Logbuch
BAUERNKRIEG.
Das lernen wir noch: Ein MÄRTYRER feixt nicht. Ich sehe den Präsidenten der Bauern im TV schon gestern darüber feixen, was der Mistgabelmob heute anrichten wird. Das ist nicht klug. Die Solidarität gegenüber der Landwirtschaft ist ein knappes Gut, das, einmal geerntet, nicht notwendig nachwächst.
Sein Ponem erinnert mich an den Chef des Lokführermafia, die Mittwoch wieder loslegt, indem sie nicht loslegt. Auch dieser Herr hat sein Minenspiel nicht im Griff. Man sieht, wie der Zorn ihn treibt, nicht eine Sorge. Der Mann aus dem Osten mag von seinen Horden geliebt sein, ein Volkstribun ist er nicht.
Weitere Aufständische könnten folgen. Die Gastronomen erwarte ich noch, weil sie das zwischenzeitliche Steuerprivileg wieder verlieren, das ihnen die Zwangsschließungen wegen Corona versüßen sollte. Mal sehen, wie das die Kunden verändert, wenn man ihnen von der Theke aus den Mittelfinger zeigt.
Wenn die allseitige NÖTIGUNG wirklich als NOTWEHR rüberkommen soll, dann mag man sich selbst als gekreuzigt inszenieren, aber nicht als Henker, die uns Galgen an den Straßenrand stellen. Das konnte Greta besser, als sie noch die leidende Kinderheilige gab.
Bei den historischen Bauernkriegen hat sich Martin Luther ja eiskalt als Herrschaft geäußert. Ich persönlich wusste mich eigentlich immer Thomas Müntzer verbunden, der die furiosen Fellachen anführte. Das Grinsen von Söder und Dobrindt sowie Aiwanger gestern über die wachsenden Probleme der Ampel vermiesen mir das.
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POLITISCHE PARADOXIEN.
Als ich gestern durch‘s Lahntal fuhr, waren alle Brücken über meiner Strecke mit Treckern gefüllt; gelbe Warnlampen erleuchteten die Szenarien. Ich habe die Drohung verstanden. Morgen wollen sie die Zufahrten sperren. Es geht um verbilligten Diesel für Trecker.
Meiner Freizügigkeit beraubt, soll ich mich der NÖTIGUNG beugen und Druck auf den grünen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir ausüben, der derweil so tut, als sei er gar nicht in der Regierung. Er verspricht trotzdem eine Fortsetzung des Diesel-Privilegs für Landwirte.
Dessen Partei will zugleich den Diesel-SUV verbieten, dessen Betankung gerade wieder deutlich teurer geworden ist und animiert Klimakleber, die Straße zu blockieren. So meiner Freizügigkeit durch NÖTIGUNG beraubt, soll ich dem Individualverkehr abschwören, außer ich fahre ein Batterieauto. Trecker würden sich technisch übrigens tatsächlich für diesen Antrieb eignen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Gleichzeitig wird mir von den Grünen Rüstungswillen abverlangt, Aufrüstungswillen, jedenfalls wenn es gegen den russischen Aggressor in Osteuropa geht. Was den Terror der HAMAS im Nahen Osten angeht, so ist man im grünen Lager deutlich zurückhaltender. Teile der Klimakleber sind wohl Antisemiten. Könnte ich da bitte auch noch erfahren, zu welcher Einstellung ich hier genötigt werden soll?
Ich erspare mir den Hinweis auf die staatliche Zwangsbeheizung von Wohnraum mittels der heilsbewehrten Wärmepumpe. Hier ist die NÖTIGUNG ja bereits ausgesprochen, nur der Vollzug ausgesetzt. Derweil geht der Immobilienmarkt in die Knie.
Ich versteh das durchaus. Politische Paradoxien. Wenn sich Politik aber nicht mehr aus der Sachlogik erschließt, hilft ja nur Gehorsam: „Gib Zeichen, wir weichen!“
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HALBE WAHRHEITEN.
Die englische Bank namens Barclays unterstützt in Brooklyn, New York ein Sportzentrum für Basketball und darf die Arena nach sich benennen. Eine Episode zu PR als Kunst der halben Wahrheit.
Es gibt anhaltenden Widerstand gegen das Barclay Center, weil der Gründer im 18. Jahrhundert in den atlantischen Sklavenhandel verwickelt war und daher schlecht zu einem Stadtteil passe, der stark von Afroamerikanern bewohnt sei. Tatsächlich war Barclay stark im Geschäft mit Plantagenprodukten wie Zucker und Tabak investiert. Keine direkten Menschenhändler, nur Nutznießer der Plantagen, die Sklaven hielten.
Die PR der Londoner Großbank wehrt sich. David Barclay sei Quaker gewesen und habe sich in Westminster für das Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei engagiert. Als er in einer geschäftlichen Transaktion zufällig in den Besitz einer Plantage mit Sklaven gekommen sei, habe er diese freigelassen. Die Berufung auf Quäkertum scheint noch immer zu funktionieren. Ein Jonathan Jeremiah Peachum.
Ich rufe eine Freundin in Oxbridge an, die auf dem Gebiet gearbeitet hat und sorge für gute Laune. Sie lacht glockenhell. David Barclay sei lange Zeit im Parlament in Opposition zu den Sklaverei-Gegnern gewesen, also gegen die „abolition“, und erst am Ende der Debatte übergelaufen. Und die Sklaven seiner Plantage, die er 1784 gekauft habe, seien 1795 befreit worden, neun Jahre später, als das Geschäft nicht mehr lohnte.
So ist das mit den halben Wahrheiten, geboren im Halbwissen, getragen von klaren geschäftlichen Zwecken. Es gilt der Satz aus Lessings Emilia Galotti: PR ist eine Kunst, die nach dem Brot geht.
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KNAST AUF RÄDERN.
Wenn der Anhänger des Campings nicht nur einen Anhänger hat, sondern dieser gar ein eigenes Fahrgestell mit Motor, dann nennt man das wohl TRAILER. Es handelt sich um eine fahrbare Wohndose. Meist mit Chemieklo und Gaskocher. Die Wohndosen gibt es spärlich, aber auch herrlich, vom Bulli rauf bis zum Luxus-LKW. Mir ist alles recht, auch ein Gelsenkirchener Barock auf Fiat-Chassis, das mit Tenpo 100 auf der rechten Spur rumdümpelt. In meiner Welt soll jeder nach seiner eigen Facon selig werden.
Mir fällt aber auf, dass all diese Schüsseln ihr Heck mit Sinnsprüchen zieren. Man erfährt, dass die Besatzung unterwegs sei. On the road. Echt jetzt? Dass man die Rente genieße. Ist das wahr? Und dass man im Hotel nur zu Gast sei, in der Wohndose aber zuhause. Die Besatzung nennt ihre Kosenamen oder den der Hunde; das weiß man nicht so genau. Bildwitze, unbehändte Karikaturen. Alta Schwede.
Woher der Legitimationsdruck? Die Karre kostet mindestens 200k; dafür kann ich zwanzig Jahresurlaube ins Hotel. Mit Mitte siebzig Lenzen eine kühne Kalkulation. Man kann das auch anders rechnen. Boulevardnotorisch sind die sehr attraktiven Damen russischer Zunge an der Hotelbar, die der Plebs „Tausend-Dollar-Nutten“ nennt. Rechnen wir das mal in Euro. Statt der Wohndose könnte man sich 200 dieser Professionellen leisten. Damit wäre man ja 30 Wochen beschäftigt, vorausgesetzt man würde jeden Abend wollen; sprich wollen können. Wer sich an das Luthersche Maß „In der Woche zwie/ das ist des Weibs Gebühr“ hielte, der hätte geschlossene zwei Jahre abzudienen. Das ist auch für einen 75jährigen rüstigen Rentner mal ein Programm.
Aber der Boulevardvergleich geht fehl. Das Trailertum ist familiär angelegt. Es reisen jene so mit ihren Gatten, die schon heimlich auf das Witwentum hoffen. Und die Abstellplätze vor den touristischen Attraktionen sehen ja auch aus wie Lager; wären die Räder nicht, könnte man von einem Knast mit Doppelzellen sprechen. Jeweils mit einer ungeduldig wartenden Witwe. Folglich verstehe ich die Entschuldigungssprüche auf den Campern. Die Jungs haben sich halt dramatisch verrechnet und trösten sich nun mit den albernen Ausreden selbst. Eigentlich bitter.