Logbuch
UNERHÖRT.
In der Polo Bar im Westbury an der unteren New Bond Street schnappe ich eine unerhörte Geschichte auf. Es geht um das teuerste Gemälde. 450 Millionen Dollar. Aber das ist nicht der eigentliche Skandal. Es geht um das größte religiöse Tabu.
Beginnen wir mit dem Geld. Ein New Yorker Kunsthändler aus bescheidenen jüdischen Verhältnissen erwirbt von einem tumben Südstaatler für 120.000 Dollar ein Bild, das, restauriert und einige Stationen später, das englische Auktionshaus für 450.000.000 Dollar einem saudischen Prinzen andreht.
Dazwischen bescheisst ein schweizer Spediteur noch einen in Monaco lebenden russischen Oligarchen um 50.000.000 Dollar, der es für 130.000.000 Dollar erwirbt, aber sogleich, weil gekränkt, wieder abstößt. Die wirkliche kriminelle Energie liegt aber in Oxford und in London am Trafalgar Square.
Die National Galary hat das Bild ungewisser Herkunft in eine Ausstellung LEONARDO DA VINCIS geschmuggelt und durch den Publikumsgeschmack authentisch werden lassen. Ein Streich! Sie haben die Betrachter mit einer versteckten Kamera gefilmt. Andächtige Menschen vor VERA ICON, dem wahren Bild Jesu. Oder war das bei der Präsentation in New York? Egal. Die RÜHRUNG des Betrachters bewies die Echtheit. So das Kalkül.
Das Porträt Jesu sollte wirken wie das Lächeln der MONA LISA: eine unerhörte und ewige Faszination aus ein wenig Farbe und Holz. Ein Wunder. Zumal es den segnenden Jesus zeigt. Den HEILAND, RETTER DER WELT, zu Latein „salvator mundi.“ Aber ich ahne lauschend, was den alerten Managern des Auktionators in der Polo Bar nicht klar ist: hier geht es um viel mehr, um sehr viel mehr.
Wer das Bild anschaut, der sieht in das Gesicht Jesu; er schaut Gott. Und Gott erkennt ihn, den Sünder, und segnet ihn mit dem berühmten Handzeichen und einem milden Lächeln. Der so Geschaute weint vor Rührung; nicht nur er, die ganze Welt ist in diesem Moment gerettet. Die Aussage des RENAISSANCE-Malers ist eine Ungeheuerlichkeit. Das Stichwort lautet IKONOKLASMUS, ein riesiges Tabu bei Juden wie Christen wie Moslems: „Du sollst Dir kein Bildnis machen.“
Ein Verkauf des SALVATOR MUNDI an den Vatikan, wo Jesus ja hingehört, war schon gescheitert, als die amerikanischen Besitzer sich in der Vermarktung versuchten. Der Französische Staat hatte sich geweigert, es in Paris neben die Mona Lisa zu hängen. Jetzt aber ist der HEILAND, man denke in kulturpolitischen Bezügen, im Louvre Abu Dhabi und wird von seinen neuen saudischen Besitzern nicht mehr gezeigt.
Was das bedeutet, ist, wie Kipling sagt, nun wahrlich eine andere Geschichte.
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FREUNDLICH SEIN.
Als Lob höre ich über einen Dritten, er kümmere sich um die Seinen. Das gefällt mir irgendwie. Die Zuwendung zum Leben wird in Sorge um den Nächsten konkret; wenn in Maßen, versteht sich.
Dies ist keine Predigt, nur eine Randnotiz. Was die Leute so reden. Beim Bäcker sagt mein Vordermann zu meinem Hintermann ein anerkennendes Wort über einen davonschlurfenden Nachbarn, der seine Familie brav mit Brötchen versorgt. Er kümmere sich um die Seinen.
Das Wort ist beiläufig, aber von Gewicht. Sich wenigstens um seine Familie kümmern; Freunde, so man noch welche hat, bedenken. Eine lapidare ANNOTATION, aber aus einer anderen Welt. Es gibt so vieles, was dabei nicht erwähnt wird. Was jener besitzt, was er denkt, was er wählt, ob BitCoins zu empfehlen sind, wer gerade wo fremdgeht, was das Heizöl kostet …
Jener kümmert sich um die Seinen. Der Dichter Brecht nannte es FREUNDLICHKEIT; eine Tugend, zu der ihm sein Schicksal als politischer Emigrant wenig Gelegenheit bot. Das Pathos ohne jedes Pathos. Ein FAMILIENMANN, ein anständiger Kerl. Und in dem Werbespot, den ich gestern auf „Claasical FM“ hörte, nannte eine sonore Norwegerstimme das dazugehörige Dreigestirn: „Honesty, kindness and hard work.“
So denkt im Grunde seines Herzens das christliche Gesindel protestantischer Prägung.
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WE WILL MEET AGAIN.
Merkel kann raffiniert sein, da ist sie tückischer als es scheint. Und mit einem durchaus unverschämten Humor. Sie kann den Großen Lieben Gott wie die wunderbare Knef wie die irre Nina Hagen in einem Atemzug mit ihrer eigenen Person nennen.
Zum Großen Zapfenstreich, einer militärischen Ehrung, dürfen die dort Gelobten, also jetzt sie, sich zum Abschied drei „zivile“ Lieder wünschen. Merkel wählt, durchaus wohlüberlegt, die Knef („Auf mich soll es Rosen regnen…“) und Nina Hagen („Farbfilm vergessen“). Eine Ossi-Posse und ein großes Lied einer großen und wirklich schönen Frau.
Na ja, die beiden Schlager und das Pastorale Pathos GROSSER GOTT WIR LOBEN DICH. Das Kirchenlied kenn ich noch, Ninas Farbfilm kannte ich auch und das Knef-Lied habe ich gerade noch mal gehört. Ein beachtlicher Text. Ich bin gerührt. Tolle Frau (die Knef).
Jetzt aber: WAS WÄHLTEN WIR DENN, wenn (!) wir geehrt würden. Nur mal so, angenommen. Na? Jetzt mal Butter bei die Fische. Wenn Merkel schon Punk nimmt und die Roadmanagerin von „Ton Steine Scherben“ gerade Kulturstaatsministerin wird, wo gibt es da noch subkulturelle Unterbietungen? Frank Zappa und die „Mothers of Invention“? „Amon Düül“? Nein.
Da hilft nur bieder und brav bleiben. Deshalb nähme ich:
„Die Gedanken sind frei“ (Walter von der Vogelweide/Hoffmann von Fallersleben)
Und dann: „We will meet again“ (Lady Vera Lynn).
Schließlich natürlich das „Steigerlied“ („Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt“); soviel Montan-Kitsch muss sein unter „kreuzbrave Leut“: „Sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht und saufen Schnaps“.
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HALBWISSEN.
Ich lese im Wartezimmer des Berliner Kassenarztes ein selbst gefertigtes Schild, nach dem man dem Weißkittel bitte nicht mit den Diagnosen von Doktor Google kommen möge. Frechheiten gelten am Ort als Ausweis von Esprit, sprich Kultur. Das ist übergriffig, aber ich verstehe, was die Seele des Quacksalbers gekränkt hat. Es gibt eine gemeinsame Klage von Ärzten und Anwälten, die mit allzu schlauen Mandanten zu tun hat. Es wird von den indignierten Fachleuten das Internet gerügt, was natürlich zu vordergründig ist.
Der vorinformierte Patient ist eine Konstante der Medizingeschichte; so wie der rechtskundige Mandant schon manchem Rechtsgelehrten die Laune ruiniert hat. Woran erkennt man den Heroen des Halbwissens? Am gnadenlosen Gebrauch von Fachbegriffen, die er aufgeschnappt hat und nun zum Nachweis seiner Expertise allerorten daherplappert. Man lese dazu von Jean Baptiste Poquelin das wunderbare Werk um den „bourgeois gentilhomme“, eine politische Posse um eingebildete Bildung.
Um Rat fragen zu können, das bedarf einer Haltung der Demut vor der Expertise, die ausgerechnet dummen Menschen gänzlich fehlt. Und es bedarf einer konzentrierten Vorbereitung, das in wenigen Worten klarer Sprache sagen zu können, was der Gelehrte noch nicht wissen kann. Das ist Laienpflicht. Stattdessen plappert der Halbgebildete frei nach Apotheken-Umschau von Anamnese und chronischer Hypochondritis oder belügt seinen eigenen Anwalt, weil der dann besser den Richter anschmieren kann. Zusätzlich noch Phrasen aus der Gratis-Kanzlei der Rechtsschutzversicherung. Das geht, man glaube mir, häufig schief.
Zurück zu Poquelin. Die Handlung um den geltungssüchtigen Spießbürger, der für einen Adeligen edler Abkunft gehalten werden will, und deshalb um Konversation wie bei Hofe bemüht ist, die ist genau genommen nur Nebenhandlung. Eigentlich geht es um einen Wettbewerb der Eitelkeit zwischen den muslimischen Osmanen und dem katholischen Franzosen, wobei der Konflikt weniger den Religionen geschuldet ist als Herrschaftsansprüchen. Ein kreuzmodernes Thema aus dem 17. Jahrhundert.
Darin der ironische Leitsatz: „Einbildung ist auch eine Bildung.“ Wäre auch ein Schild wert, etwa für die Anwaltskanzlei. Aber Ironie ist eine Falle.