Logbuch
NOTLÜGEN.
Der September bricht an, der Sommer ist vorbei. Gestern noch sagt im wunderschönen Aschau im Chiemgau ein Bierzeltpolitiker, dass die Bauern die wahren Umweltschützer seien. Eine halbe Wahrheit. Die Lügengespinste des Hubert Aiwanger.
Zur ganzen Wahrheit gehört, dass die Landwirtschaft, insbesondere die Tierzucht, zu den massivsten Veränderungen gegenüber der unberührten Natur führt; wenn diese denn nun erstrebenswert sein sollte. Dabei kommt den Rindviechern eine besondere prominente Rolle zu, jenen Wesen, die Gras verzehren und Methan produzieren, damit wir Steaks essen können. Nichts ist weniger „grün“ als das.
Der Sommer des Hubert Aiwanger ist vorbei. Er wird Opfer der unerbittlichen Logik, dass eine halbe Wahrheit immer eine halbe Lüge bleibt. Das ist das eine: Notlügen führen nicht aus der Not, sondern in die hinein; sie schaffen sie.
Das hängt damit zusammen, dass wer um Vergebung bitten will, seine Sünde bereuen muss; da ist das Christentum rigoros. Reue zeigen, das konnte er nicht, der erwachsene Mann namens Hubsy. Eine schmallippige Entschuldigungsformel hat er sich nach Tagen widerwillig abpressen lassen. Um im selben Atemzug in Selbstmitleid zu versinken.
Wohlgemerkt: ob die Gebrüder Aiwanger als Buben wirklich Nazibengel waren oder das nur damit gespielt haben, das ist nicht das Problem. Die Frage ist, wie sie sich als Erwachsene dazu stellen. Es geht hier um eine staatspolitische Frage, Herr Staatsminister! Das Damoklesschwert über Ihrem Schädel hat die Aufschrift: „It‘s never the crime, it‘s always the cover up!“
Was soll also das Geschwurbel darum, dass Sie Ihrerseits Holocaustverhöhnungen „weder dementieren noch bestätigen“ können? Wer schreibt Ihnen so etwas auf, Herr stellvertretender Ministerpräsident? Die Aiwanger-Brüder, der Politiker und Verteiler des Flugblatts Hubert wie der Waffenhändler und Autor dieses Nazidokuments Helmut, hätten mit einem einzigen Auftritt dem Treibsand entgehen können, indem sie nun versinken. Voraussetzung unter erwachsenen Männern: Rückgrat und Arsch in der Hose. Fehlanzeige. Braun getönt und feige gestimmt, das sieht nicht gut aus.
Statt Männermut zur Reue hängt Hubsy, dem Mistgabel-Trump, noch immer seine rechtspopulistische Ankündigung nach, dass er mit dem grölenden Mob im Putsch die gestohlene Demokratie zurückholen will. Ich habe das noch genau so im Ohr. Oder dürfen wir jetzt dazu auch ein halbes Dementi erwarten? Die CSU durchleidet mit ihrem Konkubinat mit den FREIEN WÄHLERN gerade eine weitere Lebensregel: Man wird morgens in dem Bett wach, in das man sich abends gelegt hat.
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BETRACHTUNG EINES UNPOLITISCHEN.
Die Ampel macht das alles in allem nicht schlecht. Man kann mit der Regierung eigentlich zufrieden sein. Die Inszenierung auf Schloss Miesezwerg in MacPom überzeugt mich.
Die FDP passt auf‘s Geld auf und die Grünen auf das Wetter. Die Sozen stellen einen Kanzler der ruhigen Hand. Er bietet dem Wettrüsten schon wieder tapfer Einhalt. Friedensfürst. Den Rest macht Boris heimlich.
Der Lauterbach war sogar geduscht. Sonst ist sein Haupthaar ja immer in einem Zustand, der einen Ölwechsel angezeigt sein lässt, jetzt echt proper, der Mann, der dem Doktor die Karteikarte nimmt. Und die Oma das iPhone lehrt.
Auch dabei die pausbäckige Familienministerin aus dem Emsland, KBW-Fraktion der Ökos, und eine angezogene FDP-Dame für Bildung mit unaussprechlichem Doppelnamen. Irgendwie wie eine Familienfeier im Grünen. Das ist das Paradigma. Familienfest im Grünen.
Habeck einsichtig; er will jetzt nicht mehr aus der Verwaltung raus diktieren, sondern es mit dem Mittelstand inszenieren, dass die Großindustrie ihren Strom nicht mehr selbst bezahlt. Klug. Dem gehen offensichtlich die Trauzeugen aus.
Mir ist wohl, so gut regiert zu sein. Gabun müssten wir noch erklären; aber Geduld. Das kommt.
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DOUBLE BIND.
Gelegentlich kann man Erkenntnisse aus der Psychiatrie erfolgversprechend in die Politik übertragen. Was gesichert bei Kindern zu einer Neurose führt, hilft auch, wenn es darum geht, den politischen Gegner zu verunsichern. Empfehlung des Tages: die Doppelbotschaft.
Man verbindet zwei sich logisch schlicht ausschließende Botschaften in einem Kommunikationsakt und lässt die Paradoxie unaufgeklärt wirken. Ideal ist die eine Botschaft auf der Inhaltsebene und ausgesprochen und die andere nonverbal auf der Beziehungsebene. Das Gegenüber kann einem der beiden Impulse folgen, aber nie beiden.
Wer es zudem schafft, das Auftauchen von Doppelbotschaften als gänzlich unmotiviert erscheinen zu lassen, also in keiner Weise vorhersagbar, hat maximalen Erfolg in der Dysfunktionalisierung. Dem Gegenüber bleibt eigentlich nur der blanke Wahnsinn. Also alles gut.
Ich hatte mal einen Chef, der von sich selbst sagte, dass er jedes Quartal mal die Guillotine in den Hof ziehe, um einen Mitarbeiter zu köpfen. Aber immer nur Unschuldige. Denn sonst käme man nie zu dem Ruf, völlig unberechenbar zu sein.
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DER MARKUSLÖWE.
Der venezianische Kaufmann war zu seiner Hochzeit ein geschätzter, ja gefürchteter Zeitgenosse; als Händler im Zeichen des Löwen hatte er es zu etwas gebracht. Heute noch ist der MARKUSLÖWE Herrschaftsanspruch der italienischen Marine. Als der Ruhm schwand, wurde der Venezianer verspottet und nach der Pflanze „Löwenmäulchen“ genannt. Daher der im Französischen noch erhaltene Name für alberne Hosen, nämlich „pantalone“. Das fällt mir wieder ein, als ich das jüngste MANAGER MAGAZIN durchblättre.
„Schuster haben krumme Absätze und Schneider zu kurze Hosen.“ Der Satz stammt von meinem Herrn Vater; die Leidenschaft der Beobachtung feiner Unterschiede habe ich von ihm geerbt. Dazu gehören insbesondere die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wenn, wie Heine gesagt hat, Wasser gepredigt, aber Wein gesoffen wird.
Noch feiner als die gewöhnliche Doppelmoral ist ein Gefälle zwischen Profession und Persönlichkeit. Der Schneider mit den zu kurzen Pantalone. So beobachtete ich bei einem steinreichen Stahlunternehmer, der sich als Gourmet von höchster Berufung einen Sternekoch hielt, dass er gar nicht speiste, er aß nicht mal, sondern fraß in sich hinein wie die gemeine Buffetfräse. Er trank auch nicht, man ahnt es schon, sondern soff. Seine Brut ist da nicht besser. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
In dem Magazin für gehobene Wirtschaftsberichterstattung sehe ich Bilder eines gesellschaftlichen Ereignisses im Taunus, bei dem die Publizistische Klasse sich in profanem PR übt und Unternehmer in eine Hall of Fame berufen lässt. Eine Walhalla für betuchte Eigner und ihr Verwaltungspersonal (so nennt das Aktienrecht die Vorstände der AGs, Verwalter), sprich „vanity fair“. Diesmal geehrt ein Drogist aus (nichts ist doofer) Hannover namens Zentaurus.
Ich würde über den Einzelhändler in Sachen Seife kein Wort verlieren, versuchte er sich nicht auch als Literat; der Pferdemann schreibt Kriminalromane. Das ist literarisch ein derartiger Schund, dass das Motto des Carl Valentin anzuwenden ist: „Nicht mal ignorieren!“ Aber der Laureat trägt einen Anzug, der nun wirklich der öffentlichen Empörung auszusetzen ist. Die Hose ist gute acht Zentimeter zu lang und rüscht sich an den Knöcheln in der peinlichsten Art; sie stülpt, ein Sakrileg.
Denn da irrte mein Herr Vater: Du erkennst den wirklichen Stilbruch an den ungekürzten Pantalons, den zu langen. Das hängt mit der Standardabweichung in der Proportion zusammen; zu deutsch: wenn man für seinen Bauchumfang schlicht nicht groß genug ist. Ein englischer Maßanzug kostet bei edlem Tuch gut 2k; in Hong Kong vielleicht 1k: Das ist Geld. Da mag auch ein expandierter Drogist der Sparsamkeit seiner Jugend zugetan sein und sich in gestülpten Beinkleidern als MARKUSLÖWE feiern lassen.
Ich habe einen Tipp: Von der Stange Anzug in einer sehr guten Qualität erwerben, aber eine deutliche Konfektionsgröße über dem eigenen Schnitt, vielleicht sogar zwei. Damit zur türkischstämmigen Änderungsschneiderin, die ihr Handwerk noch beherrscht. Anpassen lassen, alles, Hose wie Jacke. Dürfte so 60€ kosten. Hose mit Umschlag, noch mal 20 Ocken. Und man tritt in einen perfekten Maßanzug vor die Welt. So erspart man sich die Seifenoper des Löwenmäulchens; das wär ja schon mal was.