Logbuch

PERMAFROST.

Ich lese über die Künstliche Kryosphäre. Das ist, wo immer kalt, also wie wo die Iglo-Sachen verrotten, die irgendwann gekauft, in den Tiefen der Truhe vergessen, eines fernen Tages mit dem Fön vom ewigen Eis befreit werden müssen. Der Soziologe Tassos Stassopoulos bestimmt anhand des Gefrierinventars den Grad der Kultur. Auch ein Ansatz.

Die frühen fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind durch zwei bemerkenswerte Ereignisse gekennzeichnet, die Erfindung der Fischstäbchen und meine Geburt, übrigens auf einem Küchentisch unter Assistenz einer Hebamme und eines Knappschaftsarztes. Dazu war die Küche da. Zunächst also dazu, dann der Entwicklung von, wie es im Englischen heißt, fish finger.

Wurden über Jahrhunderte Ortschaften nach der Anzahl der Feuerstellen eingeschätzt, die der Raumheizung wie dem Kochen dienten, so ist es vor siebzig Jahren ein anderer Trend, der den Grad der kulinarischen Kultur ausmacht. Immer mehr werden zur obligatorischen Ausstattung weiße Boxen, die die Temperatur nicht erhöhen, sondern senken. Kühl- und später auch Gefrierschränke ziehen ein. Mag früher eigener Herd Goldes wert gewesen sein, jetzt sind es „fridge & freeze“, in dem die Finger vom Fisch und die Tiefkühlpizza schlummern. Nichts zeigt mehr, wie malade die Moderne ist, als die gefrorene Mafiatorte.

Was hat man früher nicht alles anstellen müssen, um die vermaledeiten Lebensmittel am Verrotten zu hindern, salzen, räuchern, fermentieren, trocknen; und oft blieb nur ein Schatten ihrer selbst. Das Heil kommt mit dem amerikanischen Lebensstil; 1952 hatten 65% aller US-Haushalte schon einen elektrischen Kühlschrank, in England keine 10%. Aus den verstreuten weißen Boxen werden regelrechte Kühlketten, die heute verdeckt, aber wirkmächtig die Kulturnationen wie Lebensadern durchziehen, so bessergestellt. Man nimmt nicht mehr das Huhn lebend mit nach Hause, wenn es frisch sein soll, und köpft es erst dann.

Es könnte sein, dass die Trendwende von der Erwärmung zur Kühlung bald auch die Temperierung der Wohnräume, nicht nur die Nahrungszubereitung erreicht. Wie ist das eigentlich, kann die von Herrn Habeck und seinen Trauzeugen so erfolgreich eingeführte Wärmepumpe auch kühlen? Ich meine, ist das eine veritable Klimaanlage? Dann würde ich über eine Anschaffung nachdenken. Damit nicht nur der Fisch sommers kalte Finger kriegt. Und ich derart wohltemperiert von Doktor Oetker die Vier Jahreszeiten.

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KAFKA LESEN.

Franz Kafka erzählt in seinem Fragment UND ALLMÄHLICH WIRD ES MITTAG von dem Versicherungsangestellten Georg Simson, der eines Morgens erwacht und all seiner Gewohnheiten verlustig gefangen ist. Ein ehedem klar strukturierter Tagesablauf steht vor einer unendlichen Folge offener Entscheidungen, die wiederum ein ganzes Register von grundsätzlicheren Fragen voraussetzen, deren Urgründe freilich auch zu klären sind. Georg Simson ist schon nach dem Frühstück, das zu bewältigen schwer genug war, völlig fertig.

Er weiß, dass er gegen Neun im Kontor zu sein hätte, aber schon die Frage, was er anziehen soll, lässt ihn auf dem Stuhl am Küchentisch erstarren. Die Kafkasche Tragik ergreift auch den Leser; man will ja helfen. Prag in der Zwischenkriegszeit. Heute stellte sich das Fiasko so nicht. Man verlegte die Tätigkeit für die Versicherung ins Home Office. Georg könnte seine Jogginghose anbehalten und müsste nur mit dem Oberteil seiner Kleidung eine vollzogene Morgentoilette vortäuschen. Sollte aus den Konferenzen am Küchentisch mal wirklich Fragen auf ihn zu laufen, die der Entscheidung bedürften, könnte er sie auf die Gruppe rückdeligieren, wo sie auf die Gewohnheiten anderer träfen.

Helfen kann auch die Anschaffung eines Hundes, den man zwar während der Videokonferenzen ins Schlafzimmer sperren muss, wo er das wohlige Bett genießt, mit dem man aber vormittags wie gegen abends und um drei Gassigehen muss, was dessen Initiative ist; wozu allerdings ein Wechsel der Joggingklamotten nicht von Nöten ist. Den jungen Mann vom Lieferdienst mit dem lustigen Turban kennt Bello irgendwann, so dass man die Mute-Taste nur kurz gedrückt halten muss, wenn Pizza kommt.

Durch die Nacht bringt ihn „binge viewing“ auf Netflix. Bei Kafka ist das Ende offen; wie gesagt, es handelt sich um ein Fragment, das Max Brod ohne Zustimmung des Autors herausgegeben hat. Aber ich glaube, dass der todessehnsüchtige Georg nur deshalb nicht von eigener Hand fällt, weil auch das eine Gewohnheit voraussetzt, die er ja nicht mehr hatte. Und so wird es allmählich Mittag. Zuviel Kafka ist nicht gesund.

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KÜNSTLICHE INTELLIGENZ.

Wenn’s zu einem Niedergang der berühmten Berliner Philharmoniker kommen sollte, ich lege mich fest, so begann er gestern Abend. Unambitioniert bis ins Mechanische wurde von einem Gastdirigenten aus Brünn in Böhmen ein regionales Stück seiner Heimat exekutiert, aber eben auch Bela Bartok und Ludwig Van: Das geht zu weit.

Die Gesichter der ehedem grandiosen Musiker meines geliebten Orchesters studierend, konnte ich darin lesen, wie sie beim Spiel sinnieren, dass sie morgen noch zu REWE müssen und den Müll mit runternehmen, während sie also ihr Repertoire pflichtgemäß abgeigten. Fehlerfrei gewiss, präziser ging es kaum, aber auch ohne jede Inspiration. Es wäre leichter gewesen aus einem nassen Lappen einen Funken zu schlagen.

Der russische Herr am Pult, das einst Sir Simon Rattle adelte, schwänzte wie immer; der böhmische Herr, sein gestriger Vertreter, ein mittleres Talent, wie man es jeder Musikschule in Oer-Erkenschwick wünschen würde. Eine Offenbarung des Mediokren aber der Poet in Residence Seong-Jin Cho. Ein Laffe. So klingt Ludwig Van, wenn man ihn in Sagrotan eingelegt hat. Sauber und aseptisch. Runtergeklimpert. Und das beim dem legendären Es-Dur-Konzert für Klavier und Orchester, mit dem er sich einst über Napoleon erhob.

Es gibt wenig Musik, die so heroisch und zugleich grazil ist; eine geniale musikalische Erhebung zum Adel des Charakters. Nichts davon springt über. Ordnungsgemäß abgefertigt. In der Pause blicke ich in das enttäuschte Antlitz einer jungen Frau, die ihre Frustration mit mir teilt und es auf den Punkt zu bringen weiß. Sie sagt: „Das war, KI spielt Beethoven.“

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EINE ZENSUR FINDET STATT.

Weil er einen harmlosen Bildwitz über einen Politiker geteilt hat, ist ein Bürger einer Hausdurchsuchung unterworfen worden und sein Laptop beschlagnahmt. Die vermeintliche Straftat war durch eine private Firma in einer systematischen Suche in Netz entdeckt worden und zur Anzeige gebracht. Die bayerische Justiz erkannte eine Schwere der Tat, die die massive Verletzung der Privatsphäre angebracht erscheinen ließ. Wg. Schwachkopf.

Der Politiker hat seinen Strafantrag bis dato nicht zurückgenommen, obwohl er seine ironische Verbindung mit einer Werbung für Frisörbedarf und die Verballhornung als Schwachkopf selbst öffentlich als minderschwer bezeichnet hat. Die hier agierende Staatsanwaltschaft bestätigte der FAZ, dass allein dieser Witz Auslöser und Gegenstand der Ermittlungen war; rassistische Vorwürfe wurden entgegen den irreführenden politischen Verteidigungsversuchen der McCarthy-Nummer explizit nicht erhoben.

Es geht mir nicht um Wahlkampf. Dies ist ein Fall von Strafermittlung als Strafe, vulgo der Politischen Polizei; und das wiederum ist rechtspolitisch nicht unerheblich. Von dem Politiker gibt es angeblich rund 800 solcher Anzeigen, von seiner Kabinettskollegin weitere 500. Die Justiz hat ja sonst nichts zu tun. Für die Law Firm, die das gegen Honorar betreibt, ist damit faktisch als „Agentur im Kampf gegen Rechts“ geworben. Eine weitere Kabinettskollegin hält es für strafwürdig, wenn man als Bürger Politik verlächerliche. In England sitzen Bürger wegen solcher Witze im Knast. Das propagandistische Paradigma ist die staatliche Verfolgung von Hass-Kommentaren aus dem rechtspopulistischen Milieu.

Jetzt mal weniger gedrechselt: Dem Recht eine Gasse, den Rechten klare Kante. Alles gut. Aber das hier ist Rechtsmissbrauch. Das Motiv? Man verübelt dem Volk seine große Lust am Witzereißen (Heine). Und hinter dem Rollenbild eines süßlichen Charmebolzen nach der Art eines JFK zeigt sich ein anderes Gesicht. Ich erläutere diesen Janus-Kopf nicht weiter; ich weiß ja jetzt, dass mitgelesen wird. Mit Köpfen soll man besser vorsichtig sein. Denn eine Zensur findet statt.