Logbuch
FROSCHSCHENKEL.
Der russische Spitzenpolitiker Medvedev verhöhnt europäische Kollegen, zu Besuch in der Ukraine, damit, dass sie sich von Fröschen, Leberwurst und Spaghetti ernähren. Über die Ethnisierung von Nahrungsmitteln.
Franzose verzehren Froschschenkel, ja. Der Italiener hält die historisch aus China stammenden dünnen Schürchennudeln für seine DNA. Und dass Olaf Scholz als beleidigte Leberwurst in die Geschichte eingeht, dafür hat der ukrainische Botschafter zu Berlin, ein Herr Melnyk, gesorgt. Über alle drei erhebt sich die russische Kriegspropaganda, an deren Tisch es wässrige Kohlsuppe gibt; genauer gesagt Kaviar im Kreml und Borschtsch für das Volk.
Darf ich als Kartoffel dazu etwas sagen? Wir identifizieren schon immer fremde Menschen mittels ihrer Essgewohnheiten. Das gilt als primitiv („Was der Bauer nicht kennt…“), ist es aber nicht. Auch die bessere Gesellschaft denkt so, aber sie strebt nach exotischem Essen, gehorcht also der gleichen Regel, nur in umgekehrter Richtung. Hier frisst man gerade, was fremd. Und wir reden so, wenn wir uns beim Griechen verabreden oder zum Chinesen gehen. Übrigens esse ich nicht mit Stäbchen; ich habe ein Menschenrecht auf Messer und Gabel.
Stets ohne Löffel. Weil man Suppe ohnehin niemals bestellt; das ist immer Spülwasser, gleich welcher Nationalität. Und wer zu Spaghetti mehr als eine Gabel braucht, ist eh ein Banause. Über das Verzehren der Beinmuskeln von Kröten regt sich niemand auf, der jemals eine westfälische Hausschlachtung miterlebt hat und weiß, wie Wurst gemacht wird. Für den Westfalen kommt zudem die Kartoffel erst in Frage, wenn sie durch das Schwein gegangen ist.
Die Pseudo-Ethnisierung von Restaurants ist inzwischen für jede Mischform zu haben; nennt sich „fusion“. Hatte ich als Student dauernd, genannt Bunte Pfanne, aus den Resten im Kühlschrank. Sei’s drum. Kommt eh alles in einen Magen, pflegte mein Großvater mütterlicherseits zu sagen. Ohnehin ist in Berlin der Chinamann aus Vietnam und der Italiener ein Tamile. Und der Ortsteil Charlottograd weiß viele Russen ansässig. Ich bin aus tiefstem Herzen polyglott. Und liebe gekochte Kartoffeln mit heißer Butter; es gibt nichts besseres.
Zu den Herren des Gases sage ich nichts, wie ich über den Botschafter schweige, der einen Partisanenführer seiner Heimat verehrt, der mit den Nazis kollabierte, die damals im Namen meines Vaterlandes seine Heimat überfallen hatten. Das alles ist evident. Im Übrigen habe ich zurzeit an der Leberwurst nichts auszusetzen, was mich überrascht. Man muss ihm genau zuhören. Er hat von der Zugehörigkeit zur europäischen Familie gesprochen, nicht von der Mitgliedschaft in der EU. Klug.
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LOB DER LINDE.
In der großen Stadt blüht vor meinem Fenster eine Linde. Sie lebt ihr Leben als STRASSENBAUM, eine Heldin. Ein Lob.
Ich entdecke zufällig, wie Bienen die Blüten der Linde umschwärmen. Auf den zweiten Blick sehe ich dann den ganzen Baum in Blüte. Ein munteres Gelb mit gelegentlichem Grün. Und gewachsen ist er auch. Vor Jahren noch kaum zu sehen, schützt er jetzt den vierten Stock. Ein herrlicher stattlicher Straßenbaum.
Aber ich mache einen Fehler; ich gendere falsch. Obwohl mir sonst die Verwechslung von grammatischem Geschlecht und biologischem, wie es die linguistischen Dille-Tanten (pun intended) vornehmen, zuwider ist, die Linde ist kein „er“. Die Linde ist ein weibliches Wesen, seit altersher. In ihr wohnt FREYA, die Mutter aller Elfen. Hier steht eine Frau auf dem Trottoir, eine Schönheit am Straßenrand.
Aber im Ernst, wir haben es ihr schwer gemacht. Sie wächst neben der mit Bitumen versiegelten Straßen und unter einem gepflasterten Gehweg. Wo ihre Wurzeln die Platten gehoben haben, wurden sie brutal überteert. Was für ein elendes Habitat. Das kleine Quadrat um den Stamm herum ist von verrosteten Fahrrädern bestanden, Hundekot verziert und Hort für Müll. Mädchen, das hast Du nicht verdient! Vom ernsten Schicksal des Berliner Straßenbaums.
Ich hab da was im Gedächtnis aus den Zeiten als mich noch mein Lateinlehrer Attila Huch (so hieß er wirklich) triezte,nach dem unter Linden Mädchen feine Fäden spinnen: „Filia sub tilia…“ Kriege ich nicht mehr zusammen. Jedenfalls werde ich sie heute begießen, die blühende Freya in Moabit. Leute, wässert Eure Bäume!
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DENKMAL.
Gestern kleines Lunch mit drei Professoren in Hannover im Leineschloss, dem Landtag. Vor dem dortigen Restaurant ein großes Denkmal zu den Göttinger Sieben. Welch eine Verpflichtung!
Anfang des 19. Jahrhunderts haben die sieben Profs ihre politische Überzeugung über die Treue zum Landesherren gestellt, der sie daraufhin entließ. Drei der sieben wurden gar verbannt. Ein Ereignis der liberalen Geistesgeschichte. Am Tisch des Restaurants namens Schorse, dessen Freundlichkeit im Service die Kantinenqualität der Küche fast überdeckt, eine Idee eines der vier Weisen. Man solle eine Initiative an der Hochschule „Wir denken nach!“ nennen. Das passte nun wirklich zum „genius loci“, dem Geist des Ortes. Vielleicht geht dieser Mittagstisch ja mal als die „Hannoveraner Vier“ in die Geschichte ein.
Wer seine Mit- und Nachwelt an ein Ereignis erinnern will und die Macht hat, der setzt ein MAHNMAL in die Landschaft. Das ist meist mehr als eine Gedächtnisstütze; das DENKMAL ist immer eine Botschaft. Hinter der historischen Unschuld („Es war einmal…“) steckt ein Statement. Hier will der Stifter eine Deutung von Geschichte festklopfen. Eine kontroverse Deutung, um die Kontroverse zu verhindern. Darum werden die Denkmäler verehrt, umgewidmet , abgerissen. Das ist gut so.
Ein MONUMENT mit dem schönen deutschen Wort des DENKMALS zu versehen, das verdanken wir, wie so vieles, Martin Luther. Ihm wird bewusst gewesen sein, dass dies ein wunderbarer Imperativ ist: „Denk mal!“ Eine Aufforderung an den eselsgleichen Zeitgenossen, sich endlich seines Verstandes zu bedienen. Man möge bitte mal, ausnahmsweise, nachdenken. Großartig.
Auf dem Land fahre ich oft an einem KRIEGERDENKMAL im Nachbardorf vorbei, das an die Opfer im Ersten und Zweiten Weltkrieg erinnert, beschönigend Gefallene genannt, für das Vaterland sind sie gefallen und werden nicht wieder aufstehen. Gleichzeitig höre ich im Radio die bellizistischen Grünen darüber klagen, dass Deutschland „kriegsmüde“ sei. Ja, darum bitte ich; mit Nachdruck.
Die Metropole ist voll von Denkmälern und Einwohnern, die diese Aufforderung zum Denken notorisch missachten. Allenfalls die Touristen, die die laxe Drogenpolitik nach Berlin lockt, haben ein Auge für die Monumente. Man lichtet sich mit dem Handy vor den Sehenswürdigkeiten ab. Was mich an den verunglückten Satz von Gerd Schröder erinnert, das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas müsse ein Ort sein, zu dem man “gerne“ gehe. Das war eine verfehlte Formulierung, aber kein gänzlich dummer Gedanke.
Mit Gerd Schröder habe ich mich dereinst im Leineschloss getroffen, da war er frisch gewählter Ministerpräsident. Mittlerweile, Jahrzehnte später, verachteter Altkanzler. Ich habe ein schlechtes Zahlengedächtnis, bin aber offensichtlich schon eine Weile dabei. Zum Denkmal wird es trotzdem nicht reichen. Schade eigentlich. Aber Gerd kriegt ja auch keins.
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NATÜRLICHE INTELLIGENZ.
Das Staunen darüber, was Apparate so alles können, hat zu der Erfindung der „Künstlichen Intelligenz“ geführt, kurz KI genannt oder AI, nach der „artificial intelligence“; wie alle Moden eine Prahlerei mit Halbwahrheiten. Auf der Straße gegenüber steht ein Batterieauto mit KI, das ständig seine Umgebung filmt und die Daten nach Kalifornien sendet. Ich weiß nicht, was daran intelligent sein soll. Im Gegenteil, ich hätte Lust, den Stecker zu ziehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich interessiere mich neuerdings, wenn auf dem Land, für „plant intelligence“, das ist die Welt der „planta sapiens“, in der man den „light eaters“ eine eigene Form von Verstand abringt. Nein, ich meine nicht jenes Gras, das man seit Neuerem legal rauchen darf. Es geht ernsthaft darum, dass sich der suchende Blick nach einer anderen Intelligenz nicht in den Himmel richten sollte, sondern auf den Boden. Wer jemals einem Baum beim Wachsen zugesehen hat, der ist weit entfernt davon, die Natur für doof zu halten.
Biologen der „new science of plant intelligence“ finden planvolles Verhalten und Kommunikation unter Pflanzen; sie stellen die klassische Hierarchie infrage. Bisher war das Gras blöd, die Kuh, die es frisst, bei Verstand und der Bauer ein vernunftbegabtes Wesen. Darüber gab es noch den Lebensmittelkaufmann von Lidl und ganz oben den Banker und dann allenfalls noch den lieben Gott. Wir denken Intelligenz hierarchisch entlang der Nahrungskette. Welch eine Arroganz.
Man beobachtet nämlich nun, wenn der Blick verändert, Wurzeln, die vorausdenken, Blüten mit Zeitgedächtnis und kooperative Parasitenbekämpfung unterschiedlicher Arten. Gibt es unter Pflanzen gar ein gesellschaftliches Leben? Die Freunde der PI (Wortbildung von mir) glauben gar an ein neues Verständnis des „life on earth“, was mir eigentlich zu anthroposophisch klingt. Aber in mir sitzt seit Jahren ein Stachel, den ein Ornithologe gepflanzt hat, mit dem ich mal über ein Sponsoring der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft sprach.
Es ging um irgendwelche Orchideen und die Vögel mit den langen Schnäbeln, die sie bestäuben. Alte Sicht der Dinge: Die Schwirrflügler wollen an den Nektar und sorgen dabei beiläufig für die Fortpflanzung der Blumen, zu der sie durch die Farbe der Blüten angelockt werden. Neue Sicht der Dinge: Die Blumen ändern die Farbe, wenn sie bestäubt werden wollen und locken so die Piepmätze an, die zur Belohnung für die Kopulationshilfe den Honig kriegen. Wer steuert wen?
Herr des Dschungels sind die Pflanzen; was die Nahrungskette rauf dann da noch so kreucht und fleucht, von der Grille bis zum Gorilla, das leistet Hilfsdienste. Gilt dann wohl auch für den Homo Sapiens. Das wär echt ein Ding!