaum vor dem Mund und einem prinzipiellen Respekt vor Arbeitnehmern. Die Forderung des FORDERNS & FÖRDERNS scheint mir noch immer rechtens. Der eingangs zitierte Staatsminister, ein Sozialdemokrat, wünscht sich vom Osten dazu auch noch Gastfreundschaft gegenüber Zuwanderern, ganz gleich ob aus dem deutschen Westen oder dem europäischen Ausland oder gar gegenüber Flüchtlingen.
Damit stoßen sich die Dinge im Raum. In der residualen Bevölkerung fischt die AfD. Hinzukommt die Regelungswut der Europäischen Kommission, die eine Meinung dazu hat, was ein Stadtwerk hierzulande darf oder eine Sparkasse. Schließlich eine gereizte Stimmung gegenüber der grünen Interventionsbereitschaft. In der Summe empfinde ich Respekt gegenüber den Politikern der Provinz.