Logbuch
MEHR MITTELALTER BITTE.
Wir leben, wenn wir den Geschichtsschreibern der Zeitgeschichte glauben dürfen, nicht mehr in der wohligen, weil wohlgeordneten Moderne. Postmoderne Dekadenz. Ein Rückfall ins Mittelalterliche sei zu beklagen. Man vermisst in der neuen Unordnung den Geist der allseitigen Liberalität. Orientierung fehlt.
Mittelalter? Nun ist Geschichte immer nur der jeweils aktuelle Stand ihrer Klitterung, aber an diesem zeitgeschichtlichen Narrativ stimmt so gut wie gar nichts. Bis auf eines; das aber zum Schluss. Zunächst war das Mittelalter eine Zeit hoher Kultur. Was hier in Klöstern an Bildung vor dem Vergessen gerettet wurde, war epochal. Übrigens auch durch die muslimische Tradition, die vieles der griechischen und römischen Antike bewahrte. Die dem Mittelalter entwachsene Renaissance hat uns Barbaren gutgetan.
Dann die mittelalterliche Stadt als Enklave einer völlig neuen Zeit, eine bürgerliche Urbanität, die die Zeitgenossen begeisterte. „Stadtluft macht frei!“ Die grüne Ideologisierung von Natur als Idylle ist ein religiöser Topos, die Annahme eines Paradieses, nur um mit der Vertreibung daraus zu hadern. Weltuntergangsprediger.
Die larmoyant beklagte Fragmentierung in der Zeitenwende ist normaler sozialer Wandel, der so groß nicht ist; was die freien Städter verloren haben, ist der politische Konsens über das Liberale. Man sieht es am dominanten politischen Diskurs in den USA, der wieder der einer Sklavenhaltergesellschaft ist. Das Paradigma der Liberalität einer repräsentativen Demokratie hat seine hegemoniale Kraft verloren. Habermas ist tot.
Im Mittelalterlichen hätte man das im bürgerlichen Bewusstsein als Dummheit der Bauern verstanden, denen ihre Leibeigenschaft lieb geworden ist. Daran ist nichts postmodern. Alles ländlich und vormittelalterlich, wenn so eine ahistorische Bewertung erlaubt ist. Verlust der Urbanität. Bitte mehr Mittelalter!
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VOLKSGEMEINSCHAFT, DIE ZWEITE.
Ein thüringischer Turnlehrer hatte im Internet mal vier Stunden Zeit zu erklären, wes Geistes Kind er ist. Das fand ich eher hilfreich; die Empörung darüber, dass er sich überhaupt äußern durfte, teile ich nicht. Der Mann lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Vertreter der Neuen Rechten ist. Man lernt deren Irrsinn kennen.
Der Turnlehrer denkt alles und jedes wahnhaft völkisch; dabei muss er vieles, was ihm als gesundes deutsches Wesen wahnhaft vorschwebt, im Mystischen lassen, aber dieses Gesinnungsproblem mit dem Arischen hatten die historischen Nationalsozialisten auch. Man will eine arische Volksgemeinschaft und verlangt die Remigration aller Fremden. Warum diese Inzucht alle Probleme lösen würde, weiß man begrifflich klar nicht zu sagen. Nicht mal die Trivialmythen überzeugen. Menschenhass klingt durch.
Es herrscht eine Leitvorstellung von einem Staatsvolk, die im rassistischen Sinne völkisch ist, sprich schon im Ansatz nicht versteht, was ein Staatsbürger ist und eine repräsentative Demokratie westlicher Prägung. Diese wahnhafte Vorstellung vom Segen einer inzüchtigen Volksgemeinschaft hat auch den italienischen und deutschen Faschismus des vorigen Jahrhunderts geprägt. Ob man daraus jetzt Beschimpfungen ableiten sollte, weiß ich nicht.
Den Rechtsstaat stellt der Turnlehrer aktuell in Frage, gelegentlich den Staat überhaupt; das ist nicht verfassungskonform. Was er fürderhin wirtschaftspolitisch will, bleibt im Dunklen. Ich stimme ihm schon in der Vorstellung eines reinrassigen Staatsvolkes nicht zu; das atmet Diktatur irrationalster Güte. Den wähle ich nicht. Mit dem ginge ich keine Koalition ein. Den mache ich nicht wichtig. Keine weitere Aufregung.
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DIE DOMINANTE HAND.
Ich glaube, dass der Herrgott mit Linkshänder etwas besonderes vorhat, was er uns aber selbstverständlich nicht verrät. Sie sind insgeheim gesegnet. Ein Sonderfall sind übertrainierte Pianisten, aber dazu kommen wir erst am Schluss dieses Eintrags.
In England habe ich bei einem Kurs zur Dinneretikette gelernt, dass man die messerführende Hand dominant nennt und die gabelbewährte „nondominant“; eigentlich müsste sie subdominant heißen. Die Gabel wird übrigens immer mit den Zinken nach unten geführt; es sei keine Schaufel, sagte der Benimm-Experte. Das gälte auch bei „peas“. Bei einer nicht zu verzeihenden Abwesenheit von Hummerbesteck dürfe die Kuchengabel an dem Schalentier zur Anwendung kommen, nachdem die Scheren barhändig gebrochen wurden. Ich habe im Borchardt auch schon Schweizermesser im Einsatz gesehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die subdominante Hand hat lediglich Haltefunktion, während die dominante Kraftakte vollbringt oder Kunstfertigkeiten. Das Schreiben gilt als eine solche Kulturtechnik, die vorwiegend rechts vollführt wird; was angesichts des Tinteverwischens des vermeintlich tölpelnden Linkshänders verständlich ist, wenn nicht gar vererbt dominante Kulturtechnik. Die Handschrift selbst hat eine so individuelle Ausprägung, dass sie nicht nur Identifikation zulässt, sondern sogar als Charakterspiegel gilt. Ich erinnere mich eines Paukers, der seinen Schülern die Sauklaue (Zitat) austreiben wollte. Bei der Menschwerdung des Affen spielt das Manuskript („mit der Hand geschrieben“) eine große Rolle.
Früher lernten künftige Sekretärinnen das 10-Finger-Blind-Tippen; begnadet, wer das am PC noch kann und wie eine Maschine in das Gerät klappert. Heute sehe ich Kids auf dem iPhone blitzschnell mit beiden Daumen simultan schreiben; eine Fertigkeit, die ich biologisch gar nicht habe. Ohnehin ein Mysterium, weil ich als notorischer Rechtshänder meine Glossen mit dem linken Zeigefinger ins Smartphone tippe. Ich vermute, ich bin ein umadressierter Linkshänder. Meiner Frau Mama waren rigorose Dinge zuzutrauen, wenn sie sie als Fürsorge verstand.
Die Hände sollen unterschiedliche Gehirnhälften adressieren, lese ich. Die zu ganz unterschiedlichen Dingen gut seien. Jetzt frage ich mich, ob ich auf unterschiedliche Hirne zurückgreife, je nachdem ob ich mit links oder mit rechts schreibe. Wenn ich das zu Ende denke, könnte ich als klinisch Schizophrener in der Klapse landen. Also, Mozart war Linkshänder. Und Freimaurer. Und spinnert. Das könnte man auch mal zu Ende denken.
Jetzt zu den beidhändig virtuosen Klavierspielern. Der Bruder des Philosophen Wittgenstein, ein leidenschaftlicher Pianist, hat seine zeitgenössischen Komponisten aufgefordert, mehr Stücke für einarmige Pianisten zu komponieren. Er hatte den anderen im Krieg verloren. Da stellen sich die Fragen der Etikette dann ganz anders.
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MUTTI-MUFF.
Selbstbeweihräucherung. Angela Merkel feiert sich durch eine Biographie ihrer Sekretärin und in mir entsteht ein Erkenntnisekel, wenn nicht ein Flächenbrand des Entsetzens. Auf 736 Seiten verdeckt eine stupide Detailhuberei jeden Ansatz eines großen Gedankens. Kein Zeichen wirklicher Reue. Diese Frau zeigt das tiefe Elend des preußischen Protestantismus. Uninspiriert bis ins Banale. Dem Durchwurschteln ergeben. Mutti war eine Macher:in. Welch eine intellektuelle Tragödie. Die Physikerin an der Macht.
Sie hat von sich selbst gesagt, sie sei ein Bewegungsidiot, jedenfalls hat sie keine Grazie. Dieser Frau kann nicht tanzen. Sie ersetzt Inspiration durch Transpiration. Wieder substituiert der Fleiß das Genie. Sie ist bei der Buchpräsentation im Deutschen Theater (sic) notorisch schlecht gekleidet, weil sie zu keinem Stil findet, aber da ist der Hosenanzug schlechter Konfektion eben nur Symbol der gesamten Haltung, jener pietistischen Schmucklosigkeit, die sich selbst als bescheiden empfindet, aus der aber die Prunksucht der Schmucklosen herausbricht. Diese habituelle Arroganz der vorsätzlich Bescheidenen. Die tiefe Eitelkeit der Uneitlen.
Mutti ist, entgegen dieser materialistischen Schmähung, nichts weniger als hingebungsvoll. Sie lauert auf Momente und nutzt Gelegenheiten. Dabei hat sie stets die wache Intelligenz der Autodidakten: schnell von Vorbildern lernend, stets auf ihren Vorteil bedacht. Sie ist eine protestantische Opportunistin. Es mag hinter dem Rumbasteln Prinzipien geben, aber sicher keine Vision. Im Amt ganz dem Taktieren ergeben, da vermisst man auch in ihrem Rückblick jede Strategie, die diesen Namen verdient. Keine Vorstellung vom Sieg, so wird jede kleine Schlacht zu einer weiteren Perle in der Kette der ihr eigenen Skrupellosigkeit. Das Mädchen aus dem Osten hat die alten weißen Männer des Westens beobachtet, ausgerechnet und dann reingelegt. Das klappte nicht immer, nicht bei jedem. Putin kannte das Milieu und hat sie durchschaut.
Dieser frugale Exzess preußischer Bescheidenheit bei egomaner Ambition schlägt mir auf den Magen. Mich stört nicht, dass sie Ossi ist (sie hadert mit dem Diktum der Ballastbiographie) oder gar Frau, mich stört nicht, dass sie die CDU für ihre Karriere genutzt hat (die Grünen blieben nur knapp verschont), mich stört diese Tadellosigkeit, die sie 16 Jahren ihres Gewurschtels unterstellt. Dem Protestanten ist eine Selbstbeseeltheit gegeben, die mich abstößt.
Ich kann sie nicht mehr sehen. Niemand missgönnt der ehemaligen Kanzlerin den Ruhestand. Es wäre mir aber recht, sie ließe auch uns in Ruhe. Aber da ihr Kinder und Enkel zu verwahren verwehrt, müssen wir jetzt dranglauben. Ich habe, was ich selten tue, das Buch in den Müll gegeben. Ich will diesen Muff nicht mehr.