Logbuch
APOCALYPSE NOW.
Gestern, einem heißen Sommertag abschließend, ein sehr kräftiges Gewitter mit Hagel. Apokalyptisch. Gleichzeitig lese ich von Johannes Fried eine „Geschichte des Weltuntergangs“, genauer der Weltuntergänge, die sich jede Generation neu vorgestellt hat. Das Buch hat den Titel „Dies Irae“, sprich Tage des Zorns. Das trifft den Kern. Das Jüngste Gericht hat mit einem strengen Urteil zu erwarten, wer sündigte. Wir denken uns unseren Gott als rachsüchtig. Irgendwann ist die allfällige Vergebung der Sünden mal aufgezehrt; dann gibt es Hölle auf Erden. Die Apokalypse ist die ultimative Erfüllung der Wünsche des Masochisten.
Dazu ein Beweis, ein Witz und eine politische Bewertung. Sagt der Masochist zum Sadisten: „Bitte quäl mich!“ Sagt der Sadist zum Masochisten: „Nein!“ Grüne Politik ist im Kern religiös; ihr dient der Weltuntergang nur als Hilfsargument für Symbolhandlungen der Selbstkasteiung. Jetzt der Beweis.
Das Erdbeben in Chili
In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken. Don Henrico Asteron, einer der reichsten Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefähr ein Jahr zuvor aus seinem Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er sich mit Donna Josephe, seiner einzigen Tochter, in einem zärtlichen Einverständnis befunden hatte. Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter nachdrücklich gewarnt hatte, durch die hämische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war, entrüstete ihn dergestalt, daß er sie in dem Karmeliterkloster unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbrachte. Durch einen glücklichen Zufall hatte Jeronimo hier die Verbindung von neuem anzuknüpfen gewußt, und in einer verschwiegenen Nacht den Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glückes gemacht. Es war am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen, welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die unglückliche Josephe, bei dem Anklange der Glocken, in Mutterwehen auf den Stufen…
Was sage ich? Nonnen kriegen Kinder der Liebe. Gut so. Es ist das schlechte Gewissen des vollen Glücks. Beides.
Logbuch
DER BUNTSTIFT.
Mein Berufsleben wurde in frühen Jahren von einem Chef geprägt, der wusste, was er wollte. Ich wurde bei ihm zum Gehilfen der Plausibilisierung. Das ist ein literarisches Gewerbe, in dem man einem komplexen Sachverhalt eine glatte Geschichte zugrunde legt, deren Ton und Verlauf den Menschen so vertraut ist, dass sie sie im Stillen mitsummen.
Dieser CEO, nennen wir ihn Charly, war sich des Widerstands bedeutender Stakeholder bewusst, dazu gehört sein Aufsichtsratsvorsitzender, den er wohl aus tiefster Seele verachtete, jedenfalls sah sich Charly nicht zu Gehorsam genötigt. Oft ließ er sich bei dessen Versuchen zu Telefonaten schlicht verleugnen. Ich erinnere mich noch gut über dessen Fassungslosigkeit. Bei Rotary brach es aus ihm raus: „Der Kerl redet nicht mit mir!“
Anekdote: Der Mann hieß Bund und sein Redenschreiber wurde mit dem Spitznamen „der Bundstift“ veralbert, was diesem aber gefiel. Vielleicht ist die Episode sogar von ihm selbst erfunden; man weiß das bei PR-Leuten nie. Jedenfalls schrieb es irgendwann ein Journalist; damit war es in der Welt, also wahr. Der Stift vom Bund, ein Bundstift.
Von Charly stammt der Satz, dass es nützlicher sei, eine falsche Strategie konsequent durchzusetzen, als eine richtige zu vertrödeln. Genauer gesagt stammt die Haltung von ihm und der Satz von mir. Die Geschichte endete, wie sie im wirklichen Leben enden muss, man setzte ihm den Stuhl vor die Tür. Ich machte mich vom Acker, um nicht an der unvermeidlichen Witwenverbrennung teilnehmen zu müssen.
Heute, da ich große Tanker in seichten Wässern träge treiben sehe, denke ich oft an Charly und das Wort des weisen Cato: „Dem Ignoranten ist kein Wind der richtige, da es keinen Hafen gibt, der da anzusegeln ist.“ Könnte von mir sein. In meinem besten Schullatein: „Ignoranti quem portum petat, nullus suus ventus est.“
Jetzt könnte ich mich noch dazu verleiten lassen, auszusprechen, von welchen Tankern die Rede ist. Mache ich aber nicht. Man kann ja mitsummen.
Logbuch
KÄFIGKÄMPFER.
Der amerikanische Präsident feiert seinen 80. Geburtstag durch Gladiatorenkämpfe vor dem Weißen Haus, bei denen jede körperliche Gewalt willkommen; es zerschmettern sich in einem Käfig martialische Kämpfer mit ultimativer Brutalität. Welch ein Vergnügen. Die Zivilisation ist über den Kulturbruch entsetzt. Doch gemach.
Die spätrömische Dekadenz der Neuen Rechten ist so traditionslos nicht. Die Brutalität ohne Regeln ist eine olympische Disziplin der edlen Griechen. Die Pankration („jedwede Gewalt“) war eine Kampfsportart, die die Heroen den Göttern entlehnt hatten, ein Boxen, Ringen und Malträtieren jeder Art, Ausnahme nur Augen und Geschlechtsteil, das bis heute auf Vasen kunstvoll dokumentiert. Man verließ den Kampfplatz als Sieger oder Krüppel oder beides oder gar nicht mehr. Das also möchte der amerikanische Traum für sich als symbolisch gesetzt wissen.
Es ist ein sehr aktueller Kulturkampf, den die Männlich-Martialischen da entfalten; eine kulturelle Konterrevolution. Im Vorprogramm wird die Gattin des Amtsvorgängers, Michelle Obama, Mutter von zwei Töchtern, als biologischer Mann denunziert. Die Meute grölt vor Vergnügen. Die Soziokultur Nordamerikas zerbricht in zwei disjunkte Lager. Reconquista, Rückeroberung; das ist das Selbstverständnis. Politik als reaktionäre Rache. Es entsteht kulturelle Dichotomie.
Tatsächlich ist der historische Bezug enger zu ziehen als die Entlehnungen aus der Antike ahnen lassen. Wir schauen auf das Italien Mussolinis. Denn es sind die Funktionalisierungen der antiken Tugenden im Faschismus, die hier wirken. Ein Männlichkeitskult, der sich durch die Opposition zu Effemination definiert. Alles Weibliche galt als Verweichlichung, eine üble Form der Dekadenz; jedewede Homosexualität als Frevel. In diesem Geist findet die Rückeroberung statt. Gegen das andere Amerika unter der woken Kultur des weichlichen Joe Biden und des nunmehr ja schwulen Obama als Gegenbild der wieder stolzen Jungs. Wir wollen wieder sterben wie Männer.
Pankration also. Was für banale Banausen, die da johlend vor den Käfigen hocken. Geschichte wiederholt sich. Jedenfalls, wenn man nicht aufpasst. Anderes Thema. Ich erinnere eine bayerische Dorfkirche, die dem Heiligen Pankratius gewidmet war, dem Alles-Bezwinger. Aber da war wohl der christliche Glaube gemeint, nicht der Faustkampf.
Logbuch
HOBBY.
Schon das Wort klingt betulich, ein Steckenpferd haben, dem englischen „hobby horse“ entlehnt, einem Kinderspielzeug. Man sieht vor seinem inneren Auge den Briefmarkensammler. Oder den Hobby-Gärtner, der im Hinterhof Möhren zieht. Noch schlimmer der Hobby-Koch, der sich etwas darauf einbildet, ein Ei auch poschieren zu können, und Freunde zu deren Leidwesen bekocht.
Ich sollte es erklären. Briefmarken waren kleine klebefähige Bildchen von Postillionen, um die einiger Kult getrieben wurde, obwohl es nur Quittungen für die Entrichtung von Transportkosten waren. Früher kam täglich ein Briefträger und übergab Prints an die auf Umschlägen verzeichneten Empfänger. Er zahlte übrigens auch Renten aus und zog die Gebühren für den ÖRR cash ein. Ich habe mein Studium als Post-Zusteller in den Semesterferien finanziert; man ging trotz Bafög Lohnarbeit nach. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Man ordnet das Hobby der Freizeit zu, die eine Einteilung ist, die die Fabrikglocke geschaffen hat, nämlich als Nische zwischen dem Diktat des Arbeitgebers und der notwendigen Nachtruhe. Man ging einem Spiel nach, entweder im sportlichen Sinne oder einem kulturellen wie der Musik oder der Frauen vorbehaltenen Handarbeit. Dem Hobby hing immer etwas Skurriles an; der Mensch durfte dabei halt Mensch sein; dabei neigt er zu Merkwürdigkeiten.
Womit wir bei den Bärtigen aus Trier sind. Karl Marx hat der Vorstellung der ENTFREMDUNG einige Aufmerksamkeit geschenkt. Die Fabrikarbeit war entfremdet, das künstlerische Spiel nicht. Der Gedanke ist eigentlich von Friedrich Schiller, der im Unterschied zu Goethe Marxist war. Der Mensch sei Mensch nur, wo er spielt. Ich hatte nie ein Hobby, dazu fehlte mir immer die Zeit.
Wie viele Manager habe ich gearbeitet, wozu ich Lust hatte; dabei unter einem selbstgewählten Konkurrenzdruck, so dass für Muße eigentlich keine Luft war. Es gab in den Aktiengesellschaften aber auch andere. Ich hatte Vorstandskollegen mit Flugschein und eigenem Doppeldecker oder einem Golfhandicap, das nur erwirbt, wer ganztags auf dem Green lebt. Ich kannte einen Controller, der jeden Montag mit der Werksfliege nach Spanien flog, golfte und ab Mittwoch dann wieder im Büro war. Von den Ex-Pats und ihren Hobbys am Ende der Welt gar nicht zu reden.
Kommen wir zur Studienberatung: Machen Sie, junger Mann, was sie dann sehr gut können. Für junge Frauen gilt das doppelt. Und machen Sie es bis zur Erschöpfung. Nur Deppen reden von der „work-life-balance“. Nur Verlierer haben ein Hobby.