Logbuch
WALLE WALLE.
In einem dieser neumodischen Hotels, die das Wohnen billig gemacht haben, treffe ich in der Lobby auf zwei Herrschaften mit Zopf und Ohrring, die darüber sinnieren, ob eines nicht allzu fernen Tages die gewaltigen Rechner nicht sich selbst verwalten. Und dann uns. Eine meiner größten Schwächen ist der Zwang zuzuhören, wenn wirklich dummes Zeug erzählt wird, was sich klug gibt. Hier geht es um ARTIFICIAL GENERAL INTELLIGENCE, von den Nerds kurz AGI genannt (Englisch auszusprechen).
Das ist, wenn die Computer eigenen Verstand entwickeln und hinter unserem Rücken beginnen, die Welt zu beherrschen. Nun, es braucht dazu Initiative und Strom. Zumindest das Zweite könnte man ihnen abdrehen. Freiwillig oder, das ist wahrscheinlicher, unfreiwillig. Ich zitiere etwas und die Teck-Genies gucken verstört: „Walle, walle!“ Der Zauberspruch aus der alten Sage, in der man nicht mehr Herr der eigenen Einbildungs- und Erfindungskraft wird. Und die Maschinen die Weltherrschaft übernehmen. Das darf ich erklären. Ich hole aus.
Fließend Wasser war dereinst nicht selbstverständlich. Man muss im kollektiven Gedächtnis kramen, dass es mal eine leidige Pflicht war, mit Krügen den örtlichen Brunnen aufzusuchen, um zuhause ein Bad zu nehmen. Angesichts dieser täglichen Mühe versteht man den Wunsch, dass dies automatisch gehe, etwa indem sich der Stubenbesen zu einem dienstbaren Geist verzaubern lässt. Wozu man das Zauberwort braucht. Für unsere Vorfahren, nehmen wir die Schreiberlinge Goethe & Schiller, war das nur als eine Hexerei denkbar.
Woher meine beiden Kollegen im 18. Jahrhundert ihre Ideen hatten? Das lässt sich sagen. Es wurde munter geklaut, etwa bei den Bloggern der Antike, namentlich den alten Griechen. Schon hier findet sich die Idee der Automatisierung. Womit der kalifornische Oligarch und Tesla-Eigner Musk heute seine Batterieautos verkaufen will, das autonome Fahren, das ist als Idee nicht ganz so frisch wie der Pfälzer Banause glaubt oder glauben machen will, der gerade Amerika wieder groß macht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Blogger Goethe jedenfalls war skeptisch, was die Zauberei der Digitalen Revolution anging. In seiner Ballade vom ZAUBERLEHRLING geht die Sache gründlich schief: „Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los“; so klagt der zaubernde Dilettant, wird aber am Ende doch aus der Überflutung des ganzen Hauses befreit. Ob es den geben wird, den MEISTER, der trotz aller Eigenmächtigkeiten zunächst der Lehrlinge, dann der Dinge, wieder das Sagen hat, das ist die Frage bei der Furcht vor der AGI. Jedenfalls sind die Jungs in der Lobby froh, dass sie mit Walle Walle jetzt das Zauberwort kennen. Sie diktieren es ihrem iPhone, womit die Rechner es jetzt auch kennen.
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WIENER KEIN WÜRSTCHEN.
Man wähle Geschenke mit Bedacht. Weihnachtsgeschenke können das Leben des Beschenkten ändern. Es lastet also in diesen Tagen ein gewisse Verantwortung auf uns, die wir für Kinder oder Enkel das Christkind zu spielen haben.
Ich hatte nicht das, was man eine schwere Jugend nennt, im Gegenteil; aber in der gerade aufgeworfenen Frage doch gemischte Erfahrungen. Meine Eltern legten einen STABIL-BAUKASTEN unter den Baum, mit dem ich rein gar nichts anzufangen wusste. Das waren Metallplättchen, die man zu großartigen Gefährten zusammenschrauben sollte. Der Hersteller namens Walther aus Neukölln drohte damit, dass man so zum Ingenieur werde. Ich brachte es mit dem Zeug zu meinem ersten großen Versagen und meinen bildungsbeflissenen Eltern Kummer.
Das wurde anders mit dem Geschenk eines Folgejahres. Von der Firma Kosmos stand der RADIOMANN unter‘m Baum. Motto: „Vom Gebirg zum Ozean, alles hört der Radiomann.“ Ich baute mir ein Detektorradio und lernte, was ein Halbleiter ist. Das half im Studium bei der Rezeption von Kybernetik; das wiederum legte mir die Systemtheorie vor die Füße und lässt mich heute wissen, wovon die IT-Idioten faseln. Wer eine Diode versteht und den Transistor, den beeindruckt keine KI. So einfach ist das.
Übrigens gab es in der DDR eine intensivere Rezeption der amerikanischen Kybernetik als im Westen; und die Bücher waren billiger, ich tauschte sie gegen Kaffee und Nougat. So bin ich dann auch an meine Blauen Bände gekommen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Für uns, die Kybernetiker, war Wiener jedenfalls kein Würstchen. Was lernt uns das? Man wähle Kindergeschenke mit Bedacht.
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KITSCH AS KITSCH CAN.
Wir müssen reden. Über Weihnachtsbeleuchtungen. Ich bin gestern im Dunklen in mein Dorf gekommen und sie waren an, die Festtagsilluminationen. Zaghafte, wie dereinst die Kerzen im Fenster, mittlere, wie der kleine Tannenbaum erleuchtet im Vorgarten, und monströse. Ganze Häuser in grellbunter Verzierung, Krippen wie Gartenhäuser, Rehlein, Schlitten, Nikoläuse und jedweder Coca-Cola-Kitsch.
Damit ist das Stichwort gefallen. Lauter, vulgärer Kitsch, wo Kunst sein sollte. Die Vorfreude auf eine STILLE NACHT brüllt in ordinärem Neon und tausend Chinalichtern. Der brave Adventskranz mit vier Wachskerzen schaut als Zeuge einer vergangenen Zeit auf endlose Ketten kleiner Birnchen. Bethlehem als asiatisches Geflimmer. Wo es doch, wenn ich das erwähnen darf, um eine Geburt unter ärmlichsten Bedingungen geht; es fehlten Wochenbett, Windel und Wiege.
Womit wir bei einer interessanten Diskussion sind. Was ist noch Kunst? Und was schon Kitsch? In der mittelalterlichen Verehrung der „Jungfrau“ Maria, der Mutter des Religionsstifters, gibt es einen regelrechten Exzess an Süßlichkeiten, die nicht nur für protestantische Augen kitschig wirkten. Vielleicht ist der ganze Mythos um die UNBEFLECKTE eine Ausgeburt der sogenannten Volksreligiosität, die dem Wort des Evangeliums nicht standhält, aber ich will keine religiösen Gefühle verletzen. Jeder nach seiner Facon.
Wenn nun aber die populären Altare flimmern wie Bordelltüren, so mag man doch von Kitsch sprechen. Der Begriff hat aber immer eine eigene Arroganz. Hier urteilt die jeweils herrschende Kunst über ihre triviale Schwester. Die soziale Frage schwingt immer mit. Wer sich kein NOTRE DAME leisten kann, der hat halt ein Reh mit Schlitten vor der Tür zu flimmern. Man sei also nachsichtig. Obwohl… es tut an den Augen weh.
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EIN OBERST UND ARZT.
Auf einem Empfang eines Spitalkonzerns sitzt ein älterer Herr neben mir, der das örtliche Krankenhaus, Achtung, mal als Militärmedizinische Akademie geführt hat. Ich lerne zum 75. Jahrestag der DDR eine Menge Geschichte. Die Klinik war von der KVP gegründet, wurde dann aber zur Akademie der NVA. Aha. Der Herr Oberstarzt spricht von der Kasernierten Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee. KVP und NVA. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.
Die DDR-Armee sei die einzige der deutschen Geschichte, die nie einen Krieg geführt habe. Anders als der Laden, der die elenden Bundeswehrkrankenhäuser betreibe. Und Handlungsmaxime war bei der NVA nicht Profit (wie heute), sondern Humanismus. Ein kleiner Fehler habe darin gelegen, dass man das Leninsche Prinzip des demokratischen Zentralismus nicht konsequent genug durchgesetzt habe. Medizin im Goldstandard, halt nur zu wenig Lenin.
Ich frage, ob es stimmt, dass am Ort ein Lazarett der Roten Armee war, für das eine Zugangssperre bestand, Deutsche nur als Kalfaktoren erlaubt. Die Laune trübt sich ein. Ich frage, ob in seinem Laden nicht auch an Dopingmitteln für Leistungssportler geforscht worden sei. Und man schräge Medizin „außen Westen“ in Studien geschickt habe. Herr Oberstarzt wird ungehalten. Er erzählt was von der unverbrüchlichen Freundschaft mit den Sowjets und von Captagon, das sie vor dem Westen hatten.
Auf die Einsätze des DDR-Militärs in Ungarn und der Tschechoslowakei angesprochen, erfahre ich etwas über die aktive Pflege und Gestaltung der „Waffenbrüderschaftsbeziehungen“, was mir Wessi und Nato-Sklave natürlich vorher nichts sagte. Wir treffen uns demnächst auf ein Bier. Er will mir noch erklären, warum die Wende vor 35 Jahren eine unglaubliche Sauerei war.