Logbuch

Mein Doktorvater ist am Freitag achtzig geworden. Er hat bis heute eine Fan-Gemeinde. Eigentlich zwei. Er hat, wenn man den Lutherschen Begriff nutzen darf, Jünger. Nach wie vor. Und er hat Verehrer, wenn man das Wort mal ganz ohne erotische Konnotationen nimmt. Ich war nie sein Jünger und bin bis heute ein Verehrer seiner Gelehrsamkeit. Die Dinge zu Ende denken können. Alles, schlicht alles gelesen zu haben. Latinitas. Sein Werk ist auf einem Niveau, dass ihn selbst unter den Fachwissenschaftlern allenfalls fünf Prozent verstehen. Der Mann hat die kognitive Gnadenlosigkeit eines Kant. Das macht natürlich einsam. Sein Leben ist nicht frei von Rückschlägen; besonders einer schmerzt beim bloßen Zurkenntnisnehmen. Ich habe ihm in einem kleinen Brief per Post gewünscht, dass er hundert werde (im Internet ist er nicht, er wird dies hier nicht lesen können).

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Es regnet. WASSER. Endlich.

Auch wenn Gardena das nicht so gerne sieht, dann braucht der Garten heute keinen Schlauch. Mein Freund Udo, der Motorräder repariert, sagt: “Benzinmangel wird es nicht geben, aber Wasser, das wird knapp.“ Er hat Recht, man frage die Bauern und Förster. Noch knapper ist Sand. Nicht das vulgäre Zeug aus Sylt oder den Wüsten, das die Gezeiten und der Wind schon rund gerollt haben. Das ist wirklich unnütz. Sansibar Deko, sonst nichts. Kristalliner Sand, der sich zu Betonherstellung eignet. In Indien werden ganze Flussufer ruiniert, um diesen wirklichen Sand dann per Schiff in die Wüsten des Vorderen Orients zu bringen, wo sich die Ölscheichs damit Paläste bauen. Wasser und Sand. Ich hätte da eine Idee, wenn North Stream 2 nicht mit russischem Gas befüllt werden darf, weil wir amerikanisches Gas aus deren Cracking kaufen müssen. Was tun mit den Rohren? Wasser und Sand aus Sibirien.

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Auch die großen Dinge scheitern an den kleinen. Nicolo Machiavelli war ein PR-Berater in einer etwas lauen Auftragslage, der seinen künftigen Mandanten beeindrucken wollte. Akquise, das Martyrium aller Berater. Er hatte als Präsi ein veritables Büchlein ersonnen, das er Lorenzo de Medici übergab, in dessen Diensten er sich durchaus sehen konnte. Keine kleine Anstrengung. Das Werk „Il Príncipe“ von 1532 kam posthum zu einigem Ruhm; die katholische Kirche setze es über Jahrhunderte auf die Giftliste der Verbotenen Bücher. Marx und Gramci liebten es, aber auch Mussolini und Berlusconi. Historisch liest ein jeder hinein , was ihm wichtig scheint. Überhaupt zitieren es bis heute intrigante Geister, darunter giftige Gnome, auf der Suche nach Sottisen. Dass die Bettlektüre der Bonapartisten ein wichtiges Werk der Aufklärung ist, weiß die Wissenschaft. Was aber passierte, als Machiavelli damit im Palazzo von Lorenzo de Medici aufschlägt und es präsentiert? Und damit sich als kühnsten Denker der Moderne vorstellen will? Dem Fürsten war gerade ein ganz süßes Paar Schoßhündchen geschenkt worden. Und er war so beglückt über die Wauwaus, dass er Machiavelli nicht zuhörte. Der zog sich tief frustriert aufs Land zurück. Erst der Nachruhm sollte ihm gerecht werden. Die großen Dinge, die an den kleinen scheitern. Vielleicht hätte er „Leckerli“ mit in den Termin nehmen sollen.

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FRAU UND BUCH.

In meinem Büro läuft den lieben langen Tag lang das Fernsehgerät mit einem Nachrichtensender, da ich noch zu jenen Wesen gehöre, die auf dem Schreibtisch nur einen Schirm haben und überhaupt wandernd arbeiten. Zwischen Schreibtisch, Stehpult, Lesesessel, Kaffeemaschine. Dabei halte ich die Schlagzeilen im Auge, die als Laufband am unteren Bildrand durchlaufen. Keine Ahnung, wie diese Laufbänder bei Menschen vom Fach heißen.

So lese ich auf WELT vorgestern also: „Einzelhandel am Verzweifeln“ und zwar in den üblichen Großbuchstaben. AM VERZWEIFELN. Es ging wohl um Ladendiebstähle und die inzwischen notorische Renitenz einschlägiger Kreise. Grammatisch handelt es sich dabei um die sogenannte Verlaufsform; und zwar in einer Verkürzung. Gemeint ist „Einzelhandel am Verzweifeln dran“, wenn man sagen möchte, dass ein Vorgang nicht abgeschlossen ist, sondern andauert. In den Soziolekten der Vorstädte auch als „dran am seien“ gefasst.

Abgeschlossene Vorgänge bedürfen des Plusquamperfekts. Etwa so: „Rakete hatte getroffen gehabt“. Der höchste Grad grammatischer Bildung ist durch das Futur II erreicht. Also so: „Rakete wird getroffen gehabt haben“. Viel Irritation ist der Tatsache zu verdanken, dass die Menschen zweisprachig geworden sind und grammatische Formen des Englischen übernehmen: „I am walking“ als „Ich bin am gehen“, respektive „am Gehen dran“.

Tja, das deutsche Präsens wird unterschätzt. Womit wir beim berühmten Partizip Präsens sind: „gehend“ oder „verzweifelnd“. Dazu haben geschlechtsbewusste Menschen entdeckt, dass das Partizip Präsens verbirgt, welches Geschlecht der Gemeinte hat, womit man verhindert, dass sich Nicht-mit-gemeinte diskriminiert fühlen, weil nur mitgemeint. Es gibt eine der Biologie übergestülpte Varianz, die der zorigen Hermaphroditen; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Für Journalisten, die Herren der Schlagzeile, gibt es kein gutes oder schlechtes Deutsch, halt nur unverständliche oder fehlleitende Formulierungen. Wenn also der Verzweifelnde noch nicht mit einem Strick um den Hals an einem starken Ast hängt (am Hängen dran ist), sprich, noch am Leben dran, dann ist er ja auch noch am Zweifeln dran. Der Mensch zweifelt, solange er gelebt gehabt haben wird.

Ich unterhalte übrigens kleinere Sammlungen, unter anderem auch solcher Bilder, auf denen Damen in ein Buch schauen. Zwei Welten treffen aufeinander. Nennt sich LESENDE. Keine Pointe.