Logbuch
ZUM GRIECHEN.
Ouzo aufs Haus? Klar! Wir gehen „zum Italiener“ oder „zum Chinesen“, der in Berlin Vietnamese ist. Und es gibt die INDER, die Pakistani sind, die Pizza & Pasta anbieten. Störgefühl. Warum? Der Franzose steht für hohe Kochkunst, der Grieche für Tonnen von Fleisch. Geht das auch andersrum? Das beste Fischlokal, das ich kenne, ist „ein Türke.“ Hier mischen sich Vorurteile, also nationalistische Stereotypen, mit Sitten & Gebräuchen, sprich „elementarer Soziokultur.“ In der ETHNISIERUNG der Esskultur schwingt neben dem Kulinarischen viel von kruden Vorstellungen des NATIONALCHARAKTERs. Eigentlich aus den großstädtischen Migrationskulturen entstanden, also jungen Unternehmungen, die die Küche ihrer Heimat anbieten, sind es heute MODEN der Garküchen. Moden mischen sich. Die politisch Korrekten wissen allerdings, sagen die mit hochgezogener Augenbraue, von authentischen Lokalen; auch das, wenn man es genau nimmt, ein Nationalismus. Ich ging früher, als es noch pandemisch erlaubt war, gern zu einem Lokal, das, in welcher Tradition auch immer, DEUTSCHES HAUS hieß, aber jetzt ein „Jugo“ (so der örtliche Straßenslang) war, dessen tüchtiger Inhaber von Kroatien als seiner „Heimat“ sprach. Das hat mir gefallen. Er hatte am Ort Koch gelernt und ist als Inhaber ein toller Gastgeber. Wir aßen nicht authentisch, sondern nach Neigung. Auch standardmäßiges der sogenannten INTERNATIONALEN KÜCHE (eigentlich ein echter Drohbegriff für schlechte Gastronomie). Das Wiener Schnitzel für die Blonde, das Rinderfilet für mich. Ausgezeichnete Bratkartoffeln. Multi-Kulti als entspanntes Zusammenleben. Man wagt es kaum zu sagen: so soll es doch sein.
PS: Bei „dem Türken“ mit dem ausgezeichneten Fisch begrüßt mich ein Kellner herzlich, weil er mich aus einem Nachbarlokal kenne, einem sündhaft teurem „Italiener“, wo er früher gearbeitet habe; der Mann ist aus dem Libanon. Und ich gehe nicht mehr zu dem Italiener, weil er mir für ein Glas Grappa einen deutlich zweistelligen Euro-Betrag abgenommen hat.
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AMBULANT.
Essgewohnheiten. Was hat sich grundlegend geändert? Nun, früher saß man zum Essen an einem Tisch und zwar zusammen zu geregelten Zeiten. Ein Ritual: Gemeinsame Mahlzeiten. Heute laufen die Menschen essend und trinkend irgendwo herum. Allein. Ein Hot Dog an der Straßenecke, ein Leberkäsbrötchen in der U-Bahn, Gemüse-Döner vor dem Supermarkt. Das Glücksversprechen der Garküchen lautet „to go“: zum Mitnehmen. Der ambulante Verzehr. Entsprechend wandelt sich die Zubereitung; man muss den Verzehr nämlich möglichst ohne Besteck einhändig im Laufen bewerkstelligen können. Früher war dies dem „Essen auf der Arbeit“ geschuldet; so entstanden pasty & sandwich, die Pastete und das Butterbrot. Heute liegt der Grund für die „Dehabitualisierung“ von Mahlzeiten in der allseitigen Hektik, die Essen und Trinken in die Ambulanz, das Rumlaufen verweist. Zuerst fiel mir das bei Amerikanern auf, dass sie immer und überall ein Getränk mitführen müssen; so als begänne schon an der nächsten Ecke die Wüste Gobi, auf die man vorbereitet sein müsse. Dann der Trend zum „finger food“, also dem bestecklosen Verzehr von Kleinstportionen für Einarmige. Auf Stehempfängen wesentlich, weil in der anderen Hand das Glas zu halten ist. Jetzt sehe ich ganze Gesichter in muschelförmige Alufolien tauchen, in der eine Teigtasche Röstfleischschnipsel mit Joghurt und Salatschnipseln darbietet, eine Mahlzeit, die aussieht, als sei sie schon mal verzehrt worden. Vielleicht ist das ja das Erfolgsgeheimnis der angebratenen Hackfleischtaler, sprich der Hamburger; das haschierte Fleisch ist faktisch durch den Kutter des Metzgers schon vorverdaut. Wie auch die in kleine Stücke aufgeschnittene Currywurst. „Mit oder ohne Darm? “, fragt die Berlinerin an der Currybude und der Eingeborene ist, seltsame Beobachtung, ob dieser Frage nicht irritiert. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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DER HOHE TON.
Merkel hat fertig? So hieß es hier. Meinungsjournalismus bewirkt eine Radikalisierung jener, die ihn betreiben. Auf Seiten der Autoren. Aber auch auf Seiten der Leser. Das macht das Klima in den Internet-Medien oft so schwer erträglich. UNDULDSAMKEIT als vermeintliche Tugend. Jakobinische Hitzköpfigkeit. Man lässt sich allzu leicht davon anstecken. Beispiel: Nur weil die Union in der Wählergunst auf ein Viertel fällt und nicht mal mehr eine Koalition mit den Grünen sie an der Macht hielte, gleich von der Kanzlerdämmerung zu reden, das ist eine politische Rede in hohem Ton. Haben wir es nicht eine Nummer kleiner? Geht das nicht moderater? Eine Wechselstimmung bei der nächsten Wahl muss ja nicht gleich als ZEITENWENDE aufgewertet werden. Was kann kommen? Grün/Gelb/Rot, die Ampel, eine normale Variante in unserem Parlamentarismus. Die SPD bliebe in der Regierung, wenn auch mit Abstrichen. Olaf Scholz wird unter der Kanzlerin Annalena Baerbock wieder Finanzminister; Vizekanzler dieser AMPEL ist allerdings Außenminister Christian Lindner; das ist die Bedingung der Gelben fürs Mitmachen. Das Ressort Gesundheit geht in der Ampel an Karl Lauterbach. Wird nicht gehen? Gemach. Ganz ruhig, Brauner. Nur kein hoher Ton.
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FRISCHE BRÖTCHEN.
Ein Tag beginnt mit frisch gebrühtem Kaffee. Den Inglesen billige ich eine gute Tasse Tee zu. Aber eigentlich ist es der Kaffee: the lifeblood of all tired man. Neuerdings allerorten auch aus diesen fabelhaften italienischen Maschinen, die die Bistros schon lange zu Orten der Kultur machen.
Dann aber: frische Brötchen. Wer in elenden Vertreterhotels oder miesen Raststätten deren vermeintliche Geschwister hat runterschlingen müssen, diese halb aufgebackenen fahlen Tiefkühlmonster, weiß, was ich leide. Ein frisch gebackenes Brötchen ist durch nichts, rein gar nichts zu ersetzen. Das macht uns zur Hochkultur, nicht Goethe & Schiller.
Auf dem Lande ist eine völlig neue Form des Einzelhandels entstanden, Bäckereien als Cafés, wenn nicht Restaurants, mit stattlichen Parkplätzen. Öffnungszeiten: immer. Elektronisch zahlen: ja gerne. Und das Brötchen frisch im Laden gebacken. Oder doch nur aufgebacken? Das will ich nicht hoffen. Nehmt mir nicht die Illusion.
Dass Frankreich auch eine Kulturnation ist, das zeigt nicht die Haute Cuisine (Bressehuhn in der Kalbsblase), sondern das Baguette, jenes Stangenweißbrot, das gerade so an frische Brötchen heranreicht. Wer hier zweifelt, unternehme das Experiment amerikanischer Herkunft in der Kette, die U-Boote anbietet. Man kann zweiundzwanzig Zutaten wählen, alle werden aber in einen klebrigen Teigschlauch gefüllt, ein Elend eigener Art. Das gleiche gilt für die Teigmantel der Hamburger aller Art. Junk food.
So wie mein Großvater glaubte, dass uns die Leutnants niemand nachmacht, so glaube ich daran, dass das frische Brötchen uns zu einer Kulturnation macht. Dass deren Wesen in Gefahr ist, zeigt allerdings die Aufstrichfrage. Nein, keine Romulazze, keine Margarine, es darf schon GUTE BUTTER sein, im Handel fast nicht mehr erhältlich. Es wird der Tag kommen, da es Butter nur noch vom Koks-Taxi gibt.
In Berlin, wo ich gelegentlich weile, gibt es kein gescheites Brot, weil es keine gescheiten Bäcker gibt, von frischen Brötchen ganz zu schweigen. Zu Zeiten, wo ich die frühmorgens auf dem Land hole, machen hier die Kneipen und Clubs zu. In Metropolen wie der Stadt an der Seine erfüllt im Erwachen der Stadt der Duft frischen Baguettes die Luft, wenn im Moloch an der Spree noch Döner geht. Statt Butter: „Soße Knobbellauch scharf, Bro!“ Alta Schwede, zum Frühstück. Wir sind verloren.