Logbuch

PIRATEN MIT PAPAGEI.

Als ich auf die Welt kam, da rief der Chef seine Sekretärin Frollein Meier zum Diktat; die attraktive junge Dame setzte sich dann mit kurzem Rock und einem Stenoblock vor seinen Schreibtisch und notierte in Kurzschrift seine Korrespondenz, die sie anschließend abtippte. Als ich in den Vorstand kam, gab es noch immer die attraktive junge Dame, sie war auch zu einem Diktat bereit, konnte aber leider ihr Gekritzel hinterher nicht mehr entziffern; sie wusste aber eh, was zu schreiben war und machte das dann aus dem Gedächtnis und eigenem Gutdünken. Frollein Meier war 1952 wie 1992 ein menschliches Wesen.

Heute können das Maschinen, die allerdings im Umgang wie Menschen behandelt werden wollen. Ich soll sie sogar duzen. Den Text muss ich auch nicht vorgeben, da sie das dank AI, sprich Künstlicher Intelligenz, selbst wissen. Ich habe mir gestern  ChatGPT-5 bestellt; dessen Artificial Intelligence übernimmt meine Urlaubsvertretung und schreibt die nächsten drei Wochen hier das Logbuch. Echt? Nein. Soweit werden wir das Anthropomorphie-Gebot nicht treiben. Hier wird es weiter menscheln.

Aber im Ernst, ChatGPT oder Grok? Es handelt sich um einen Papagei, der zwar plappern kann, aber nicht denken. Sein Geheimnis ist ein sehr, sehr großes Gedächtnis an Texten und blanke Wahrscheinlichkeitsrechnung. Der Apparat simuliert Sprechen als Sprache, indem er Vorhersagen trifft, was bisher in diesem Kontext besonders oft gesagt worden ist (er simuliert erwartbare „parole“ und täuscht damit „langue“ vor; für die Franzmänner unter uns). Im Amerikanischen spricht man von „assembled probabilistically“. Das ist im Kern Mathematik, nämlich die Verfügung über eine so große Zahl an Zufällen, dass daraus eine hohe Wahrscheinlichkeit errechnet werden kann. Aus einer Unzahl an Koinzidenz errechnet sich relative Kausalität. Diese mathematische Disziplin heißt Stochastik.

Auf den Schultern der kalifornischen Piraten sitzen stochastische Papageien. Das ist meine Tageslosung.  Und ja, wenn er in seinem Archiv nichts findet, so treibt er seinen Simulationswillen schon mal bis in die Fälschung von Quellen. Natürlich kann AI lügen! Natürlich haust unter der Maske der Vernunft auch der Irrsinn. DeepFake. Wir wissen, dass die kalifornischen Piraten kein Gewissen haben. Warum sollten wir es dann bei ihren Papageien erwarten?

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DAS GEHEIMNIS.

„Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ So singt im Volksmärchen der Brüder Grimm ein böser Wicht, der der jungen Königin das erste Kind rauben will, er selbst singt es, während er um ein Feuer tanzt. Der Bösewicht wird belauscht; das Geheimnis ist verraten. Wie reagiert der so Enttarnte? Mit Vorwürfen der bittersten Art: „Das hat Dir der Teufel gesagt.“ So weit, so typisch.

Das Geheimnis ist immer ein Paradoxon; wir erkennen es erst, wenn es keines mehr ist. Das gilt als die Königsdisziplin des Journalismus, ein Geheimnis aufgedeckt zu haben. Und meist liegt dem ein kleiner Verrat zugrunde. Oft ist es nicht der Teufel, den man dieses Verrats bezichtigen kann, sondern einfach nur ein indiskretes Plappermaul oder ein niederträchtiger Neider. Journalisten des Investigativen mögen das Salz der Erde sein; ihre Informanten sind es eher nicht. Ich kenne keinen Verräter, der darüber glücklich geworden wäre.

Über Geheimnisse lebender Personen habe ich eh nichts mitzuteilen. Das fände ich überflüssig, wenn nicht teuflisch. Aber zum Segen des Arguments, nehmen wir ein historisches Beispiel. Über Bundeskanzler Helmut Kohl wurde gemunkelt, dass ihn mit seiner Sekretärin eine Amour Fou verbinde. Ich erinnere mich an einen Ausruf eines industriellen Förderers („Bimbes“) im Düsseldorfer Industrie Club: „Die Marketenderin muss da weg!“ Wer das damals gesagt hat, bleibt mein Geheimnis. Auch, wer die Chefredakteurin war, die über diese Enttarnung ihren Job verlor; die lebt noch und sei von hier aus herzlich gegrüßt!

Ich habe einen Vorschlag zu höherer Güte zu unterbreiten. Wenn es sich um ein Staatsgeheimnis handelt, eine öffentliche Angelegenheit von wirklichem Belang, dann gehört das Rumpelstilzchen enttarnt. Und sei es mit Hilfe des Teufels. Wenn es aber um eine Angelegenheit Amors geht oder eine kleine private Schwäche, so möge man das Geheimnis respektieren. Das Leben wird, wenn frei von Geheimem, schlicht banal.

Übrigens geht es in dem Märchen um die Sanierung maroder Staatsfinanzen durch hohle Kredite, sprich „fool’s gold“ oder die angebliche Fähigkeit, einer Müllers Tochter, aus Stroh Gold zu spinnen. Sondervermögen. Wer hier was zu enttarnen weiß, der rede.

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DIE DEMENTI-FALLE.

„Du kannst nicht als Engel durch die Hölle fliegen, ohne Dir die Flügel zu versengen“, pflegte Rudi, der Rächer zu sagen, der nichts weniger war als ein Engel. Er hatte als Mann für‘s Grobe in der Politik gedient und schrieb nun für den SPIEGEL, ein alter Fahrensmann, der wusste, wie man eine Kampagne aufsetzt. Die versenkten Flügel, das war Selbstmitleid.

Für die Opfer eines Rufmordes gilt ein ähnliches Gesetz, aber in weit unangenehmerem Maß. „Irgendetwas bleibt immer hängen.“ Jüngst erleben wir, wie eine bürgerliche Wissenschaftlerin der Jus, obwohl durchaus liberaler Gesinnung, von rechter Propaganda verhetzt wird, so dass sich konservative Abgeordnete nicht mehr in der Lage sehen, sie in ein Richteramt zu wählen, die linksradikale Schickse. Sie gibt die Ambition auf. Wieder haben es AfD und ihre Freunde in den Medien geschafft, die CDU vorzuführen; man spricht dort intern von gefickt.

Zur Routine solcher Entehrungen gehört es inzwischen, Akademiker Plagiatsvorwürfen auszusetzen; auch solche, aus später erschienenen Werken vorher abgeschrieben zu haben oder in der Literatur eines Fachkollegen, mit dem man verheiratet ist. Dazu sage ich nichts. Mein Notat gilt der Propagandatechnik der Umkehr der Beweispflicht. Dies ist die Sackgasse, in der sich die Beschuldigten verrennen.

In der Politik ist man für das Maß seiner Verkennung verantwortlich. Wer ein VERHETZUNGSPOTENTIAL aufweist, das ausufernde Meinungsbildung ermöglicht, wird seine Unschuld nicht mehr beweisen können, weil ihn die unvermeidlichen Tabubrüche auf dem Weg dahin jeden Morgen neu umbringen. Ich zitiere hier gern den jungen Peter Sloterdijk, der seinen Kampf um‘s Überleben dadurch gewann, dass am Ende alles auf das Konto der Popularität eingezahlt habe. Fröhlich klang dieses Resümee nicht.

In eine Sackgasse gelockt, bringt es nicht die Rettung, nun die Laufgeschwindigkeit zu erhöhen. Wie sagt bei Kafka noch die Katze zur Maus? „Du läufst in die falsche Richtung.“

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HOME OFFICE DIE ZWEITE.

Während des Hausarrestes, zu dem wir während der Corona-Seuche gezwungen wurden, wärmte man ein Konzept aus ganz alten Zeiten auf, die Heimarbeit. Da sich ein Schwachsinn in diesem Land nur hält, wenn er Englisch benamst wird, erfand irgendein Realschüler den Begriff des HOME OFFICE (bei den Inglesen eigentlich das Innenministerium).

Den Fleißigen bürdet das die doppelte Last von Lohnarbeit und Kindesbetreuung wie Hausarbeit auf; es wandelt Wohnzimmer zu Folterkellern mit Teams oder Zoom. Den Faulen gefiel das. Die Morgentoilette konnte sich auf den Oberkörper beschränken; untenrum wurde gegammelt. Seine Dienstpflichten waren in bester Beamtenmanier auf den Anschein der Präsenz zu beschränken. Die wirkliche Arbeit tat das, was sie immer tut, sie geht dahin, wo sie erledigt wird. Oder bleibt halt unerledigt. Schlendrian kommt immer an.

Die Produktivität des indirekten Bereichs sank in den Keller. An ihre Stelle trat Hygge, Gemütlichkeit. Szenenwechsel. Ich interessiere mich für Glashäuser, in denen man ein exotisches Klima simuliert, um, sagen wir, Palmen zu züchten. Bei einem Besuch im englischen KEW erhalte ich den Hinweis auf das österreichische SCHÖNBRUNN; toller Glas-Stahl-Palast im Garten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die junge habsburgische Kaiserin hatte beschlossen SCHÖNBRUNN zur Residenz auszubauen und dort zu leben und zu herrschen. Ein HOME OFFICE des aufgeklärten Absolutismus für Austria, Böhmen und Ungarn. Ich schlendre durch den Palast und halte vor ihrem Bett inne. Ein Monstrum von etlichen Quadratmetern. Man belehrt mich, dort habe sie nicht nächtens geknackt, sondern nur des Morgens ihren Hofstaat empfangen, im Bett, am Bett besser gesagt. Da sie oft das Wochenbett zu teilen hatte, hätte sich das ohnehin angeboten.

Das ist die Idee: HOME OFFICE DIE ZWEITE. Ich bleibe in der Kiste und empfange Klienten wie Kollegen im Boudoir. Und für Videokonferenzen braucht auch kein Mensch Schreibtische. Wenn Maria Theresia ein Weltreich aus den Kissen regieren konnte, dann wird mir das ja wohl auch noch gelingen. Powered by Pyjama.